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05/2006
 

Afrikas Jugend: Das Ende der Geduld

Alcinda Honwana, Filip de Boeck (Eds.):
Makers and Breakers. Children and Youth in Postcolonial Africa.
Oxford, James Currey 2005, 244 Seiten, 45,00 Pfund,
ISBN 0-85255-434-6

Kinder und Jugendliche sind in den gesellschaftlichen Umwälzungen des heutigen Afrika allgegenwärtige Akteure. Das überrascht nicht. Die Bevölkerung des Kontinents ist erheblich jünger als jene der Industrieländer. Die hohe Politisierung Jugendlicher in der Côte d’Ivoire, Nigeria oder Sierra Leone symbolisiert unter anderem das Scheitern nationaler und panafrikanischer Identitäten. Unter den Bedingungen der extremen sozialen Polarisierung sammeln sie sich in neuen freiwilligen Gemeinschaften.

Die Beiträge in „Makers and Breakers“ begreifen Jugend als eine sozial konstruierte Kategorie. Die soziale, politische und wirtschaftliche Ausgrenzung – für den Großteil der Bewohner des Kontinents die Regel – erfahren junge Menschen besonders stark. Denn sie leben in einer Gesellschaft, in der die Alten das Sagen haben. In den Debatten über Rolle, Verantwortung und Rechte schließen Jugendbewegungen häufig direkt an globale Diskurse zu Menschenrechten und Demokratisierung an. Damit eröffnen sie den von Macht und Wohlstand Ausgeschlossenen neue Kommunikationsfelder, die in der Vergangenheit so nicht vorhanden waren. Die Autoren verwenden den Begriff „Jugend“ im Sinne der Akteure, die sich unabhängig von ihrem realen Alter über ihn identifizieren.

Derart verstanden sind Jugendliche diejenigen, die kein stabiles Einkommen oder die Möglichkeit haben, durch Heirat und ein eigenes Haus einen gewissen sozialen Status zu erreichen. Die gemeinsame Erfahrung des Ausgegrenztseins erleben sie als Basis, um die von den Eliten definierten Vorstellungen von Entwicklung oder Armutsbekämpfung in Frage zu stellen.

Verschiedene Beiträge thematisieren, wie sich Oppositionshaltungen entfalten. Die Spannweite reicht von populärer Musik und Tanz über die individuelle Revolte bis hin zum Eintritt in eine Miliz. Mats Utas beschreibt die Rollen von jungen Frauen im liberianischen Bürgerkrieg, Brad Weiss analysiert Strömungen in der globalisierten Jugendkultur im tansanischen Arusha. Ibrahim Abdullah diskutiert die Rolle der Kultur als Ferment der Subversion während der Diktatur im Sierra Leone der 1980er Jahre.

Andere Essays behandeln den Umgang mit den körperlichen und seelischen Qualen, die ständige Instabilität, Krieg und sozialer Aufruhr mit sich bringen. Untersucht werden Konflikterfahrungen im südafrikanischen Western Cape Ende der 1970er Jahre oder in Indien nach der Ermordung von Indira Gandhi 1984. Filip de Boeck beschäftigt sich mit Hexereivorwürfen gegen Kinder und der Ausbreitung von Pfingstkirchen in Kinshasa. Er schildert, welch zentralen Platz religiöse Ideen und rituelle Praktiken im Leben dieser Stadt einnehmen.

Einig sind sich die Autoren der theoretisch anregenden und empirisch reichhaltigen Veröffentlichung in der Zurückweisung populärer Dichotomien, die in Kindern und Jugendlichen entweder nur Opfer oder nur Täter sehen (wie im oft klischeehaften Bild des Kindersoldaten). Mit dem Versprechen der Modernisierung war es der postkolonialen Elite bis in die 1980er Jahre hinein gelungen, Kritik und Protest zu integrieren. Die Geduld hat sich weitgehend erschöpft. Afrikas Jugendliche wollen ihre Wünsche nach Wohlstand und Respekt nicht länger aufschieben.

Mamadou Diouf kündigt im Resümee – vielleicht etwas voreilig – das „Ende der Repräsentation der Jungen durch die Erwachsenen“ an. Dass Jüngere nicht zwangsläufig weniger gewalttätig verfahren, veranschaulicht die Herrschaft von Jugendgangs und -milizen in den Kriegsregionen Afrikas.

Ruben Eberlein