Beiträge aus der Rubrik
Medien


Afrikas Jugend: Das Ende
der Geduld


Doha-Runde:
Brisante Hochrechnung


„Menschliche Sicherheit“ als
außenpolitisches Leitmotiv


Islamisten: Besser integrieren


05/2006
 

Doha-Runde: Brisante Hochrechnung

Sandra Polaski:
Winners and Losers. Impact of the Doha Round
on Developing Countries.

Washington, D.C., Carnegie Endowment for International
Peace 2006, 110 Seiten, kostenloser Download unter:
www.carnegieendowment.org/trade

Was bringt die Liberalisierung des Welthandels den Entwicklungsländern? Eine neue Studie der Carnegiestiftung widerspricht vielen gängigen Annahmen. So erwartet sie keine Wohlfahrtsgewinne für die ärmsten Länder von einem freieren Agrarhandel.

Der Studie zufolge könnte die globale Wirtschaft um ein halbes Prozent wachsen, würden alle Handelshemmnisse beseitigt. Doch das wird in den Verhandlungen gar nicht gefordert. Die Studie konzentriert sich daher auf die Folgen verschieden starker Handelserleichterungen, die Ergebnis der laufenden Verhandlungsrunde der Welthandelsorganisation sein könnten. Unter dieser Maßgabe brächte die stärkste Marktöffnung Zuwächse von weniger als 0,2 Prozent des Weltsozialprodukts. Sie wären zu 90 Prozent dem Handel mit Industriegütern zu verdanken.

Eine Öffnung des Agrarhandels würde laut Studie den Industrieländern (wo kostspielige Subventionen verschwänden) und großen Exporteuren wie Argentinien, Brasilien und Thailand nutzen. Die übrigen Entwicklungsländer verlören. Die wenig wettbewerbsfähigen Kleinbauern, die das Gesicht der Landwirtschaft in den meisten Entwicklungsländern prägen, hätten das Nachsehen – auch in Brasilien. Den ärmsten Ländern besondere Maßnahmen zum Schutz der Landwirtschaft zu erlauben, würde das Problem mildern, ohne den übrigen Staaten viel zu kosten, befindet die Studie.

Die Gewinne aus dem Abbau von Industriezöllen wären laut Studie viel größer. Sie kämen vor allem Schwellenländern mit konkurrenzfähiger Leichtindustrie zugute: China würde am meisten gewinnen, Indien und einige andere asiatische Staaten könnten ebenfalls profitieren, Lateinamerika aber kaum. Auch die Industrieländer stünden besser da, die ärmsten Länder jedoch schlechter. Afrika südlich der Sahara und Bangladesch würden von jeder denkbaren Liberalisierung geschädigt. Die Kosten der Anpassung an die neuen Regeln sind bei all dem noch nicht berücksichtigt.

Dass frühere Berechnungen zu anderen Ergebnissen kamen, erklärt die Studie mit aktuelleren Daten sowie anderen Annahmen über das Ausmaß der Liberalisierung. Ein weiterer Grund liegt im verbesserten ökonomischen Modell: Die Studie der Carnegie Foundation betrachtet städtische und ländliche Arbeitsmärkte für ungelernte Kräfte getrennt und berücksichtigt die hohe Arbeitslosigkeit in armen Ländern. Ältere Modelle nahmen irrtümlich an, dass steigende Exporte etwa aus China dort zu höheren Löhnen und Preisen führen würden und anderen Ländern Exportchancen eröffnen könnten. Die große Zahl der Arbeitsuchenden macht diese Annahme unrealistisch. Da weltweit massenhafte Arbeitslosigkeit herrsche, sei generell nicht mit höheren Löhnen im Zuge der Globalisierung zu rechnen. Stimmt die Prognose der Studie, werden Industriegüter (anders als Agrargüter) durch die Liberalisierung nicht teurer, sondern billiger.

Der Carnegie Foundation zufolge kann der Freihandel nur einen kleinen Beitrag zur Entwicklung der ärmsten Länder leisten. Und auch das nur, wenn die Industrie- und Schwellenländer ihre Märkte für alle Produkte dieser Länder öffnen, ihnen besondere Schutzmaßnahmen zugestehen und die Entwicklungshilfe – vor allem für die Landwirtschaft – erhöhen. Die Autoren warnen davor, Liberalisierungsschritte angesichts der möglichen Schäden allein auf ökonomische Modellrechnungen zu gründen: Die seien sämtlich unzuverlässig. In jedem Fall wäre es ehrlicher, mehr von den Interessen zu reden, die den Forderungen nach Liberalisierung zugrunde liegen. Verglichen mit Modellrechnungen könnte der politische Kuhhandel am Ende das weniger schlechte Entscheidungsverfahren sein.

Bernd Ludermann