Beiträge aus der Rubrik
Tribüne


„Montags bis Freitags
bis 22.00 Uhr“


Startprobleme in Liberia

Schwierige Kooperation mit
fragilen Staaten



05/2006
 

[ Sportartikel ]

„Montags bis Freitags bis 22.00 Uhr“


Die Arbeitsbedingungen in den Bekleidungsfabriken, die in Sonderwirtschaftszonen für den Weltmarkt produzieren, sind brutal. In Nicaragua kümmert sich das Movimiento de Mujeres „Maria Elena Cuadra“ um die Rechte der Näherinnen. Im Fall El Salvadors haben sich die Clean Clothes Campaign und Puma auf gemeinsame Kontrollen bei Zulieferern geeinigt.


[ Von Sabine Broscheit ]

Mehr als 30 000 Journalisten werden zur Fußballweltmeisterschaft in Deutschland erwartet. Mehr als drei Millionen Gäste werden die einzelnen Spiele live im Stadion verfolgen. Viele Unternehmen, insbesondere der Sportartikelbranche, versprechen sich Profit von diesem Ereignis. Adidas gehört dank Zahlung von 45 Millionen Euro zu den „offiziellen Sponsoren“ des Weltfußballverbandes (FIFA). Das Sport-Event dürfte die Verkaufszahlen der Markenhersteller steigern, deren Produkte an Athletenkörpern weltweit auf den Fernsehbildschirmen zu sehen sein werden.

Weit weniger bekannt ist über die Produktion der Sportartikel und -bekleidung. Aus Kostengründen wird auch Markenware schon längst nicht mehr in den USA oder Westeuropa hergestellt. In sogenannten Weltmarktfabriken schuften vor allem junge Frauen – von China über Rumänien bis Zentralamerika. Ihr Lohn reicht kaum zum Überleben. In Lateinamerika heißen diese Produktionsstätten „Maquilas“. Die Arbeitsbedingungen sind brutal. Zwangsüberstunden sind an der Tagesordnung, Arbeitsschutz kaum bekannt. Kollegen, die sich gewerkschaftlich organisieren, werden entlassen.

Für Nicaragua hat die Bekleidungsbranche große ökonomische Bedeutung. Mehr als 40 Prozent aller Ausfuhren sind mittlerweile Bekleidungsexporte. Die Regierung setzt seit einigen Jahren auf „Zonas Francas“ genannte Sonderwirtschaftszonen. Mit 70 000 Arbeitsplätzen ist die Kleiderfertigung inzwischen der mit Abstand wichtigste industrielle Jobmotor des Landes. Rund eine Millionen Menschen in Nicaragua, also 20 Prozent der Bevölkerung, hängen direkt oder indirekt von diesem Sektor ab.

Der Boom der Bekleidungsindustrie setzte in Mittelamerika bereits in den 90er Jahren ein. Ein Grund war das Quotensystem des Welttextilabkommens im Kontext der Welthandelsorganisation (WTO). Insbesondere asiatische Unternehmen, die die Länderquoten ihrer Heimat ausgeschöpft hatten, suchten neue Produktionsstandorte. Mittelamerika bot zudem Marktnähe und präferenziellen Zugang zu den USA. Der Trend wurde begünstigt von der „Karibisches Becken Initiative (CBI)“ der USA. Sie bietet mittelamerikanischen und karibischen Ländern Zollsenkungen für Bekleidungsexporte, wenn die benutzten Stoffe aus den USA stammen.

Heute, mehr als ein Jahr nach Auslaufen des Welttextilabkommens, muss Nicaragua die chinesische Konkurrenz nicht fürchten. Der monatliche Mindestlohn mit einer Wochenarbeitszeit von 48 Stunden für eine Näherin beträgt in einer Maquila umgerechnet nur 74 Dollar. Das ist nur halb so viel, wie eine Näherin im Nachbarland El Salvador verdient. Es reicht auch nur für die Hälfte des Warenkorbes, mit dem laut offizieller Berechnung eine sechsköpfige Familie in Nicaragua ihr Leben fristen kann. In den behördlich erfassten 160 Dollar fehlt freilich der Aufwand für jegliche Gesundheitsversorung sowie für den Schulbesuch der Kinder.

Arbeiterinnen rackern täglich zehn bis zwölf Stunden, um soviel zu verdienen, dass sie mit ihren Familien überleben können – ohne sich sonst etwas zu leisten. Oft werden sie zu noch längerer Arbeitszeit gezwungen. „Meinen letzten Job in der Maquila habe ich gekündigt“, erzählt die Näherin Manuela. „Der Druck war zu groß. Von Montag bis Freitag musste ich bis 22.00 Uhr arbeiten. Und dann ging es von Samstag 7.00 bis Sonntag morgens um 5.00 weiter.“ Sie schlief nicht mehr zu Hause und sah ihre Kinder kaum.

„Der geringe Lohn und die exzessiven Arbeitszeiten sind in der Maquilaindustrie in Nicaragua das größte Problem“, berichtet eine Arbeitsrechtspromotorin des Movimiento de Mujeres „Maria Elena Cuadra“ (MEC). „Nötig wären unangekündigte Kontrollen durch das Arbeitsministerium in bestimmten Fabriken. Aber das geschieht nicht.“Die regierungsunabhängige Organisation existiert seit zwölf Jahren. Sie bildet Arbeiterinnen zu Rechtspromotorinnen aus, die ihren Kolleginnen in Konfliktfällen mit Rat und Tat bei Seite stehen können. Außerdem formuliert die Initiative Gesetzesvorschläge und macht Druck auf die Behörden.

1994 wurde das MEC gegründet. Damals zogen eine Handvoll Frauen in die Armenviertel und versuchten, die ersten Näherinnen aus den Weltmarktfabriken über ihre Rechte aufzuklären. Sie luden zu Workshops ein. Die Strategie berücksichtigte die Angst vieler Frauen, sich auf gewerkschaftliche Organisationen einzulassen, weil dies zu Jobverlust führen konnte. Die Strategie hat sich bewährt. Heute ist das MEC in fast allen 80 über das Land verteilten Maquilabetrieben vertreten.

Neben Themen wie „Arbeitsrecht, Arbeitsschutz und -sicherheit“ bietet das MEC den Maquilaarbeiterinnen aber auch Workshops zu „Verhandlungstechniken und alternativen Methoden der Konfliktmediation“ an. Diese Veranstaltungen führt die Abteilung für Mediation und Alternative Konfliktlösung (DIRAC) des obersten Gerichtshofs in Nicaragua durch. „Arbeitskonflikte in der Maquila müssen gelöst werden, noch bevor sie vor das Arbeitsgericht gelangen,“ erklärt Dr. Oscar Morales, Anwalt des MEC. Denn Prozesse sind in Nicaragua langwierig und führen selten zum Erfolg für die Arbeiterinnen.

Im MEC ist deshalb mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der Christlichen Initiativen Romero (CIR), einer seit 25 Jahren in Nicaragua engagierten deutschen NGO, ein Zentrum für Konfliktmediation eingerichtet worden. Es beschäftigt zwei Arbeitsrechtler, die Maquilaarbeiterinnen beraten und in Konflikten mit den Personalabteilungen der Firmen in Verhandlung treten. Dabei geht es etwa um unbezahlte Überstunden oder nicht korrekt abgeführte Sozialversicherungsbeträge.

Das MEC kümmert sich um individuelle wie kollektive Arbeitskonflikte. „In manchen Fällen ist aber auch politischer Druck unausweichlich“, sagt Sandra Ramos, die Leiterin des MEC. „Dann setzt das MEC alles in Bewegung, damit das Arbeitsministerium gegenüber dem rechtsverletzenden Unternehmen aktiv wird.“ Das MEC legt wert darauf, dass Konfliktmediation nicht das nationale Arbeitsrecht aushebelt.

„Die Arbeit vor Ort, die Stärkung der Maquilaarbeiterinnen einerseits und der Druck auf die Maquilabetreiber und die Nationalregierung andererseits, ist unablässig für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Maquilas“, sagt Thomas Krämer. Er arbeitet als Projektkoordinator für die CIR in Nicaragua. „Auf der anderen Seite aber müssen die Einzelhandelsunternehmen in den Industrieländern und Markenartikler wie Adidas und Puma in die Verantwortung genommen werden.“


Abkommen mit Puma

Sowohl Adidas als auch Puma lassen in Mittelamerika fertigen. Beide Unternehmen bauen auf sogenannte Verhaltenskodizes. Das sind Kataloge von Sozialstandards, die Zulieferer – wie beispielsweise die Maquilabetreiber – einhalten sollen. Allerdings wird die Einhaltung dieser Regeln in den Betrieben nicht unabhängig kontrolliert, wie das die Clean Clothes Campaign (CCC), ein Bündnis aus unabhängigen Organisationen und Gewerkschaften aus reichen und armen Ländern, fordert.

„In El Salvador und Honduras gibt es immer wieder Fälle, in denen Zulieferer von Adidas die geltenden nationalen Arbeitsgesetze sowie die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) missachten“, berichet Krämer. „Trotz eigenem Verhaltenkodex und angeblicher Kontrolle musste Adidas von der CCC und nationalen NGOs darauf aufmerksam gemacht werden.“

Hoffnungsvoll stimmt da eine Initiative, die die CCC – auch mit Blick auf die Fußball-WM – in Deutschland mit Puma im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat. In zwei Fabriken in der Nähe von El Salvadors Hauptstadt San Salvador werden das Unternehmen und die CCC gemeinsam die Arbeitsbedingungen ein Jahr lang überprüfen lassen. „Ein Pilotprojekt ist das Bündnis“, sagt Martin Gänsler, Pumas stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Maik Pflaum von der CIR, lobt Puma als das erste Sportlifestyle-Unternehmen, das sich auf derlei einlasse.

Die Partner haben sich auf Schwerpunkte ihrer Kontrollen bei direkten und indirekten Puma-Lieferanten in El Salvador geeinigt. Überstunden und Entlohnung gehören dazu. Dafür, dass das Pilotprojekt ernst zu nehmen ist, sprechen zwei Dinge. Die Fabrikkontrollen sollen auch unangekündigt vorgenommen werden. Zudem wurden unabhängige, lokale Organisationen der Zivilgesellschaft damit beauftragt. „Diese Institutionen genießen das Vertrauen von Puma und der CCC, und sie sind auch bei den Beschäftigten anerkannt.“ Puma-Manager Gänsler gibt sich optimistisch: „Wir werden wichtige Erkenntnisse für die weitere Entwicklung unserer Sozialstandards gewinnen. Die Zusammenarbeit mit der CCC wird dazu beitragen, noch mehr Transparenz und soziale Verantwortung bei unseren Zulieferern zu schaffen.“



Sabine Broscheit arbeitet im Movimiento de Mujeres „Maria Elena Cuadra“ als von EIRENE entsandte Beraterin. Vorher war sie zehn Jahre lang als Nicaraguaprojektreferentin bei der Christlichen Initiative Romero in Münster beschäftigt.
sabine.broscheit@gmx.de

Im Internet:
Movimiento de Mujeres „Maria Elena Cuadra:
www.mec.org.ni
Christliche Initiative Romero:
www.ci-romero.de
www.ci-romero.de/seiten/kampagnen/ccc/puma/pressem260106.html