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06/2003
 

[ Interview mit Wolfgang Preiser ]

SARS: Eine neue Seuche der Armen?

Als beispiellose Bedrohung bezeichnete Ende April ein Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die neue Lungenkrankheit SARS, an der bislang rund 8000 Menschen erkrankt und über 500 gestorben sind, vor allem in China (Stand Mitte Mai). Andere Experten warnen vor Panikmache. Fragen an den Frankfurter Virologen Dr. Wolfgang Preiser, der im April als Mitglied einer WHO-Delegation in China war.


Herr Preiser, ist SARS noch einzudämmen oder droht die Gefahr einer neuen globalen Pandemie wie AIDS?

Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich das Krankheitsbild vollständig aus der Welt schaffen lässt. Natürlich wird das nicht leichter, je stärker die Infiziertenzahlen wachsen. Der Schlüssel liegt in China, und dort wurde leider viel Zeit verloren. Zudem gibt es einige Befunde, die allerdings der weiteren Bestätigung bedürfen, nach denen auch nicht erkrankte Menschen das SARS-Virus in sich tragen und weitergeben könnten. Das würde es unwahrscheinlich oder sogar unmöglich machen, SARS auszurotten.

Was unterscheidet SARS von den Grippewellen, die die Welt alle Jahre wieder heimsuchen, zu vielen Toten führen und dann doch früher oder später wieder verschwinden?

Richtig ist, dass mit Blick auf die Zahl der Todesfälle jede normale Grippewelle weitaus größere Folgen hat als bislang SARS. Man muss aber berücksichtigen, dass wir in der Regel dank des weltweiten WHO-Netzwerkes zur Grippe schnell wissen, mit welchem Virusstamm wir es zu tun haben, und dass es eine Impfung gibt. Das ist bei SARS nicht der Fall.

Ist SARS noch gefährlicher als AIDS, weil man sich leichter anstecken kann?

Natürlich wäre AIDS theoretisch ein leicht zu vermeidendes Problem, wir kennen ja die Ansteckungswege. Anfang der 80er Jahre, als es weltweit einige tausend AIDS-Patienten gab, haben die wenigsten vorausgesehen, dass wir heute über 40 Millionen Infizierte und 28 Millionen AIDS-Tote haben würden. Bei SARS ist es heute ähnlich: Wir wissen nicht, wie es sich entwickeln wird.

Was muss geschehen, um die dauerhafte globale Ausbreitung von SARS zu verhindern? Sind Einreiseverbote für Menschen aus betroffenen Ländern, wie sie Ende April Taiwan verhängt hat, übertrieben?

Ja. Auch das Vorgehen in China, ganze Wohnblocks unter Quarantäne zu stellen oder öffentliche Gebäude und Verkehrsmittel zu desinfizieren, hinterlässt den Eindruck, dass durch übertriebenen Aktionismus verlorene Zeit wieder aufgeholt werden soll. Ich fürchte, letztlich wirkt solcher Aktionismus kontraproduktiv, weil er von der wesentlichen Aufgabe ablenkt, Erkrankte zu isolieren und zu behandeln und gezielt jene Personen zu ermitteln, die so engen Kontakt hatten, dass sie sich möglicherweise infiziert haben.

AIDS ist heute vor allem ein Problem für die arme Bevölkerung in Entwicklungsländern. Könnte auch SARS sich zu einer Seuche der Armen entwickeln?

Ich fürchte ja. Die Industrieländer werden die Krankheit in den Griff kriegen. Dagegen werden die Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern völlig überfordert sein. Man sieht das schon in China, wo reiche Provinzen und Städte wie Guangdong und Shanghai sich gut gerüstet haben, während arme Provinzen wie Shanxi sich sehr schwer tun. Dort gibt es große Probleme, und meine größte Sorge besteht zurzeit darin, dass SARS sich in Afrika und Südasien ausbreiten könnte.

Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.