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Capacity Development – Kapazitäten für nachhaltige Entwicklung

„Ein neues Verhältnis zwischen Geber und Nehmer“


06/2003
 

[ Interview mit Frannie Léautier ]

„Ein neues Verhältnis zwischen Geber und Nehmer“

Fragen an die Vizepräsidentin des Weltbank-Instituts, der „Weiterbildungseinrichtung“ der Bank, Frannie Léautier, zum neuen entwicklungspolitischen Ansatz „Capacity Development“.


Das neue Zauberwort der Entwicklungspolitik heißt „capacity development“. Sie nannten diesen Ansatz „das Herz“ einer erfolgreichen Entwicklung. Was sind seine Ziele und Instrumente?
Im Kern geht es darum, dass die Partnerländer selbst zu ihrer Entwicklungsstrategie finden und diese auch planen und umsetzen können. Dazu müssen sie die entsprechenden Kapazitäten haben. Die Instrumente, um solche Kapazitäten aufzubauen, reichen vom Transfer entsprechender Fertigkeiten bis zu Trainingsmaßnahmen; es geht um länderübergreifenden Dialog, um Wissensaustausch, „best practices“ und darum, die Weiterverbreitung von Fähigkeiten zu fördern.

Was ist die besondere Rolle des Weltbank-Instituts dabei? Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit mit InWEnt?
Das Weltbank-Institut konzentriert sich auf die Stärkung individueller Kapazitäten, insbesondere durch den Transfer von Fähigkeiten. Darüber hinaus schafft das Weltbank-Institut Raum für Dialog und gibt Beispiele erfolgreicher Praxis weiter. Was InWEnt angeht, so waren wir angenehm überrascht, wie viel Gemeinsamkeit es in jeder Hinsicht gibt, wie viele gemeinsame Visionen. Die Zusammenarbeit bietet in vielen Bereichen ein großes Potenzial.

Was ist für Sie der Hauptunterschied zwischen „klassischer“ Entwicklungshilfe und dem neuen Ansatz?
Der Unterschied ist ein anderes Verhältnis zwischen Geber und Empfänger. Der neue Ansatz fordert das Entwicklungsland dazu auf, Eigeninitiative zu ergreifen, den „Fahrersitz“ einzunehmen (countries in the driver’s seat). Es geht darum, dass es selbst das Umfeld für erfolgreiche Entwicklung bestimmt. Die Geber wiederum sind aufgefordert, offen zu bleiben in der Frage, welche Lösungen die richtigen sind. Sie müssen in langen Zeiträumen denken und dürfen nicht sofortige Ergebnisse erwarten.

Ist die bisherige Entwicklungspolitik gescheitert?
Sie ist in nur in wenigen Fällen erfolgreich gewesen, zum Beispiel in China, das dafür gesorgt hat, dass die erhaltene Unterstützung auch wirklich fruchtbar wurde. China wusste, was es wollte. Das Land verstand es, die vorhandenen Fähigkeiten mit den von außen herangetragenen Vorstellungen zu verbinden und sicherzustellen, dass sie auf eine Art umgesetzt wurden, die die eigenen Besonderheiten berücksichtigt.

Auch in Zukunft wird es Technische Zusammenarbeit geben müssen, Projektarbeit also. Welchen Stellenwert geben Sie ihr im Rahmen des neuen Ansatzes?
Entscheidend ist, wie man die Projekte angeht. Nach dem neuen Ansatz ein Wasserversorgungssystem zu bauen, hieße zunächst einmal zu fragen: Wer will das überhaupt? Wie soll das System aussehen? Die Menschen müssen sich die Idee zu eigen machen und auch am Erhalt des Systems interessiert sein. Zu kommen und zu sagen, eine Wasserpumpe ist die Lösung, wäre die falsche Herangehensweise.

Bis jetzt sind nur wenige Projekte aus dem Bereich „Capacity Development“ evaluiert worden. Was muss getan werden, um hier voranzukommen?
Es gibt methodologische Fortschritte, aber die Sache bleibt schwierig. Der Grund: Die Stärkung personeller und institutioneller Kapazitäten ist sehr schwer zu messen. Zudem kann es zehn bis 20 Jahre dauern, bis Resultate sichtbar werden. Ob zum Beispiel Lernangebote die gewünschte Wirkung haben, weiß man unter Umständen erst nach langer Zeit, wenn sich Erfolg einstellt.

Die Millennium-Ziele sind hoch gesteckt. Sind sie überhaupt erreichbar?
Ich denke, für die meisten Länder sind die Ziele erreichbar. Und selbst wenn sie nicht erreicht werden sollten, allein das Bestreben der Industrie- und der Entwicklungsländer, dorthin zu gelangen, ist wertvoll. Besser man erreicht das Ziel ein paar Jahre später als überhaupt nicht. Vieles hängt von den großen Ländern ab. Wenn sie solche Fortschritte wie China machen, dann können die Zielwerte global erreicht werden. Ansonsten bemühen wir uns sehr intensiv um regionale Lösungen, besonders in Afrika. Wir haben noch gar nicht richtig realisiert, wie hoch dort durch HIV/AIDS der Verlust an Humankapital ist und was das zum Beispiel für das Ziel bedeutet, allen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen.

Die Fragen stellte Johannes Oetjens.