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06/2003
 

Währungsturbulenzen in Ostasien

Muss China aufwerten?

Von Heribert Dieter

Wieder einmal zeigt sich, dass durch schwankende Wechselkurse die Beziehungen zwischen den Volkswirtschaften aus dem Lot gebracht werden. Japan fordert die Aufwertung des an den Dollar gebundenen chinesischen Renminbi. Genauso könnte es die Aufwertung des Dollars fordern. Auf- und Abwertungen können nicht länger der Schutzschild sein, hinter dem die eigentlich notwendigen Reformen unterbleiben, sagt Heribert Dieter.


In Ostasien sind, fünf Jahre nach der Asienkrise, die Wechselkurse des japanischen Yen und des chinesischen Renminbi in die Diskussion geraten. Von der japanischen Regierung werden schwere Klagen vorgetragen: China gefährde mit seiner Wechselkurspolitik die Überwindung der seit mehr als 12 Jahren anhaltenden japanischen Wirtschaftskrise. Im Februar 2003 forderte der japanische Finanzminister Masajuro Shiokawa die chinesische Regierung offiziell auf, von der festen Bindung des Renminbi an den US-Dollar abzurücken. Da aufgrund der gegenwärtigen Dollarschwäche auch die chinesische Währung gegenüber dem Yen sehr niedrig notiere, habe der chinesische Export unfaire Vorteile, dies schwäche den Standort Japan und ermutige Unternehmen, in China zu produzieren. Die Unterbewertung des Renminbi sei zudem eine der Ursachen für die deflationären Tendenzen in Ostasien. Ob die japanischen Forderungen berechtigt sind, ist allerdings bei genauer Betrachtung sehr fraglich.

Seit 1994 gilt in China ein unveränderter Wechselkurs zum US-Dollar. In den heutigen Zeiten eines fallenden Dollarkurses bedeutet dies einen ebenso stetig fallenden Kurs des Renminbi gegenüber dem Yen oder dem Euro. Für chinesische Unternehmen ist es also momentan sehr viel leichter, mit Wettbewerbern aus Europa oder Japan zu konkurrieren.


Chinas Abwertung 1994

Aber das chinesische Wechselkursregime kann nicht nur aus der Perspektive des Jahres 2003 betrachtet werden. China hatte sich 1994 entschieden, den Renminbi sehr deutlich (um etwa 50 %) abzuwerten. Das führte dazu, dass China verstärkt als Exporteur auf dem Weltmarkt auftreten konnte und den anderen neuindustrialisierten Staaten der Region Konkurrenz machte. Nur drei Jahre später widerstand China allerdings der Versuchung, mitten in der Asienkrise die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Unternehmen durch eine weitere Abwertung zu sichern: 1997/1998 gab es in Asien einen Abwertungswettlauf, der erst durch das Festhalten Chinas am bisherigen Wechselkurs beendet wurde, was den chinesischen Export erschwerte. Die chinesische Regierung hat mit dieser Politik einen sehr wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Asienkrise geleistet.

Diese Erfahrungen sind wichtig, wenn man die heutige Problemlage in Ostasien bewerten will. China hat den festen Kurs zum Dollar auch in den Jahren nach 1998, als der Dollar gegenüber allen Währung massiv aufwertete, nicht in Frage gestellt. Insofern gibt es für die chinesische Regierung heute keinen zwingenden Grund für eine Aufwertung. Gegen eine Aufwertung sprechen allerdings substantielle Interessen: Ein wichtiges Motiv ist, dass China sehr hohe Dollarreserven hat. Einschließlich Hongkongs belaufen sich diese auf über 380 Mrd. $. Bei einer Aufwertung des Renminbi gegenüber dem Dollar würde ihr Wert, in Landeswährung gerechnet, deutlich sinken. Daran kann China kein Interesse haben.

Die Integration Hongkongs in die Ökonomie der Volksrepublik ist ein weiterer Grund für das Festhalten Pekings am gegenwärtigen Wechselkurs zum Dollar. Auch Hongkong hat seine Währung seit vielen Jahren an den US-Dollar gebunden, was zu stabilen Wechselkursen gegenüber China führt und die wirtschaftliche Integration Hongkongs erleichtert. Zudem hat die feste Bindung an den Dollar für viele Menschen in Hongkong symbolischen Wert, und schließlich wird durch die gegenwärtige Abwertung des Dollars das Problem einer möglichen Überbewertung des Hongkongdollars beseitigt.

Außerdem sind nach der Asienkrise die meisten Länder Südost- und Ostasiens wieder zu einer Orientierung am Dollar zurückgekehrt. Eine Aufwertung würde daher die Position chinesischer Unternehmen gegenüber ihren Konkurrenten aus Thailand oder Südkorea schwächen.

Für China ist es leicht, den Wechselkurs der Währung zu verteidigen, weil Export und Import von Kapital in China streng reglementiert sind. Solange China an diesen Beschränkungen des Kapitalverkehrs festhält, können Auf- und Abwertungen politisch gesteuert werden und sind nicht Marktkräften ausgesetzt. Die umfassenden Kapitalverkehrsbeschränkungen verhindern, dass die chinesische Währung zum Gegenstand spekulativer Attacken wird.


Japans strukturelle Probleme

In Japan hingegen kämpft die Notenbank seit Jahren gegen eine Aufwertung des Yen. Japan weist schon seit Jahrzehnten hohe Überschüsse in der Leistungsbilanz auf. Zugleich kennt Japan keine nennenswerten Beschränkungen des Kapitalverkehrs mehr. Deshalb werden große Mengen an Kapital exportiert. Dies hätte eigentlich zu einer sehr drastischen Aufwertung des Yen führen müssen. Aber die Notenbank versucht den Kurs ihrer Währung zu drücken: Sie kauft Dollar gegen Yen auf, woraufhin der Wert des Yen sinkt. Die Folgen sind zum einen ein noch immer recht niedrig bewerteter Yen, zum anderen ein stetiges Wachstum der japanischen Währungsreserven.

Diese Reserven sind inzwischen gigantisch: Japans Reserven beliefen sich schon im vergangenen August auf über 456 Mrd. Dollar, ein Zuwachs von 150 Mrd. Dollar innerhalb von 30 Monaten. Die Notenbank hat also in den vergangenen zweieinhalb Jahren jeden Monat im Schnitt Yen im Wert von 5 Mrd. Dollar gegen Dollar verkauft und damit den Kurs gedrückt.

Angesichts der gezeigten Zusammenhänge ist der japanische Vorwurf der Manipulation von Wechselkursen gegenüber China nicht gerechtfertigt. Umgekehrt wird eher ein Schuh daraus: Das noch immer sehr reiche Industrieland Japan bekämpft seit Jahren die eigentlich zu erwartende Aufwertung der eigenen Währung, um exportfähig zu bleiben, und ist nicht in der Lage, die nunmehr 12 Jahre währende Wirtschaftskrise durch entschlossene Reformen zu überwinden. Das Industrieland Japan muß sich selber helfen und nicht von China, das noch immer ein Entwicklungsland ist, die Lösung der japanischen Probleme verlangen.

Doch was könnte in Japan getan werden? Im Grunde müssen gleichzeitig drei Probleme gelöst werden:

  • Japans überschuldeter Finanzsektor kann aus eigener Kraft die enormen Altschulden nicht abschreiben und benötigt öffentliche Hilfe.
  • Der ebenfalls hochverschuldete japanische Staat braucht höhere Einnahmen.
  • Die zutiefst verunsicherten japanischen Verbraucher müssen wieder Zuversicht gewinnen, welche letztlich die wichtigste Voraussetzung für ein Anwachsen der Binnennachfrage ist.
Japan braucht radikale Lösungen

Aber diese Trias von Problemen ist mit herkömmlichen Maßnahmen nicht zu bewältigen: Eine Kapitalspritze für die Banken würde die öffentliche Hand noch tiefer in die Schuldenfalle führen. Ebenso unrealistisch wäre eine massive Steuererhöhung: Sie würde die Krise verschärfen und die Binnennachfrage noch mehr einschränken.

Japan ist in einer so vertrackten Situation, dass im Grunde nur radikale Maßnahmen Erfolg versprechen. Denkbare wäre eine einmalige Abgabe auf Ersparnisse. Japanische Privathaushalte verfügen über enormen Wohlstand: Etwa 18 000 Mrd. US-$ liegen auf japanischen Sparkonten. Bereits 10 % davon würden ausreichen, um den Finanzsektor und die öffentlichen Haushalte spürbar zu entlasten. Der psychologisch wichtige Neuanfang wäre damit gemacht. Allerdings wäre eine solche Maßnahme ein gravierender Schnitt und in seinen Wirkungen einer Währungsreform vergleichbar. Japans Politik ist zu diesem oder einem vergleichbar radikalen Schritt nicht bereit.

Die ökonomischen Probleme Japans können nicht von China geschultert werden. Die japanischen Forderungen nach einer Aufwertung der chinesischen Währung sind absolut verfehlt. Japan versucht seit Jahren, durch eine Exportoffensive die anhaltende Wirtschaftskrise zu überwinden. Dies ist schon bisher nicht gelungen und wird auch künftig nicht funktionieren. Eine Revision der bisherigen Politik tut not: Die Wirtschaftspolitik in Japan muss mit unkonventionellen Ansätzen die Krise meistern und darf nicht von Entwicklungsländern verlangen, sie sollten einen wesentlichen Beitrag zur Sanierung einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt leisten.



Dr. Heribert Dieterarbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, in der Forschungsgruppe Globale Fragen. heribert.dieter@swp-berlin.org