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Analysen und Berichte


Wenn Abwanderung der Entwicklung dienen soll

Organisierte Unverantwortlichkeit

Krisen überschreiten Staatsgrenzen

Geteilte Verhandlungen


06/2004
 

[ ILO/GTZ-Expertentreffen ]

Wenn Abwanderung der Entwicklung dienen soll

Arbeitsmigration prägt die wirtschaftliche Lage der Herkunftsländer – negativ und positiv. Dem seit langem beklagten Brain-Drain, der Abwanderung hochqualifizierter Kräfte, steht auch ein Brain-Gain gegenüber. Migranten können der Heimat helfen, indem sie ihr technisches Wissen und Handelskontakte vermitteln oder als Investoren auftreten. Das gewaltige Entwicklungspotenzial der Diaspora – der biblische Begriff ist längst zum ethno-soziologischen Terminus mutiert – wurde bislang kaum systematisch erkannt. Weltweit überweisen Migranten Schätzungen zufolge jährlich zwischen 72 und 120 Milliarden Dollar in ihre Heimat. Fast unberührt von den wirtschaftlichen Krisen der letzten Jahrzehnte nahmen die Rücküberweisungen zu, überholten schon Mitte der neunziger Jahre das Finanzvolumen öffentlicher Entwicklungsleistungen und bilden in den Entwicklungsländern die zweitgrößte Devisenquelle. Derartige Trends diskutierte Anfang Mai eine Konferenz von GTZ und ILO in Berlin.

Freilich landet das Geld, soweit es nicht von politisch motivierten Migrantenkreisen an sympathisierende Verbände in der Heimat fließt, zumeist in den Taschen der Familienangehörigen, die es für den Konsum ausgeben und damit natürlich auch die Wirtschaft beleben. Die Ärmsten allerdings, so zeigen Erhebungen in Mexiko, kriegen davon kaum etwas ab. Großinvestitionen, etwa Projekte des Bildungs- und Gesundheitswesens, des Straßen- und Brückenbaus, der Kanalisation, der Strom- und Wasserversorgung, werden nur zu einem kleinen Teil aus diese Topf beglichen. Eher wird die Gründung kleiner und mittlerer Familienunternehmen finanziert, was aber nicht immer sinnvoll ist. Im Kosovo etwa wurden mit Migrantengeld Tankstellen aufgebaut, die nun als Investitionsruinen in dichter Folge an den Straßen stehen. Andererseits zeigen Softwarebüros in Indien, dass mittelständische Gründungen ökonomisch auch sehr erfolgreich sein können.

Es mangelt jedoch überall – in den Herkunfts- wie in den Aufnahmeländern – an seriösen, unabhängigen Beratungs- und Koordinierungsstellen oder auch Fonds, die den Aufbau zukunftstauglicher Unternehmen fördern und dadurch helfen, Arbeitsplätze zu schaffen. Überfällig sind gesetzgeberische Maßnahmen, die – zumal in Deutschland – die Zuwanderung auf allen Gebieten regeln und dabei die wirtschaftlich zunehmend interessante Pendelmigration absichern. Zudem sollten die Banken, die bislang für Auslandsüberweisungen saftige Gebühren kassieren, Migranten vernünftigere Geschäftsbedingungen gewähren. Bislang sind nämlich private Kuriere oder das zwielichtige Hawala-System wichtige Überbringer der Devisen.

Derweil ist nicht zu übersehen, dass der Brain-Drain anhält. Laut einer OECD-Studie bedeutet etwa die Abwanderung von 9000 Ärzten aus Südafrika den Verlust von rund einer Milliarde Dollar, die in deren Ausbildung investiert wurde. Äthiopien und Sambia büßten den Daten zufolge sogar die Hälfte ihres medizinischen Personals durch Migration ein. Das ist ein dramatischer Verlust zumal vor dem Hintergrund der Aidsseuche und anderer Krankheiten.

Johannes Wendt