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Analysen und Berichte


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Organisierte Unverantwortlichkeit

Krisen überschreiten Staatsgrenzen

Geteilte Verhandlungen


06/2004
 

[ Korruption ]

Organisierte Unverantwortlichkeit

Entwicklungspolitische Praktiker stoßen früher oder später auf Korruption. Dennoch bleibt das Thema tabu. Georg Cremer, Geschäftsführer von Caritas International, fragt provozierend, wieviel die projektdurchführenden Organisationen eigentlich erfahren wollen. In der Regel wüssten die Mitarbeiter mehr als ihre Arbeitgeber, hätten aber keine Chance, ihr Wissen weiterzugeben und Veränderungen zu bewirken. Dahinter stecke die Befürchtung, wer Veruntreuung aufdecke und darüber auch dem Geldgeber (in Deutschland meist das Entwicklungsministerium) berichte, müsse möglicherweise Mittel zurückzahlen.

Staatliche Organisationen machen keine viel bessere Figur. Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll im April berichtete Ralf Orlik von der KfW Entwicklungsbank, bei der Kreditanstalt überprüfe die Innenrevision alle Ausgaben und komme in aller Regel Veruntreuungen auf die Spur. Joachim Menze von der EU-Kommission hält das für zu optimistisch. Denn interne Revisoren überprüften nur die rechnerische Richtigkeit, könnten aber kaum Fehlverwendungen erkennen. Die EU unterhält deshalb für diese Aufgabe ein eigenes Büro, die Betrugsbekämpfungsstelle OLAF (Office de Lutte Anti-Fraude) mit 350 Mitarbeitern. Eine vergleichbare Stelle hat die KfW nicht, hier ist die Aufgabe vage „im Vorstandssekretariat angesiedelt“. Allerdings hat auch OLAF eine entscheidende Schwäche: Zwar sind alle EU-Mitarbeiter verpflichtet, mit der Stelle zusammenzuarbeiten, nicht aber die Mitarbeiter nationaler Verwaltungen. Die aber sind es, die das Geld ausgeben.

Besondere Schwierigkeiten haben die Mitarbeiter kirchlicher Hilfswerke. Sie haben in der Regel die einheimische Partnerorganisation als Arbeitgeber, im Falle der katholischen Kirche sind das die Bischöfe. In ihrer Entsendeorganisation ist der Personalreferent ihr Ansprechpartner, der aber für die Projektdurchführung nicht zuständig ist. Die finanziellen Mittel kommen von einer anderen Organisation, etwa von Misereor, bei der sie aber organisatorisch nicht angebunden sind. Wenn sie auf Korruption stoßen, haben sie niemanden, mit dem sie sich beraten könnten. Die evangelischen Kirchen sind insgesamt nicht besser organisiert.

Die Kirchen haben sich lange Zeit darauf herausgeredet, dass religiös motivierte Partner besonders vertrauenswürdig seien. Es ist aber längst klar, dass Korruption, Veruntreuung und Nepotismus auch in kirchlichen Organisationen auftreten. Häufig liegt das daran, dass Partnern Managementkompetenzen fehlen, etwa in der Buchführung. Ausbildung hierfür steht aber nicht auf der Agenda. Häufig fehlt den einheimischen Partnern außerdem das Bewusstsein dafür, was „Zweckbindung“ bedeutet. Mittel werden dann etwa für den Hausbau des Pfarrers verwendet oder zur Finanzierung der Fixkosten der Partnerorganisation. Derlei ist verständlich, da Eigenmittel meist nicht vorhanden sind. Dies alles müsste offen diskutiert werden, stattdessen wird der Mantel des Schweigens darüber gebreitet. Einige Teilnehmer der Konferenz wollen es nicht dabei belassen, sie kündigten an, sie würden sich künftig systematisch mit dem Thema beschäftigen.

Reinold E. Thiel