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 06/2004
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Entwicklungspolitik:
Kritik an Joseph Stiglitz
Ben Fine, Costas Lapavitsas,
Jonathan Pincus: Development Policy in the Twenty-first Century.
Beyond the post-Washington consensus.
London, New York, Routledge 2001,
224 Seiten, 33,95 US-Dollar,
ISBN 0-415-30618-3
Normalerweise schätzen Linke den ehemaligen Chefvolkswirt der Weltbank, Joseph Stiglitz. Schließlich hat seine Arbeit dazu beigetragen, dass die Bank wieder die Rolle des Staates im Entwicklungsprozess betont. Stiglitz Fokus auf funktionstüchtige Institutionen hat die Positionen der Weltbank in den vergangenen Jahren im Sinne vieler linker Kritiker verändert.
Gegen den Trend zum allgemeinen Lob wenden sich Professor Ben Fine und weitere Autoren von der Londoner School of African and Oriental Studies. Sie werfen dem Starökonomen und Nobelpreisträger vor, mit seiner Theorie die Kontinuität altbekannter Praktiken der Weltbank zu legitimieren. Letztlich unterschieden sich die Empfehlungen von Stiglitz ungeachtet einer verändertern Rhetorik wenig vom neoliberalen Mainstream.
Der Kern der Kritik lautet, Stiglitz halte am Primat des Marktes fest und erweise sich nur insofern als undogmatisch, als er nicht von dessen reibungslosem Funktionieren ausgeht. In der Tat behauptet Stiglitz, unvollständige Information führe systematisch zu Marktversagen und lasse sich nur durch (staatlich garantierte) Institutionen korrigieren. Das erfordere verantwortungsvolles Regierungshandeln.
Fines Kreis beschäftigt sich im vorliegenden Band mit einer breiten entwicklungspolitischen Themenpalette. Sie umfasst unter anderem Landwirtschaft, Finanzsektor, Industrialisierung und Korruption. Die Autoren vergleichen jeweils die orthodoxen Positionen des Washington Consensus mit den Modifikationen der Stiglitz-Schule, um diese dann wiederum mit empiri-schen Daten (vor allem der erfolgreichen Volkswirtschaften Südostasiens) zu kontrastieren. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass das Stiglitzsche Denken auf theoretischer Modellbildung fußt aber nicht auf praktischer Erfahrung.
Die Autoren werfen Stiglitz vor, er ignoriere kritische empirische Arbeiten über Weltbank und Währungsfonds. Sein Ansatz diene lediglich dazu, die Hegemonie der Ökonomie über andere sozialwissenschaftliche Disziplinen herzustellen. Die neue Begrifflichkeit erlaube es, deren Einsichten über den Umweg Institution in marktwirtschaftliche Konzepte zu integrieren und ökonomischen Kalkülen zu unterwerfen.
An dieser Argumentation ist etwas dran und das macht das Buch für Theorieinteressierte le-senswert. Allerdings wirkt die Vehemenz der Kritik bemüht. Die Autoren bejammern die volkswirttypische Fixiertheit auf mathematisch erfassbare Marktlogik. Allerdings erscheint ihre eigene, wiederholte Forderung, politische und historische Entwicklungsperspektiven im Lichte von Klasseninteressen zu analysieren, ähnlich borniert.
Dass Stiglitz Vorstellungen deutlich von der Politik des Internationalen Währungsfonds abweichen, räumt Fine nur am Rande ein. Dabei hat der gescholtene Politikberater die Schwesterinstitution der Weltbank ausdrücklich wegen ihrer Neigung zu übertriebenen Schocktherapien, übereilter Privatisierung und überzogener Fixierung auf makroökonomische Stabilität kritisiert und schied nicht zuletzt wegen solcher Konflikte aus der Weltbank aus.
Hans Dembowski
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