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Editorial
 06/2004
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Hilfe mit Schattenseiten
Je mehr Nahrungsmittelhilfe Äthiopien in den letzten Jahren erhalten hat, desto größer scheint der Bedarf daran geworden zu sein. Deutlicher als Peter Hazell, Mitarbeiter am Washingtoner International Food Policy Research Institute, kann man das Problem kaum benennen: Wo Gemeinschaften über längere Zeit Nahrungsmittel erhalten, besteht die Gefahr, dass sie sich daran gewöhnen und verlernen, sich selbst zu versorgen. Nach Äthiopien fließen seit der großen Hungerkatastrophe 1984/1985 jährlich zehntausende Tonnen Getreide und andere Nahrungsmittel, und in vielen Landesteilen hängt die Bevölkerung längst davon ab. Die Regierung hat das Problem endlich erkannt: Vor einem Jahr startete sie eine neue Initiative, die New Coalition for Food Security, die bis zum Jahr 2008 die Abhängigkeit von der Hilfe lindern soll.
Äthiopien-Kenner sind skeptisch. Innerhalb von fünf Jahren lässt sich nicht korrigieren, was zwanzig Jahre lang versäumt wurde, sagt der Leiter eines Projekts zur Ernährungssicherung im Norden des Landes. Nahrungsmittelhilfe ist ein großes Geschäft, das Strukturen schafft, die sich nur schwer durchbrechen lassen. Mit Nahrungsmittelhilfe lässt sich viel Geld verdienen. Zum Beispiel im Transportsektor. So verschlingen Transport und andere Logistik die Hälfte des Budgets für die Afghanistan-Operation des Welternährungsprogramms. Nahrungsmittehilfe fördert mehr das Transportgewerbe als die Armen auf dem Land, sagt der Weltbank-Mitarbeiter Peter Middlebrook.
US-Nahrungsmittelhilfe darf aus diesem Grund nur in US-amerikanischen Schiffen transportiert werden. Auch die Saatgutindustrie, vor allem die der USA, verdient gut an der Hilfe, weil die US-Regierung ihre Überschüsse kauft und in der ganzen Welt als Almosen verteilt. Weil sie dem größten Geber vor allem zur Überschussbeseitigung dient, ist Nahrungsmittelhilfe der unbeständigste Bestandteil internationaler Entwicklungshilfe (Edward J. Clay, S. 232). Kaum ein anderes entwicklungspolitisches Instrument ist so geberorientiert. Es dürfte für das Welternährungsprogramm (WFP) deshalb gar nicht so einfach sein, sich selbst arbeitslos zu machen, wie Susana Rico, die WFP-Länderdirektorin für Afghanistan, das Ziel ihrer Organisation formuliert (Interview auf S. 242). Denn ob und wieviel Nahrungsmittelhilfe Afghanistan erhält, hängt eben längst nicht nur von der Versorgungssituation im Land ab.
Andererseits ist Nahrungsmittelhilfe unverzichtbar. In Notsituationen rettet sie Menschenleben. Und solche Notsituationen verursacht durch Krieg, Umweltzerstörung und eine Weltwirtschaftsordnung, in der die Armen nichts zu melden haben nehmen zu. Wo Menschen zu verhungern drohen, müssen sie schnell und unbürokratisch mit Nahrung versorgt werden. Das funktioniert häufig gut. Häufig aber auch nicht, weil die Hilfe nicht immer dann verfügbar ist, wenn Bedarf besteht, sondern dann, wenn die Geber Überschüsse loswerden wollen. Wenn es akut um Leben und Tod geht, ist die Berechtigung von Nahrungsmittelhilfe über jeden Zweifel erhaben. Um diese Legitimität nicht zu verspielen, muss sichergestellt sein, dass die Hilfe in Notsituationen ausreichend und schnell zur Verfügung steht. Dazu muss Nahrungsmittelhilfe von den Interessen der Landwirtschaft in den Geberländern entkoppelt werden.
Darüber hinaus müsste die Aufgabe darin bestehen, Nahrungsmittelhilfe so zu gestalten, dass sie auch langfristige Entwicklung unterstützt. Konzepte dafür gibt es. Food for work zum Beispiel, durch das entwicklungsfördernde Werte geschaffen werden sollen. Die Deutsche Welthungerhilfe verknüpft Not- und Strukturhilfe, indem sie ihre Nahrungsmittelhilfe in die Förderung des Agrarsektors einbettet (Jochen Donner, S. 236). Und die EU-Kommission kauft ihre Nahrungsmittelhilfe zunehmend in den Empfänger- oder in deren Nachbarländern mit dem Ziel, unerwünschte Nebenwirkungen auf die lokalen Märkte zu begrenzen oder sie sogar zu beleben. (Gerhard Schmalbruch und David J. Walker, S. 239).
Einwände gibt es gegen alle Ansätze, durch die der entwicklungspolitische Nutzen von Nahrungsmittelhilfe erhöht werden soll. Eine Studie der EU-Kommission zur Nahrungsmittelhilfe in Afghanistan nennt einige (S. 246): Food for work beispielsweise sei wenig geeignet, langlebige Werte zu schaffen, da die dafür benötigten gut ausgebildeten Arbeiter mit Geld bezahlt werden wollen. Und die lokale Beschaffung von Hilfsgütern sei im Prinzip eine gute Idee, setze jedoch eine funktionierende Infrastruktur vor Ort voraus, die es in Afghanistan wie in vielen anderen Ländern nicht gibt.
Der grundsätzliche Einwand gegen eine Nahrungsmittelhilfe, die mehr als Nothilfe sein will, lautet indes: Wo Hilfsorganisationen einmal Fuß gefasst haben und ihr Engagement ausdehnen, neigen sie dazu, sich unentbehrlich zu machen. Und die Hilfeempfänger gewöhnen sich daran. Möglicherweise muss der Anspruch zurückgeschraubt werden: Nahrungsmittelhilfe sollte langfristige Entwicklung zumindest nicht behindern.
Tillmann Elliesen
ist E+Z-Redakteur
euz.editor@fsd.de
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