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06/2004
 

[ Welttreffen in Berlin ]

„Würdige Arbeit statt Ausbeutung“ für Kinder

Ziegen hüten, Reifen reparieren oder Papier sammeln und recyceln – derlei kann Kindern als sinnvolle Anstrengung erscheinen, die ein bisschen Geld einträgt, das Familieneinkommen mehrt und so auch den Schulbesuch ermöglicht. Gelegentlich soll es sogar Spaß machen. Jedenfalls schätzen Betroffene solche Tätigkeiten ganz anders ein als unter Tage im Bergwerk schuften, in gebückter Haltung stundenlang Edelsteine schleifen oder Teppiche knüpfen. Erwerbstätige Kinder aus Entwicklungsländern warnen, selbst derartige Fron werde schlimmer, wenn sie offiziell verboten werde, wie das ILO-Konventionen vorsehen. Denn dann gehe die Sklaverei der Minderjährigen in feuchten, dunklen Verstecken weiter. Damit steige die Wahrscheinlichkeit, Staub und giftigen Abgasen ausgesetzt zu werden. Die ILO schätzt die Zahl der Kinderarbeiter weltweit auf 350 Millionen. Dazu zählen auch zur Prostitution gezwungene Mädchen und Jungen. Allein in Thailand betrifft das laut ILO 200 000.

Das generelle Verbot der Kinderarbeit scheint angesichts dieser Tatsachen als illusionär und sogar kontraproduktiv. Das hat sich unter Gewerkschaften herumgesprochen. Sie unterstützten daher das Welttreffen der arbeitenden Kinder im April im Berlin, zu dem 30 Abgesandte aus 23 lateinamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Ländern anreisten, manche mit Übersetzern und Betreuern aus zivilgesellschaftlichen Organisationen. Vor der Presse im Berliner DGB-Haus protestierten die Jugendlichen – die meisten zwischen 15 und 17 Jahre alt – gegen pauschale Verbote und forderten stattdessen menschliche Arbeitsbedingungen. Es ging ihnen um „würdige Arbeit“ statt Ausbeutung, wie auch auf
T-Shirts betont wurde.

Der Berliner Kongress folgte dem ersten Welttreffen arbeitender Kinder (NATs), das 1996 im indischen Kundapur, Indien, stattfand. Zuvor waren in Lateinamerika und dann auch in Afrika und Asien Kindergewerkschaften entstanden – manche legal, andere illegal, manche mit staatlicher, andere mit NGO-Unterstützung. Das Berliner Treffen wurde von einem Initiativkreis gegen Ausbeutung und für die Stärkung arbeitender Kinder – ProNats (website: www. pronats.de) – ausgerichtet, in dem sich verschiedene Gruppen und Personen zusammengefunden haben. Organisator war die Arbeitsstelle für Globales Lernen und Internationale Kooperation an der TU Berlin. Diese Einrichtung soll ihre Arbeit demnächst einstellen – aus Sparzwängen.

Johannes Wendt