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Beiträge aus der Rubrik Neues von InWent
Mit dem Meer leben
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 06/2004
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[ Küstenmanagement ]
Mit dem Meer leben
Ein Viertel aller Menschen lebt in Küstengebieten. Die meisten von ihnen haben mit Überfischung, ökologischen Krisen, den Folgen der Industrialisierung oder Massentourismus zu kämpfen. Fast immer stehen sich dabei kurzfristiges Profitdenken und langfristiger Umweltschutz, Ausbeutung der Natur und traditionelle Nutzungsrechte gegenüber. Coastman, ein internationales Netzwerk für das Training des integrierten Managements von Küstenzonen, versucht dem entgegenzuwirken.
[ Von Martin Foth ]
Die Fischer im Provinzstädtchen Narra auf der philippinischen Insel Palawan haben ein Problem: Seit Jahren finden sie immer weniger Fische in ihren Netzen. In Bahia de St. Vicente, einem Industrievorort der südchilenischen Hafenstadt Concepción, verpesten Raffinerien und Industrieanlagen die Luft und das Wasser. Seit in einem der Chemiewerke vor zehn Jahren ein Großfeuer ausbrach, herrscht Angst in den benachbarten Wohnvierteln. Auf Providencia, einer kleinen Karibikinsel, die zu Kolumbien gehört, fühlen sich die 5000 Einwohner von den Plänen der Tourismusindustrie bedroht. Die geplanten Apartment- und Hotelanlagen, so fürchten sie, werden nicht nur das beschauliche Inselleben zerstören, sondern den lokalen Fischern und Landwirten mit billig importierten Waren die Lebensgrundlage entziehen.
Palawan, St. Vicente, Providencia sosehr sich die drei Küstenstriche unterschei-den, so typisch sind ihre Probleme. Die Beispiele aus Asien, Mittel- und Südamerika könnten auch anderswo spielen. Mehr als 1,5 Milliarden Menschen leben entlang der Küsten. Einem Großteil von ihnen machen die Folgen von Überfischung, Umweltzerstörung, Industrialisierung und Massentourismus zu schaffen. Vielerorts prallen die Interessen einflußreicher Wirtschaftsgruppen und die des Natur- und Umweltschutzes, industrialisierte Ausbeutung der Natur und traditionelle Nutzungsrechte aufeinander.
Soziale und politische Konflikte treten an den Küsten fast idealtypisch in Erschei-nung. Darin liegt auch eine Chance. Wer es schafft, konkrete Vorstellungen für eine nachhaltige Nutzung der Küstenzonen zu entwickeln und möglichst viele der widerstreitenden Interessen einzubeziehen, hat gute Chancen, manches davon tatsächlich umzusetzen. Dieser Gedanke stand am Anfang des Coastman-Projekts, das InWEnt im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und des Bremer Landesamtes für Entwicklungszusammenarbeit koordiniert.
Integriertes Küstenzonenmanagement heißt das Stichwort, aus dem sich die ver-schiedenen Coastman-Aktivitäten ergeben. Im Mittelpunkt steht die achtmonatige Ausbildung Sucomar (Sustainable Use of Coastal and Marine Resources). Etwa 160 Teilnehmer aus Südostasien, Lateinamerika und dem südlichen Afrika haben sie in den vergangenen acht Jahren in Bremen absolviert. Mitarbeiter aus Umweltministerien und den Verwaltungen von Nationalparks waren darunter, aber auch junge Meeresbiologen, Ökonomen und Sozialarbeiter. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit über Länder-, Kultur- und Berufsgrenzen hinweg gehört zum Konzept der Ausbildung. Die Hafen- und Hansestadt Bremen ist ein idealer Standort dafür. Hier lässt sich das theoretische Lernprogramm mit Einblicken in die Praxis von Hafenwirtschaft, Logistik, Fischverarbeitung und Meeresforschung verbinden.
Romeo Cabungcal hat den Sucomar-Kurs in Bremen absolviert. Er arbeitet mittlerweile für das Landwirtschaftsministerium auf der Philippinen-Insel Palawan. Zusammen mit lokalen Behörden und den Fischern hat er in Narra ein Konzept für den Umgang mit den sinkenden Erträgen aus dem Fischfang entwickelt. Der Niedergang der Fangerträge ließ sich nicht stoppen, obwohl die Fischer in dem nahe gelegenen Schutzgebiet illegal auf Fang gingen.
Am Anfang stand eine Umweltstudie, sagt Cabungcal, wir wollten herausfinden, warum die Fischbestände abnehmen und welche Auswirkungen das hat. Die Ergebnisse wurden in Workshops diskutiert. Am Ende verständigten sich alle Beteiligten weitgehend im Konsens auf ein Bündel von Maßnahmen. Dazu gehört die Einrichtung weiterer Schutzgebiete, in denen nun tatsächlich kein Fischfang mehr stattfinden soll, damit sich die Bestände erholen können.
Da die Erträge der Fischer damit zunächst noch weiter zurückgehen werden, mussten alternative Erwerbsmöglichkeiten gefunden werden. Mit einem Kredit der Provinzregierung sind die ersten Algenfarmen für die Produktion von Trockenalgen entstanden, die nach der Ernte nach Japan exportiert werden. Doch Geld allein reichte nicht. Die Fischerfamilien mussten auch eine Grundausbildung bekommen, um den Umgang mit Algen zu erlernen. Wie man so einen Gesamtprozess organisiert, das hatte ich im Sucomar-Kurs gelernt, sagt Cabungcal. Zwar habe die integrierte Küstenzonenplanung in der Praxis am Anfang nicht so reibungslos funktioniert, wie sich das in der Theorie angehört hatte. Doch inzwischen sind die Erfahrungen mit den an philippinische Verhältnisse angepassten Coastman-Methoden so positiv, dass sie von 22 weiteren Gemeinden auf Palawan übernommen wurden.
Das ist beabsichtigt. Von Anfang an hat sich Coastman als Multiplikator für das integrierte Küstenzonenmanagement verstanden. Und so gibt es neben dem achtmonatigen Sucomar-Kurs auch 14-tägige Train-the-Trainer-Kurse für Teilnehmer, die bereits eine leitende Positionen haben. Kursteilnehmer, die den Coastman-Ansatz weiterverbreiten wollen, erhalten die nötige Unterstützung, um ihn in ihren Heimatländern zu verankern.
Auf diese Weise haben in Kolumbien bereits über 100 Mitarbeiter des Umweltministeriums aus allen Provinzen die Coastman-Methoden kennen gelernt. Treibende Kraft war dabei June Marie Mow von der kolumbianischen Karibikinsel San Andrés. Sie hatte an einem der 14-tägigen Train-the-Trainer-Kurse in Bremen teilgenommen und unterstützt inzwischen die Einwohner der benachbarten kleinen Insel Providencia in ihrem Kampf um eine nachhaltige Entwicklung des Tourismus. Die Coastman-Methoden funktionieren auch gut mit sehr einfachen Menschen, die kaum schreiben können, sagt Mow.
Partizipation erwünscht
So können die Inselbewohner ihre Interessen vertreten, obwohl sie nicht in der Lage wären, eine der sonst in Kolumbien üblichen juristisch ausgefeilten Stellungnahmen abzugeben. Gleichzeitig lassen sich die Ergebnisse der Coastman-Workshops auch gut internationalen Entwicklungsorganisationen präsentieren, sagt Mow. Denn die wünschen sich möglichst viel Partizipation der Bevölkerung. Und so hat inzwischen die interamerikanische Entwicklungsbank zusammen mit der niederländischen Regierung die Finanzierung einer Kooperative auf Providencia übernommen, in der lokal gefangener Fisch sowie lokal angebautes Gemüse und Obst zu einfachen Produkten für den Ökotourismus verarbeitet werden. Eine begrenzte Zahl von Individualtouristen, die ihr Geld wie bisher in den kleinen Pensionen und Restaurants von Providencia ausgibt, wird bei den Einheimischen auch künftig gern gesehen sein.
Die Coastman-Methoden zielen auf die Lösung sehr konkreter Probleme. Zuvor aber wird den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Programms vermittelt, dass Küstenzonen fast immer Regionen sind, in denen unterschiedliche Interessen miteinander wetteifern: Landwirtschaft, Fischerei, Aquakultur, Naturschutz, Tourismus, Industrie usw. Die Herausforderung besteht darin, diese Räume in ihrer Widersprüchlichkeit wahrzunehmen und entsprechend den sozialen und natürlichen Gegebenheiten sowie politischen, Vorgaben zu entwickeln. Die Ausbildung gibt den Teilnehmern dafür das notwendige Handwerkszeug. Sie lernen, solche Prozesse zu planen, Entscheidungen herbeizuführen, deren Ausführung zu kontrollieren und die Küstenregionen nachhaltig zu managen.
Gleichzeitig hat sich Coastman inzwischen zu einem internationalen Netzwerk entwickelt. Gegenwärtig kooperieren so etwa 60 Küstenschutz-Fachleute aus Südamerika und Südostasien miteinander. Sie treffen sich zweimal im Jahr an einer Küste. Schließlich machen die Probleme der Küstengebiete nicht an Landesgrenzen halt. Und manche Erfahrung lässt sich ohne weiteres auf ein anderes Land übertragen.
Schon seit zehn Jahren befasst sich der chilenische Umweltwissenschaftler Adolfo Acuña mit dem Konflikt um das Industriegebiet von St. Vicente. Die Raffinerien und Industrieanlagen boten zwar Arbeitsplätze, waren für die Bevölkerung aber immer wieder auch Anlass zur Klage. Mit wissenschaftlichen Studien konnte er die Gefahren zwar konkret beschreiben, praktische Konsequenzen hatte das aber nicht. Das änderte sich erst, als auch die Bevölkerung aktiv wurde. Am Ende der eineinhalbjährigen Aufklärungsarbeit und Workshops mit über 5.000 Teilnehmern stand ein Kompromiss. Er beinhaltet die Umsiedlung eines besonders gefährlichen Gasunternehmens.
Mit Coastman verlassen wir die Universitäten und erreichen die Entscheidungsträger in Politik, Verwaltung und Industrie, sagt Acuña. Er hofft, dass der chilenische Erfolg auch seine Netzwerk-Kollegen in Peru, Ekuador und Kolumbien beflügelt. Auch wegen der gemeinsamen Sprache funktioniert der Süd-Süd-Austausch in Südamerika schon besser als in Südostasien. Doch auch Romeo Cabungcal von der Philippinen-Insel Palawan sieht den regionalen Zusammenhang der Umweltprobleme. Die Fischerträge gehen ja nicht nur bei uns zurück, sagt er, die Coastman-Kollegen aus Indonesien und Vietnam haben die gleichen Sorgen.
Martin Foth
ist Projektleiter für Integriertes
Küstenzonenmanagement bei InWEnt
Regionales Zentrum Bremen. martin.foth@inwent.org
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