Meinung

Trübe Aussichten
für amerikanische Freihandelszone


Paradoxe Mission


06/2004
 

Trübe Aussichten
für amerikanische Freihandelszone


[ Susanne Gratius, Stiftung Wissenschaft und Politik ]

Die letzte Verhandlungsphase für die panamerikanische Freihandelszone FTAA von Alaska bis Feuerland hat begonnen. Bis Januar 2005 sollen sich die beteiligten Staaten auf ein Abkommen zur Handelsliberalisierung einigen. Nach der Abfuhr, die sich die USA im Januar beim Treffen der Organisation Amerikanischer Staaten einhandelten, scheint dieser Zeitplan unrealistisch. Gleichzeitig haben die Mercosur-Staaten, deren ökonomisch potentestes Mitglied Brasilien dem Projekt eher skeptisch gegenübersteht, ihre Position ausgebaut.

Zum einen haben sie die internen Strukturen ihrer Gemeinschaft gestärkt. Zweitens konnten sie ein Freihandelsabkommen mit der Andengemeinschaft vereinbaren. Und drittens streben sie ein Freihandelsabkommen mit der EU an. Aber auch die USA konnten punkten. Durch Verträge mit den zentralamerikanischen Staaten Costa Rica, El Salvador, Honduras, Guatemala, Nicaragua sowie der Dominikanischen Republik haben sie den Einfluss der Nordamerikanische Freihandelszone NAFTA (USA, Kanada und Mexiko) nach Süden ausgedehnt. Die Lateinamerika-Expertin Susanne Gratius von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik erläutert die Hintergründe der vielschichtigen Beziehungen.

Frau Gratius, in welcher Beziehung stehen die kontinentalen Freihandelspläne der USA und die regionalen Ambitionen der südamerikanischen Staaten zueinander?
Das von den USA dominierte Projekt der Free Trade Area of the Americas (FTAA) ist eine Vision, während der Mercosur schon heute Realität ist. NAFTA wiederum ist nur ein Freihandelsabkommen, der Mercosur aber ein Integrationsbündnis, das nach einer Phase des Niedergangs – als Folge der Krise in Argentinien – in jüngster Zeit wichtige Schritte nach vorne gemacht hat. So wurden eine Kommission der ständigen Repräsentanten eingerichtet, das bislang verwaltende Sekretariat zum technischen Sekretariat aufgewertet und ein Appellationsgericht etabliert. Möglich wurde das durch die neue Achse Buenos Aires-Brasilia. Anders als FTAA dient der Mercosur nicht nur wirtschaftlichen Interessen, sondern verfolgt auch eine politische Dimension, orientiert am Vorbild der Europäischen Union.

Welchen Stellenwert hat das Zentralamerikanische Freihandelsabkommen (CAFTA)?
Mit CAFTA dehnen die Vereinigten Staaten den Wirkungsbereich des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens nach Süden aus. Ein Blick auf die beteiligten Staaten zeigt die asymmetrischen Wirtschaftsbeziehungen. Das Gros der Exporte der zentralamerikanischen Länder geht in den Norden; umgekehrt spielen die Länder des Isthmus für die USA nur eine untergeordnete ökonomische Rolle. Selbst in Mexiko hat bislang lediglich der Norden von NAFTA profitiert – dank der wirtschaftlichen Nähe zu den USA.

Wie bewerten Sie das angekündigte Freihandelsabkommen zwischen Mercosur und Andengemeinschaft?
Gespräche zwischen Andengemeinschaft und Mercosur gab es schon lange. Dass es jetzt zu einer echten Vereinbarung gekommen ist, liegt am Engagement Brasiliens. Für dessen expandierende Wirtschaft ist der Markt des Mercosur allein zu klein. Daher unternimmt das Land viel, um einen südamerikanischen Markt zu schaffen. Da die Handelsverflechtungen bislang gering sind, finanziert Brasilien viele gemeinsame Infrastrukturvorhaben, um zunächst die physischen Voraussetzungen für den ökonomischen Austausch zu schaffen.

Welche Bedeutung haben die Handelsgespräche mit der EU? Helfen sie den Staaten der Region, sich der erdrückenden Umarmung durch den großen Bruder im Norden zu entziehen?
Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU haben für den Mercosur erhebliche Bedeutung. Als einziger lateinamerikanischer Wirtschaftsraum ist für ihn der Handel mit Europa wichtiger als der Austausch mit den USA. Für Brasilien wie für den Mercosur stellt die EU den wichtigsten Investor und Handelspartner dar. 25 Prozent der Exporte gehen nach Europa. Die USA folgen erst auf Platz zwei. Umgekehrt gehen aber nur etwa 1,5 Prozent des europäischen Exports in den Mercosur. Im Unterschied zur FTAA versuchen EU und Mercosur, eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen zwei politischen Integrationsprojekten herzustellen. Ein Gegengewicht zu den USA wird die EU allenfalls im Mercosur darstellen können.
Die Fragen stellte Norbert Glaser.





Dr. Susanne Gratius
arbeitet als Lateinamerika-Expertin
bei der Stiftung Wissenschaft
und Politik in Berlin.
susanne.gratius@swp-berlin.org