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Beiträge aus der Rubrik Tribüne
Trickserei bei der Entschuldung
Milton Friedman (*1912)
Der Markt als Löser aller Probleme
 06/2004
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Milton Friedman (*1912)
Der Markt als Löser aller Probleme
Die These von der Schädlichkeit des Staates und der Problemlösungsfähigkeit des Marktes hat in Gestalt des Washington Consensus für Jahrzehnte die Konzepte der Entwicklungspolitik beherrscht. Dahinter stand das wirtschaftsliberale Gedankengebäude der Chicago School, an ihrer Spitze Milton Friedman. Dieser Artikel ist einer von zweien, die noch zu der Serie zur Entwicklungstheorie erscheinen.
[ Von Christoph Wagner ]
I. Biographischer Abriss
Milton Friedman wurde am 31. Juli 1912 in New York als viertes Kind jüdischer Einwanderer geboren und wuchs im industriellen Kernland New Jersey auf. Sein Studium an der Rutgers University in New Jersey schloss er 1932 mit einem B.A. in Wirtschaftswissenschaften ab. Danach wechselte er an die University of Chicago, die zu seiner geistigen Heimat wurde und deren ökonomische Denkrichtung er maßgeblich prägte. Nach dem Erwerb des Master-Titels 1933 blieb er bis 1935 als wissenschaftlicher Assistent in Chicago, ging dann als Wirtschaftsexperte ins National Resources Committee nach Washington DC und von 1937 bis 1940 auf Einladung des späteren Nobelpreisträgers Simon Kuznets in das ebenfalls dort ansässige National Bureau of Economic Research. 1941 bis 1943 arbeitete er als führender Wirtschaftsexperte in der Abteilung für Steuerforschung des US-Schatzamtes, 1943 bis 1945 in der Abteilung für statistische Kriegsforschung der Columbia University. Dort promovierte er 1946 und kehrte im selben Jahr an die Chicagoer Universität zurück, wo er 35 Jahre lang (1948 1983) als ordentlicher Professor Wirtschaftswissenschaften lehrte. Von 1948 bis 1981 gehörte er erneut dem National Bureau of Economic Research an. Im Rahmen der Politikberatung war Friedman für mehrere Präsidenten tätig und wurde von Präsident Reagan in dessen Economic Policy Advisory Board (1981 1988) berufen. Höhepunkt seiner Karriere war 1976 die des Ökonomie-Nobelpreises. Am 9. Mai 2002 wurde Milton Friedman von US-Präsident Bush als bedeutendster Volkswirt der vergangenen 100 Jahre geehrt. Tatsächlich beeinflusste Friedman über die Grenzen der USA hinaus die Wirtschaftspolitik vieler Länder. Der Neoliberalismus, der mit seinem Namen so stark verbunden ist wie mit kaum einem anderen, avancierte zum mainstream, an dem sich weltweit nationale Wirtschaftpolitiken ausrichteten, und die nicht zuletzt durch Friedman inspirierten Strukturanpassungsprogramme prägten die Entwicklungskooperation der vergangenen beiden Jahrzehnte.
II. Werk und Einordnung
Milton Friedman ist der wohl prominenteste Vertreter der modernen Geldtheorie, die vor allem als Reflex auf den Keynesianismus entstanden und gegen Ende der 60er Jahre unter der Bezeichnung Monetarismus bekannt wurde. Als Ergebnis seiner Beschäftigung mit John Maynard Keynes veröffentlichte Friedman zunächst 1957 A Theory of the Consumption Function. In seinem 1963 mit Anna Jacobson Schwartz verfassten Hauptwerk A Monetary History of the United States 1867 1960 untersuchte er, welchen Einfluss die Geldmenge auf die Konjunktur hat, um damit die Position von Keynes (money doesnt matter) empirisch zu widerlegen. Nach der (Neo-)Quantitätstheorie Friedmans soll Geldpolitik nicht über den Zinssatz, sondern über die Geldmenge gesteuert werden. Die Konjunktur werde nicht dadurch gestärkt, dass wie von Keynes in Krisensituationen gefordert die Staatsausgaben erhöht werden (deficit spending). Vielmehr könne der Staat nur dadurch zum Wirtschaftswachstum beitragen, dass er die Geldmenge ausweitet allerdings in vernünftigem Ausmaß, damit nicht die Inflation wachse. (Keynes hatte noch gelästert, dies komme dem Versuch gleich, dicker
zu werden, indem man einen längeren Gürtel kauft.)
Mit seinen über die Quantitätstheorie hinausgehenden wirtschaftstheoretischen und -politischen Überlegungen ist Friedman zur Galionsfigur des Neoliberalismus geworden, der im wesentlichen auf Privatisierung, Deregulierung, Ausgabenkürzung, Inflationsbekämpfung und außenwirtschaftliche Liberalisierung setzt. Dabei stützt er sich auf das Einfache System der natürlichen Freiheit von Adam Smith, nach dem bei unbeschränkter Konkurrenz das von Eigentum gesteuerte, staatlich nicht reglementierte Handeln der Individuen zu gesamtgesellschaftlichem Wohlstand führt. Der Markt im Wettbewerbskapitalismus sorgt gleichsam automatisch für eine optimale Allokation der Ressourcen (die unsichtbare Hand), staatliche Eingriffe sind nur schädlich, da sie den Markt aus dem Gleichgewicht bringen. Als zentrale Forderung hatte Friedman schon früh den Rückzug des Staates aus Wirtschaft und Gesellschaft auf seine Fahnen geschrieben. 1947 gehörte er zu den 39 Gründungsmitgliedern der Société du Mont Pèlerin, die sich mit Friedrich August von Hayek als treibender Kraft die Stärkung liberaler Prinzipien zum Ziel machte und bis heute als Mutterhaus der neoliberalen think tanks gilt.
Von entwicklungstheoretischer und praktischer Relevanz sind die Überlegungen von Friedman auch insofern, als diese sich nicht auf die Ökonomie beschränken, sondern die gesamte Gesellschaft einbeziehen. In seinem aus gesellschaftspolitischer Perspektive bedeutsamsten Werk Capitalism and Freedom von 1962 (deutsche Neuauflage 2002) entfaltet Friedman sein Gesellschaftskonzept, das die Freiheit des Individuums zum höchsten Ziel aller sozialen Einrichtungen erklärt. In den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt er die These, dass es falsch sei, die Freiheit des Einzelnen als rein politisches, den materiellen Wohlstand als rein wirtschaftliches Problem zu begreifen. Vielmehr bestünden engste Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik, es seien auch nur bestimmte Kombinationen wirtschaftlicher und politischer Struktur möglich. Eine sozialistische Gesellschaft könne nicht zugleich demokratisch sein, da sie nicht die persönliche Freiheit garantiere. Die wirtschaftliche Organisationsform, die unmittelbar für wirtschaftliche Freiheit sorge, sei der Wettbewerbskapitalismus. Dieser sorge aber nicht nur für wirtschaftliche, sondern auch für politische Freiheit. Allerdings sei der Kapitalismus nur notwendige, nicht zugleich auch hinreichende Bedingung für politische Freiheit.
Friedman beurteilt staatliche Eingriffe als generell problematisch, da diese immer eine Einschränkung der individuellen Freiheit bedeuten. Deswegen ist staatliche Einflussnahme auf ein Minimum zurückzufahren nicht nur in der Wirtschaft, sondern generell in der Gesellschaft. Die Existenzberechtigung einer Regierung in einer freien Gesellschaft ergibt sich nach Friedman allein aus der Tatsache, dass die Freiheit des einen Menschen beschränkt werden müsse, um die des anderen zu bewahren. Der Staat muss dafür sorgen, dass Verträge eingehalten und Eigentumsrechte garantiert werden. Ihm weist Friedman nur die Rolle eines Schiedsrichters zu.
Friedman identifiziert explizit nur drei Gruppen von Fällen, in denen der Staat intervenieren kann und soll: a) wenn technische Monopole zu entstehen drohen; b) wenn Handlungsweisen Einzelner negative Auswirkungen auf die Mitmenschen haben (jedoch seien Vor- und Nachteile bei Eingriffen des Staates je nach Einzelfall sorgfältig abzuwägen); c) wenn paternalistische Gründe vorliegen, d. h. bei Obhut und Pflege von Menschen, die nicht selbstständig handeln können. Von solchen Ausnahmen abgesehen, ist für ihn staatliche Intervention grundsätzlich schädlich, in der Wirtschaft wie in der Gesellschaft, weil dadurch automatisch Individuen in ihrer Freiheit Einschränkung erfahren. Anders als der Ökonomie-Nobelpreisträger von 1998, Amartya Sen, für den als Wirtschaftswissenschaftler und Entwicklungstheoretiker der Freiheitsgedanke ebenfalls zentral ist, sieht Friedman keine weitere positive Funktion des Staates, keine Gründe, die staatliches Eingreifen rechtfertigen. Der Gedanke, dass der Staat Freiheit insofern fördern kann, als er Bedingungen der Chancengleichheit schafft, die eine Entfaltung der individuellen Lebensentwürfe erst ermöglichen, ist Friedman fremd und wird von ihm als Sozialklimbim abgetan.
III. Wirkung
Milton Friedman ist kein Entwicklungstheoretiker in dem Sinne, dass er sich speziell mit der Entwicklungsproblematik der Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas befasst hat. Seine Konzepte haben jedoch außerordentlich starken Einfluss auf die Entwicklungspolitik des Nordens, vor allem der USA und der Weltfinanzinstitutionen, gehabt. Als Wirtschaftswissenschaftler erhebt er den Anspruch, dass seinen Konzeptionen Allgemeingültigkeit zukommt, unabhängig von regionalen Besonderheiten. Er formuliert nicht einen bestimmten Entwicklungsbegriff, sondern propagiert generell das Modell der freien Marktwirtschaft bzw. in seinen Worten des Wettbewerbskapitalismus als Schlüssel zu einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik. Denn die freie Wirtschaft gibt den Menschen das, was sie wollen und nicht das, was ihnen eine bestimmte kleine Gruppe aufzwingen will (Kapitalismus und Freiheit 2002, S. 38). In diesem Sinne hat Friedman zusammen mit James M. Buchanan, Robert Nozick u. a. die Debatte über die Rolle des Staates und der Märkte im Entwicklungsprozess und damit auch die praktische Entwicklungspolitik seit den 70er Jahren maßgeblich beeinflusst.
Seit fast vier Jahrzehnten wird Friedman als führender Kopf der Chicago School identifiziert, die nicht nur eine Reihe weiterer Ökonomie-Nobelpreisträger der neoklassischen Richtung (George J. Stigler, Gary S. Becker, Robert W. Fogel, Robert E. Lucas, Ronald H. Coase, James M. Buchanan) hervorbrachte, sondern deren Schüler in vielen Ländern in führende Posten der Administration gelangten und dort die jeweilige Wirtschaftspolitik aktiv mitgestalteten.
Als Paradebeispiel hierfür gilt Chile. Hier hatte die Universidad Católica de Chile ein Austauschabkommen mit der University of Chicago, das ihren Studenten ermöglichte, in den USA zu promovieren. So gelangte eine Gruppe von mehreren Dutzend Studierenden der Wirtschaftswissenschaften, die als Chicago Boys bekannt wurden, während der Pinochet-Diktatur in die Schlüsselpositionen in Staat und Wirtschaft und leiteten einen radikalen Strukturwandel der chilenischen Wirtschafts- und Sozialordnung ein. Die Mehrzahl der staatlichen Unternehmen wurde privatisiert, die ertragreichen Kupferminen ebenso wie Energie, Telekommunikation, Transportunternehmen, Wasserversorgung und Rentenversicherung. Dies leitete zunächst einen wirtschaftlichen Aufschwung ein, führte aber nach einiger Zeit zu sozialer Unruhe, weil die Tarife übermäßig angehoben wurden und, wie etwa der Senator Jorge Lavandero im vorigen Jahr ermittelte, nur drei von 47 Unternehmen des Großbergbaus Steuern zahlen.
Für die Entwicklungspolitik hat Friedman Impulse für Umorientierungen gegeben, die sich auf zwei neoliberale Formeln reduzieren lassen: Weg vom Etatismus hin zur Marktwirtschaft; weg von binnenmarktorientierter Industrialisierung und Importsubstitution hin zu Außenöffnung und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Das minimal-state-Paradigma wurde richtunggebend für die Strukturanpassungspolitik von Weltbank und IWF. Neben den multilateralen Finanzorganisationen propagierten besonders US-Administration und Großbanken diesen Weg als wirtschaftspolitisch einzig erfolgversprechend, so dass diese gemeinsame Grundüberzeugung (Washington Consensus) seit den 70er Jahren zum dominierenden Entwicklungsmodell avancierte. Maßnahmen der Marktliberalisierung, Privatisierung, Deregulierung und Ausgabenkürzung wurden in vielen Entwicklungsländern von externen Akteuren eingefordert und von Regierungen durchgeführt. Nationale Zentralbanken versuchten verstärkt im Sinne des Monetarismus die Geldmenge zu steuern, um das Schreckgespenst der Inflation im eigenen Land in den Griff zu bekommen.
Seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre hat allerdings das neoliberale Paradigma in der Entwicklungspolitik an Einfluss verloren. Zweifelhafte Erfolge, extreme soziale Verwerfungen und die negativen Erfahrungen bei internationalen Finanzkrisen sorgten dafür, dass es auch intern zu Kritik am Washington Consensus kam. Die Richtigkeit der getroffenen Maßnahmen wurde auch in der Weltbank in Frage gestellt, hier besonders prominent von deren damaligem Chef-Volkswirt Joseph Stiglitz, Ökonomie-Nobelpreisträger von 2001, der mit seinen Untersuchungen über die Ungleichverteilung von Informationen die Effizienz des Marktes anzweifelte. Die Diskussionen über Erfolg und Misserfolg des neoliberalen Entwicklungsweges führten dazu, dass heute die Rolle des Staates differenzierter betrachtet wird, vor allem hinsichtlich seiner ordnungspolitischen Funktion zur Verhinderung von Wettbewerbs- und Marktversagen. Die neoliberale Parole vom schlechten Staat und vom guten Markt ist heute als entwicklungsstrategischer mainstream mehr und mehr abgelöst worden von den Konzepten der good governance und des capable state, in deren Zentrum das Paradigma funktionierender Institutionen steht.
Schriften von Milton Friedman
1957: A Theory of Consumption Function. Princeton
1962: Capitalism and Freedom. Chicago (dt. 1971: Kapitalismus und Freiheit; Neuauflage 2002)
1962: Price Theory: A Provisional Text. Chicago
1963: Inflation: Causes and Consequences. Chicago
1963 (mit Anna Jacobson Schwartz): A Monetary History of the United States 18671960. Princeton
1963: Postwar Trends in Monetary Theory and Policy
1969: The Optimum Quantity of Money, and Other Essays. Chicago (dt. 1970: Die optimale Geldmenge und andere Essays)
1973: Money and Economic Development. New York
1980 (mit Rose Friedman): Free to Choose. A Personal Statement. New York (dt. 1983: Chancen, die ich meine Ein persönliches Bekenntnis)
1984 (mit Rose Friedman): Tyranny of the Status Quo. New York, London (dt. 1985: Die Tyrannei des Status Quo)
1998 (mit Rose Friedman): Two Lucky People. Memoires. Chicago
Schriften über Milton Friedman:
Eamonn Butler (1985): Milton Friedman: A Guide to Economic Thought. Aldershot, Hampshire
William Frazer (1994): The Legacy of Keynes and Friedman: Economic Analysis, Money, and Ideology. Westport
Abraham Hirsch, Neil de Marchi (1990): Milton Friedman, Economics in Theory and Practice. New York
Thomas J. Sargent (1987): Some of Milton Friedmans Scientific Contributions to Macroeconomics. Stanford
Helmar H. Veltzke (1987): Theorie und Politik des Monetarismus. Wissenschaftsalogische Analyse und Kritik des neoquantitätstheoretischen Ansatzes Milton Friedmans. Pfaffenweiler
Dr. Christoph Wagner
ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Akademischer Oberrat am Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz. wagner@politik.uni-mainz.de
Redaktion:
Reinold E. Thiel, E-Mail: ret-gzt@t-online.de
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