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Beiträge aus der Rubrik Debatte
Bildung ist der beste Schutz vor Kinderarbeit
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 06/2006
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[ Sandra Overhoff, Deutsche Welthungerhilfe ]
Bildung ist der beste Schutz
Das Ende der Kinderarbeit sei in Reichweite, verkündet die Internationale Arbeitsorganisation in einem neuen Bericht. In den letzten vier Jahren sei die Zahl arbeitender Kinder weltweit um elf Prozent auf 218 Millionen gesunken. Sandra Overhoff von der Deutschen Welthungerhilfe kritisiert die Angaben als zu optimistisch. Die ILO-Strategie gegen Kinderarbeit hält sie für unzureichend.
Frau Overhoff, was passt Ihnen an dem ILO-Bericht nicht?
Die ILO geht vor allem auf die schlimmsten Formen von Kinderarbeit ein, so wie sie in der ILO-Konvention 182 definiert sind. Sie schlägt einen Aktionsplan vor, diese Formen bis 2016 zu beseitigen. Wir sind der Meinung, dass das nicht ausreicht. Es muss darum gehen, Kinderarbeit generell abzuschaffen. Es ist halbherzig, sich nur auf die schlimmsten Formen zu konzentrieren.
Möglicherweise aber auch realistischer.
Nein. Die Erfahrung zeigt, dass ein ganzheitlicher Ansatz erfolgversprechender ist. Denn nur wenn man gegen alle Formen von Kinderarbeit gleichzeitig vorgeht, besteht überhaupt die Möglichkeit, eine soziale Norm zu schaffen, dass alle Kinder ein Recht auf Bildung und auf eine Kindheit ohne Arbeit haben. Einen entsprechenden Einstellungswandel, auch bei Politikern, erreicht man nur, wenn man Kinderarbeit generell in den Blick nimmt. Dazu kommt, dass Kinder einfach in andere Arbeitsverhältnisse wechseln, wenn man nur die schlimmsten Formen bekämpft. Unsere Partnerorganisationen in Indien und in afrikanischen Ländern bestätigen das. Häufig wird argumentiert, weniger schlimme Kinderarbeit sei ein notwendiges Übel, weil die Familien das Einkommen benötigten.
Warum arbeiten die Kinder denn sonst?
Armut ist jedenfalls nicht der Hauptgrund und darf keinesfalls als Entschuldigung für Kinderarbeit dienen. Häufig geht es um Ausgrenzung bestimmter Gruppen, wie zum Beispiel der unteren Kasten in Indien, die keinen Zugang zu Bildung haben. Betroffen sind vor allem solche Kinder, denen generell weniger Rechte eingeräumt werden. Natürlich spielt auch Armut eine Rolle. Aber in Indien haben wir gesehen, dass das Einkommen der Kinder wenig zum Überleben der Familien beiträgt. Im Gegenteil: Kinderarbeit verstärkt und perpetuiert Armut eher. Denn die Familien, deren Kinder arbeiten, bleiben in dem Kreislauf aus mangelnder Bildung, schlechtbezahlter Arbeit und daraus resultierender Armut gefangen. Wer Kinderarbeit beseitigen will, muss an mehreren Stellen ansetzen: Armutsbekämpfung, Kampf gegen Kinderarbeit und Förderung von Bildung das muss alles Hand in Hand gehen.
Der Schlüssel im Kampf gegen Kinderarbeit liegt also darin, Bildungsangebote zu verbessern?
Richtig. Ohne ein flächendeckendes Angebot an Ganztagesschulen mit gut ausgebildeten Lehrern kann Kinderarbeit nicht beseitigt werden. Bildung ist der beste Schutz vor Kinderarbeit.
Die ILO verweist auf die Erfahrung der reichen Länder, in denen vor gut hundert Jahren wachsender Wohlstand, technologischer Fortschritt, Geburtenrückgang und der Ausbau von Bildungsangeboten den Kampf gegen Kinderarbeit begünstigt haben. Lehrt die Erfahrung dieser Länder nicht auch, dass Kinderarbeit in einem bestimmten Maß zur wirtschaftlichen Entwicklung dazu gehört?
Das würde ich verneinen. Wir sagen ja gerade, dass Kinderarbeit Armut eher noch verschlimmert. Kinderarbeit hält arme Länder arm. Die Arbeit mit unseren Partnern in Andhra Pradesh im Süden Indiens beweist, dass es möglich ist, Kinder sehr armer Familien von der Arbeit zu befreien und in die Schule zu schicken. Die Eltern sind bereit, dafür Opfer zu bringen und mehr zu arbeiten. Das ist der einzige Weg für ein Land, langfristig der Armut zu entkommen.
Sie sagen, die Zahl arbeitender Kinder weltweit ist viel höher, als die ILO angibt. Es müssten auch die Kinder berücksichtigt werden, die unbezahlt im Haushalt oder in der Landwirtschaft arbeiten. Ist es sinnvoll, sich auf diese Formen innerfamiliärer Kinderarbeit zu konzentrieren?
Uns geht es nicht um Kinder, die nach der Schule ein paar Stunden im Haushalt helfen oder auf dem Feld mitarbeiten. Viele Kinder aber gehen deshalb nicht zur Schule, weil sie den ganzen Tag zu Hause arbeiten müssen. Auch solchen Kindern muss die Möglichkeit gegeben werden, zur Schule zu gehen, Berufe zu lernen und sich und ihren Familien eine bessere Zukunft zu schaffen.
Die meiste Kinderarbeit gibt es im informellen Sektor. Welche Möglichkeiten gibt es, dort von außen etwas zu ändern?
Das ist sehr schwierig. Wichtig ist, die Diskussion über Kinderarbeit mit der allgemeineren Diskussion über Arbeitnehmerrechte zu verknüpfen. Wir arbeiten mit lokalen NROs und Gewerkschaften zusammen, die versuchen, in den informellen Sektor hereinzukommen. Wenn es gelingt, dort grundlegende Arbeitnehmerrechte zu verankern, dann ist das zugleich ein wichtiger Schritt zur Beseitigung von Kinderarbeit.
Was halten Sie von Ansätzen lokaler Organisationen, die versuchen, die Arbeitsbedingungen für Kinder zunächst einmal zu verbessern . . .
Es kann nicht darum gehen, die Arbeitsbedingungen für Kinder zu verbessern . . .
. . . gewissermaßen als Zwischenschritt auf dem Weg zur vollständigen Abschaffung?
Das würde internationalen Regelungen wie der UN-Konventionen über Kinderrechte oder der ILO-Konvention 138 widersprechen, die klar sagt, dass Kinder vor dem 14. Lebensjahr nicht arbeiten sollen. Es muss darum gehen, allen Kindern mindestens acht Jahre schulische Bildung zu garantieren. Alle Länder, die diese Konventionen ratifiziert haben, müssen dafür die gesetzlichen Grundlagen schaffen. Die Erfahrung unserer Partnerorganisation in Indien zeigt, dass Kinderarbeit beseitigt werden kann, wenn alle Beteiligten sich dafür einsetzen von den betroffenen Familien bis zur staatlichen Politik.
Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.
Sandra Overhoff
arbeitet bei der Deutschen Welthungerhilfe für die Kampagne Stopp Kinderarbeit! Schule ist der beste Arbeitsplatz.
sandra.overhoff@dwhh.de
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