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Editorial
 06/2006
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Soziale Inklusion
Fußball weckt Gefühle: Spannung und Aufregung, Freude und Stolz, Enttäuschung und Wut. Politisch relevant ist vor allem das Wir-Gefühl, das unter den Anhängern einer Mannschaft entsteht. Bei Länderspielen geht es sogar um nationale Empfindungen. Auf Weltmeisterschaften trifft das besonders zu. Sie genießen breite Aufmerksamkeit, die während des Turniers weiter wächst. Das Endspiel verfolgen vermutlich mehr Menschen, die die Abseitsregel nicht erklären können, als solche, die wirklich etwas von Fußball verstehen. Wir und die können aber alle unterscheiden.
Die identitätsstiftende Wirkung ist nicht zu unterschätzen. Sie kann wertvoll sein. Es ist gut, wenn ein Aufsteiger von ganz unten wie die brasilianische Fußballlegende Pelé zum lebenden Symbol gegen Rassismus wird. Er verkörpert bis heute Ideale wie Fair Play und Chancengleichheit.
Doch Wir-Gefühle haben auch düstere Seiten. Die argentinische Militärjunta nutzte 1978 die WM für ihre Propagandazwecke, ähnlich wie das die Nazis 1936 mit den olympischen Spielen in Berlin taten. Nebenbei bemerkt: Auch der chinesischen Regierung wird Olympia 2008 wohl eher zur Förderung des Nationalstolzes als der Menschenrechte dienen.
Eine weitere Schattenseite des Fußballs ist Fangewalt. Im Mai berichteten deutsche Zeitungen aufgeregt über Ausschreitungen in Nachbarländern. Es hieß zugleich, die Polizei hier bereite sich gründlich auf die WM vor und Krawalle seien am Rande von Vereinsspielen wahrscheinlicher als bei Begegnungen von Nationalmannschaften. In der Tat war es kein Länderspiel, bei dem im Mai 1985 in Brüssel 39 Zuschauer starben, weil belgische Stadionorganisation und Ordnungskräfte gegenüber englischen Hooligans hoffnungslos versagten. Damals spielten Juventus Turin und der FC Liverpool. Dass Länderspiele tendenziell weniger gewaltträchtig sind, wird hiesige Beamte kaum beruhigen. Sie wissen noch, dass vor acht Jahren deutsche Randalierer in Frankreich einen ihrer Kollegen zum Invaliden prügelten. Für Polizeieinsätze ist egal, wer im Stadion antritt.
Soziologisch ist das ungleiche Gewaltpotenzial dennoch bedeutsam. Es zeigt, dass Identitäten eben nicht, wie oft angenommen, unteilbar sind. Sonst könnte Hooliganismus lokalspezifisch nicht tiefer verwurzelt sein als auf nationaler Ebene. Es ist auch selbstverständlich, dass viele Anhänger der deutschen Elf im Bundesligaalltag die hochbezahlten Stars von Bayern München verabscheuen. Aber sie werden ihnen zujubeln, wenn sie für Deutschland kicken. Treue Bayernfans werden dagegen diejenigen Leistungsträger ihres Vereins nicht mehr anfeuern, die für fremde Länder spielen. Dass Identifikation normalerweise kontextspezifisch ist, ist auch daran zu erkennen, dass im Rheinland kaum jemand der holländischen Mannschaft Erfolg gönnt der brasilianischen aber durchaus. Dagegen hätten Eltern dort sicherlich gegen einen Schwiegersohn aus dem Nachbarland weniger Einwände als gegen einen aus Lateinamerika.
Menschen sind eben nicht an ein einziges, exklusives Identitätsverständnis gebunden. Zum Glück nicht. Wo Sprachen, Religionsgemeinschaften, Ethnien oder sonstige Zugehörigkeiten übertrieben betont werden, haben wir es nicht mit gesellschaftlicher Normalität zu tun sondern mit sozialer Pathologie. Das beste Mittel gegen gewaltsame Exzesse ist soziale Inklusion. Und dafür, dass Menschen in ihrer Gesellschaft in mehreren Dimensionen Zugehörigkeit entwickeln, lässt sich politisch einiges tun.
Dr. Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit/
D+C Development and Cooperation
euz.editor@fsd.de
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