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06/2006
 

Nichtstaatliche Organisationen:
Aufpasser und Vermittler

Berthold Kuhn:
Entwicklungspolitik zwischen Markt und Staat. Möglichkeiten und Grenzen zivilgesellschaftlicher Organisationen.
Frankfurt, Campus 2005,
419 Seiten, 45,00 Euro, ISBN 3-5933-7742-X

Kuhn untersucht die Rolle die Zivilgesellschaft in der Entwicklungspolitik. Überzeugend arbeitet er ihre Möglichkeiten und Grenzen heraus. Besonders interessieren ihn die Innovationspotenziale, Handlungslogiken und Orientierungsdilemmata der regierungsunabhängigen Organisationen. Seine Aussagen belegt er anhand von Fallstudien über Länder, Sektoren, Organisationen und Tätigkeitsfelder in Afrika und Asien.

Die Debatte über Zivilgesellschaft und Entwicklung dominieren bislang extrem kritische oder gänzlich unkritische Stimmen. Kuhn widerspricht sowohl der Skepsis gegenüber Legitimation und Effektivität zivilgesellschaftlichen Handelns als auch der Glorifizierung derartiger Partizipation. Er fragt nach den Vor- und Nachteilen in konkreten Situationen. Damit leistet er einen wertvollen Beitrag zur Vertiefung der Dis-kussion. Gleichzeitig schlägt er eine Brücke zwischen wissenschaftlichen und entwicklungspolitischen Diskursen.

Laut Kuhn hat die Politikwissenschaft die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen in Entwicklungskontexten bisher nur unzureichend thematisiert. Er erkennt spezifische Innovationspotenziale, die sie als Themenanwälte und Dienstleister relevant machen.
In Abgrenzung zu den Sphären „Staat“ und „Markt“ sieht er die Zivilgesellschaft als „Dritten Sektor“. Seine Fallstudien bieten interessante Einblicke in die unterschiedlichen Gegebenheiten in Bangladesch und der Republik Kongo, die Möglichkeiten zivilgesellschaftlicher Beteiligung in den Bereichen Beschäftigungsförderung und Sozialstandards oder auch die Arbeitsweisen von lokalen Initiativen und weltweit aktiven Organisationen (Transparency International).

Kuhn kommt zu dem Schluss, dass zivilgesellschaftliche Akteure in Entwicklungsprozessen wichtige Impulse geben können. Besonders in fragilen Staaten fungierten NROs als Wachhunde und als Bindeglied zwischen Bevölkerung, Regierung und internationalen Akteuren. In einzelnen Sektoren besäßen sie ein erhebliches Innovationspotenzial bei der Methodenentwicklung und als Dienstleister (Mikrokredite, Entwicklung partizipativer Methoden). Und sie besetzten auf nationaler und internationaler Ebene wichtige Themen (Korruptionsbekämpfung, Sozialstandards).

Der Autor diskutiert aber auch die Probleme, die teils auf die Zivilgesellschaftsbegeisterung der vergangenen Jahre zurückgehen. Die zunehmende Finanzierung durch internationale Großgeber habe einen Paradigmenwechsel herbeigeführt. Es gebe einen Druck zur Professionalisierung, der bürokratisierend auf ehemals kleine, ehrenamtlich geführte Organisationen wirke. Zudem verschwämmen die Grenzen zu Behörden und privatwirtschaftlichen Anbietern. Um ihre spezifischen Vorteile als entwicklungspolitische Akteure nicht zu gefährden, müssten zivilgesellschaftliche Organisationen die Balance zwischen gesellschaftlicher Kraft und Dienstleistungsorganisation schaffen.

Felix Döhler