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Fußballbegeisterung in Lateinamerika

Fußball-WM: Togos Spitzenathleten

Warum afrikanische Museen überfordert sind

Mosambikaner lieben Theater

Visuelle Medien und Sport in Indien


06/2006
 

San Futbol

Im sozial tief gespaltenen Lateinamerika symbolisiert Fußball eine vage Hoffnung auf Chancengleichheit. Vielen Entwurzelten bietet es Halt, sich als Fan mit einer Mannschaft zu identifizieren. Fußballbegeisterung kann mit frecher Aufmüpfigkeit einhergehen, aber auch von autoritären Regimen missbraucht werden.


[ Von Sheila Mysorekar ]

Der Boden bebt. Von dem Geschrei. Von den Trommeln. Oder der Spannung, die in der Luft pulst. Heute spielt Boca gegen River, der Armenclub Boca gegen die reichen Pinkel von River Plate. Beide Clubs sind aus Buenos Aires, aber sie könnten ebensogut von verschiedenen Planeten stammen. Boca gegen River, das entspricht ungefähr St. Pauli gegen FC Bayern – aber diesmal im Ernst.

Das Spiel findet in der Bombonera statt, dem Stadion im Hafenviertel Boca. Die Häuser hier sind alt, oft aus Holz und Wellblech gestückelt und mit bunten Farben bemalt. Inmitten des Straßengewirrs erhebt sich das Stadion. Es ist eng und hat steil gebogene Wände. Die Zuschauer auf den Rängen sind praktisch übereinander gestapelt. Eine Pufferzone trennt die verfeindeten Fangruppen. Ein weiterer Spitzname dieses Stadions lautet: Tempel Maradonas. Hier, auf diesem Rasen, spielte Gott in seiner Inkarnation des kleinen Mannes aus den Slums.

In der Bombonera herrscht eine unglaubliche Akustik. Das Geschrei der Fans bricht sich und wird zurückgeworfen. Im Stadion schwenken Tausende ihre Fahnen, blau-gelb für Boca, rot-weiß für River, zünden Knallkörper an und brüllen sich die Seele aus dem Leib. Kampfgesänge schallen durch die Straßen des Viertels drum herum, dass die Wellblechwände mitschwingen. Eine riesige Flut von Männern mit Trommeln zieht umher, die keine Eintrittskarten haben, ihre Mannschaft aber lautstark unterstützen. Lange vor dem Anpfiff herrscht schon ein kollektiver Rauschzustand, der einen Namen hat: futbol.


Historische Wurzeln

Der moderne Fußball kommt aus England, zugegeben. Doch Ballspiele waren schon im präkolumbianischen Amerika beliebt. In Mexiko und Zentralamerika spielten die Olmeken schon vor 3500 Jahren mit einem Ball aus Kautschuk. Bei den Azteken hieß das Spiel Ulama, ein Ritual zu Ehren des Sonnengottes. Zwei Mannschaften traten gegeneinander an. Sie mussten einen großen Gummiball durch einen Steinring befördern, der hoch an einer Seitenwand des Spielfeldes angebracht war. Dabei durfte der Ball nicht auf den Boden fallen, aber Ballberührung war nur mit den Knien, den Ellbogen und der Hüfte erlaubt.

Vermutlich war die Motivation der Spieler damals höher als bei den Fußballprofis heutzutage. Denn der Trainer der Verlierer wurde der Sonne geopfert, manchmal sogar das ganze Team. Anderen Berichten zufolge floss das Blut der Sieger – eine unwahrscheinliche Theorie, da diese Praxis sich äußerst negativ auf die Spielqualität ausgewirkt hätte. Höchstwahrscheinlich wurde also der Verlierertrainer geköpft. Klinsmann kann von Glück reden, dass er kein Azteke ist.

Fußball mag zwar ursprünglich aus England stammen. Zu seiner wahren Blüte wurde er aber jedenfalls in Lateinamerika gebracht:
– Die erste Fußballweltmeisterschaft fand 1930 in Uruguay statt. Das Land wurde Gastgeber, weil es bei den Olympischen Spielen 1924 und 1928 im Fußball gewonnen hatte. Keine europäische Mannschaft schaffte es auch nur ins Finale.
– Von bisher siebzehn Weltmeisterschaften gewannen Latinos neun, Europäer nur acht.
– Viele wichtige fußballerische Innovationen stammen aus Lateinamerika. Der Fallrückzieher, bei dem der Spieler im Sprung schießt und sich nach hinten überschlägt, wurde in den 20er Jahren in Chile eingeführt und heißt auf Spanisch immer noch „la chilena“.
– Die Raumdeckung erfand, so heißt es, Uruguays Mannschaft 1928 während einer Atlantiküberfahrt nach Europa beim Training an Deck.


Der Aufstieg der Stars

Der erfolgreichste Fußballer der Geschichte Brasiliens war ein Afrodeutscher: Artur Friedensreich, Sohn eines deutschen Einwanderers und einer afrobrasilianischen Wäscherin. Zu seiner Zeit waren Schwarze auf dem Rasen noch nicht gerne gesehen. Er spielte 26 Jahre lang in der ersten Liga und schoss mehr Tore als irgend jemand vor oder nach ihm, inklusive Pelés. Dank seiner Tore wurde Brasilien 1919 südamerikanischer Meister.

Friedensreich war der erste Schwarze in der brasilianischen Nationalelf. Vor jedem Spiel musste er sich die Haare möglichst glatt kämmen, um nicht als Schwarzer aufzufallen. Seine Teammitgliedschaft war ein Affront für die Oberschicht. Fußball war damals ein Zeitvertreib wohlhabender junger Männer, die sich an Europa orientierten und deshalb den englischen Sport schick fanden. Langsam, aber sicher entglitt ihnen der Fußball und rollte in die Vorstädte, in die Slums, zu Schwarzen und Indios. Dort reichte das Geld nicht für Tennisplätze oder Schwimmbäder, aber ein Ball und ein Stück Brachland ließen sich immer finden.

Fußball wurde zur Sache des Volkes. 1915 schrieb ein Kommentator in der brasilianischen Zeitschrift Sports: „Die, die wir eine Stellung in der Gesellschaft innehaben, sind gezwungen, mit einem Arbeiter zu spielen, mit einem Chauffeur ... Diesen Sport zu betreiben, wird langsam zur Qual, zum Opfer, und hört auf, ein Vergnügen zu sein.“

In Brasilien ist futebol (gesprochen: „futschibol“) mehr als Sport – eine Kunstform, die große Meister wie Pelé, Garrincha, Zico, Kaká, Romario oder Ronaldo hervorgebracht hat. Die Eleganz des brasilianischen Fußballs ist weltbekannt. Es heißt, dass schwarze Spieler hier das Dribbling erfanden, um unmittelbaren Körperkontakt mit weißen Gegnern zu vermeiden, weil diese systematisch foulten.

Brasilien wurde fünfmal Weltmeister. Deutschland und Italien schafften es nur je drei Mal. Kein anderes Land bringt so viel Nachwuchs hervor wie Brasilien, nirgends hat dieser Sport eine vergleichbar schicksalhafte Bedeutung. Nicht jedes Dorf hat eine Kirche, aber selbst das allerkleinste und abgelegenste hat einen Fußballplatz. Von solchen Bolzplätzen stammen die größten Stars, Pelé zum Beispiel.

Édson Arantes do Nascimento wurde 1940 geboren. Aus unerfindlichen Gründen wird er Pelé genannt. Auf sein Konto gehen mehr als 1300 Tore. Keiner verkörpert wie er den Traum vom kleinen Jungen, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat. Er war indessen weder der einzige noch der letzte Athlet, zu dem die Massen aufschauen können, weil er ein bisschen Hoffnung auf Chancengleichheit verkörpert.

Pelé, ein schmächtiger schwarzer Junge aus einer Kleinstadt, verdiente sein Geld als Schuhputzer, wurde mit 15 Fußballprofi und erregte schon als Jugendlicher weltweites Aufsehen. 17-jährig wurde er 1958 erstmals Weltmeister – und vier Jahre später zum zweiten Mal und 1970 zum dritten Mal. Sein Stil auf dem Rasen war phantasievoll, brillant und offensiv. Privat eckt er dagegen nicht an, an ihm scheiden sich keine Geister.

Laut Soziologen bilden Fußballvereine und die Nationalmannschaft für die brasilianische Gesellschaft die zentralen Identifikationspunkte. Die Parteien sind kurzlebig, Politik und Polizei korrupt und Religion taugt auch nicht für alle Lebenslagen. Aber Fußball ist demokratisch und leistungsbezogen. Hier kann jeder etwas werden, unabhängig von Herkunft und Hautfarbe.

Obendrein macht Fußball Spaß – wenn auch leider nicht immer. Als blutigste und skurrilste Episode in der Geschichte des lateinamerikanischen Sports gilt der „Fußballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador 1969. Er dauerte vier Tage und kostete 3000 Menschen das Leben. Anlass war allerdings nicht – wie oft behauptet – die Niederlage von Honduras bei den Qualifikationsspielen für die WM 1970. Sicher hatten sich Fans geprügelt. Dass die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden, hatte aber andere Gründe: die massenhafte Ausweisung salvadorianischer Landarbeiter aus Honduras und ein seit langem ungeklärter Grenzverlauf. Wegen einer Niederlage einen Krieg zu führen, geht auch fußballfanatischen Latinos zu weit. Der „Fußballkrieg“ ist eine Erfindung europäischer Sportkommentatoren, die das Klischee vom chaotischen Lateinamerika pflegten.

Ähnlich wurde – Jahrzehnte später – der Mord am kolumbianischen Spieler Andrés Escobar falsch interpretiert. Escobar hatte bei der WM 1994 im Spiel gegen die USA ein Eigentor geschossen und war bei seiner Rückkehr nach Kolumbien ermordet worden – aber nicht von enttäuschten Fans, wie die europäische Presse kolportierte, sondern von einem gedungenen Mörder, wahrscheinlich im Auftrag des Medellín-Kartells. Die kolumbianischen Drogenkartelle machten in den achtziger und neunziger Jahre große Geschäfte mit Wettbüros. Die Ausscheidung Kolumbiens aus der WM war somit eine herber Verlust von Wettgewinnen, und eben dafür mußte Andrés Escobar mit seinem Leben bezahlen.


Anti-Pelé Maradona

Menschenauflauf in der Florida, der Einkaufszone von Buenos Aires. Eine dichte Traube von Passanten schaut gebannt in ein Schaufenster. Ein Haushaltswarengeschäft hat einen großen Fernseher aufgestellt, und ein Video läuft als Endlosschleife: Tore von Maradona. Die Menge bestaunt ein Gesamtkunstwerk.

Diego Armando Maradona, der Gott aus dem Elendsviertel Villa Fiorentino, einer Vorstadt von Buenos Aires, ist das Gegenstück zu Pelé. Der kleine gedrungene Mann mit den dunklen Locken ist heute 45 Jahre alt. Sein Vater, ein Halbindianer, arbeitete auf den Schlachthöfen. Diego und seine Familie lebten in einem einzigen Raum. Er ist erst acht, als ein Fußballclub sein außergewöhnliches Talent erkennt und ihn in die Jugendmannschaft aufnimmt. Mit 15 spielt er bereits in der ersten Liga.

Der geniale Torschütze ist befreundet mit den Präsidenten Fidel Castro aus Cuba und Hugo Chávez aus Venezuela. Er trägt eine Che-Guevara-Tätowierung auf dem Arm und Diamanten in den Ohren. Der Superstar, Drogensüchtige und Schaumschläger ist vielleicht der beste Fußballer, den Lateinamerika je hervorgebracht hat. Auf jeden Fall aber ist er einer der umstrittensten.

Maradona ist für Skandale gut. Er hat positive Dopingkontrollen wegen Kokain und Ephedrin hinter sich, was beides nicht leistungssteigernd wirkt. Der Star hat eher trotz, als wegen der Drogen gut gespielt. Gut? Brillant. Er war bei mehreren Weltmeisterschaften Argentiniens Spielführer und gewann 1986 den WM-Titel. Ein Jahr drauf führte er die zuvor zweitklassige Mannschaft Neapels zur italienischen Meisterschaft. Endlich triumphierte die arme Millionenstadt aus dem Süden gegen die nördlichen Metropolen Mailand und Turin. In Neapel war Maradonas Bild oft neben dem der Madonna zu sehen. Für Boca in Buenos Aires hat er natürlich auch gespielt. Hier wurde er zum ersten Mal Meister.

Später, als er schon zugenommen hatte und nicht mehr wie der Wind über das Spielfeld fegte, setzte er anderen Stürmern abgezirkelte Pässe millimetergenau vor die Füße. Egal, in welchem Club er spielt – seine Mitspieler schätzen ihn als einen echten Teamplayer. Heute moderiert er eine Fernsehshow.

Maradona hat immer nach oben getreten, was ihm der Weltfußballverband FIFA nie verzieh. Er wollte eine Fußballergewerkschaft gründen und protestierte gegen die TV-Vermarktung des Sports, wegen der Spiele zu Tageszeiten laufen, die für die Athleten ungünstig sind, aber hohe Einschaltquoten versprechen. Wo er ein Mikrophon sieht, sagt Maradona seine Meinung. Undiplomatisch, unüberlegt, mit einer großen Schnauze, leidenschaftlich und subversiv. Dafür lieben ihn die Argentinier – besonders diejenigen, die nichts haben. Er kommt oft heim in das Armenviertel, aus dem er stammt, und hat nie seine Wurzeln verleugnet. In der argentinischen Stadt Rosario gibt es sogar eine Kirche zu seiner Verehrung, die Iglesia Maradona, mit etwa 25 000 Anhängern, was absurd wenig klingt. Schließlich gibt es 36 Millionen Argentinier.


Diktatorische Propaganda

In Argentiniens Geschichte steht Fußball allerdings nicht nur für rebellische Aufmüpfigkeit. Die WM 1978 fand hier unter einer brutalen Militärjunta statt, die das Ereignis für ihre Propagandazwecke instrumentalisierte. Das Regime war 1976 durch Putsch an die Macht gekommen. In sieben Jahren ließ das Regime etwa 30 000 Menschen foltern und töten – auf den bloßen Verdacht hin, sie könnten Linke sein.

1978 nutzten die Generäle die WM, um der Welt ein „befriedetes“ Land zu zeigen. Einige Stadien befanden sich in unmittelbarer Nähe zu Konzentrationslagern. Überlebende Gefangene berichten davon, dass sie in ihren Zellen Fans jubeln hörten. Die meisten Lager waren an geheimen Orten. Anders als während der Diktatur in Chile wurden die Menschen nicht offen verhaftet, sondern nachts zu Hause abgeholt. Das Regime wollte möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen und ließ seine Gegner einfach verschwinden. Die 30 000 Opfer werden heute noch „desaparecidos“ (Verschwundene) genannt.

Die Rechnung der Militärs ging 1978 weitgehend auf: Die internationalen Medien zeigten ein reibungsloses Turnier und scherten sich nicht um die politische Lage. Auch im Land selbst funktionierte die Propaganda-Maschinerie. Nie war die Zustimmung zur Junta höher als während der WM. Argentinien gewann sogar den Titel; Holland wurde Zweiter.

Bei den Feierlichkeiten zum Titelgewinn waren aber auch seltene Gesten des Protests zu sehen. Die holländischen Spieler weigerten sich, den argentinischen Militärs die Hand zu geben, was die Machthaber noch als das Verhalten schlechter Verlierer abtun konnten. Aber auch der argentinische Nationaltrainer César Luis Menotti reichte Junta-Chef Jorge Videla nicht die Hand – vor Millionen von Fernsehzuschauern. Der charismatische Kettenraucher nutzte seine Popularität auch bei anderen Anlässen, um die Gewaltherrschaft zu kritisieren.

Nicht alle europäischen Sportler vertraten eine derart klare Meinung. Der bundesdeutsche Nationaltrainer Helmut Schön sagte nur: „Wir haben keine ausgesprochene Diktatur gesehen.“


Spiele ohne Brot

„Worin ähnelt der Fußball Gott?“ fragt Eduardo Galeano, uruguayischer Schriftsteller und Fußballfan. „In der Ehrfurcht, die ihm viele Gläubige entgegenbringen, und im Mißtrauen, mit dem ihm viele Intellektuelle begegnen.“

Im verarmten Südamerika gibt es für die Massen nicht Brot und Spiele – nur Spiele, kein Brot. Aber die Spiele stiften Identität. Wer Anhänger von Boca ist, macht eine Aussage zu seinem Klassenverständnis. Anhänger bleiben ihren Clubs ein Leben lang treu, egal, wo sie in der Tabelle stehen – das ist in Köln, London oder Rom auch so. Anders als in Europa haben viele Menschen aber nichts als ihren Verein, zu dem sie gehören. Das gilt besonders für die Massen entlassener Arbeiter, die den neoliberalen Reformen der letzten zwanzig Jahre in Lateinamerika zum Opfer fielen. Fabriken wurden geschlossen, Läden dichtgemacht, die Systeme der sozialen Absicherung sind nur noch eine ferne Erinnerung.

Aber die Clubs gibt es noch. Und immer einen oder zwei aktuelle Helden in der selección, der Nationalelf. Die Hoffnung ist nicht tot zu kriegen, campeón mundial zu werden und den Kopf hoch tragen zu dürfen. San Futbol, habe Erbarmen mit uns. Ein WM-Titel noch – und das Leben könnte so schön sein.


Literatur:
Eduardo Galeano: Der Ball ist rund. Unionsverlag, Zürich 2006
Dario Azzellini/ Stefan Thimmel (Hg): Futbolistas. Fußball und Lateinamerika. Assoziation A, Berlin 2006


Sheila Mysorekar
ist freie Journalistin.
Sie hat von 1992 bis 2003 in Buenos Aires gelebt.
ShMysore@aol.com