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06/2006
 

Große Verhandlungsmacht

Die Menschen in Togo vergessen ihre Sorgen, wenn die Nationalmannschaft Länderspiele gewinnt. Die Fußballer dieses kleinen afrikanischen Landes haben sich zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Ihr Erfolg hat wirtschaftliche und politische Folgen. Vielen jungen Menschen dienen die Athleten als Vorbilder.


[ Von Joseph Müller Afanyagbe ]

Fußball ist eine Quelle fiebriger Träume – von Senegal bis Somalia, von Algerien bis Südafrika. Fußball bringt Menschen zusammen und stärkt ihr Gefühl der nationalen Eintracht. Togo hat das erst kürzlich erlebt. Unser Land ist klein, nur ein schmaler Streifen zwischen Ghana und Benin. Trotzdem hat Togo unter politischen Unruhen und Gewalt gelitten. Doch wenn die Nationalmannschaft – liebevoll „Les Eperviers“, die Falken, genannt – wichtige Spiele für die Weltmeisterschaftsqualifikation absolvierte, dann vergaßen die Menschen ihren Zorn.

Manchmal müssen wir die süßen Momente des Lebens genießen – egal durch welche Krisen und Schwierigkeiten wir gerade gehen. Fußball bietet in diesem Sinne großartige Unterhaltung. Er hilft den Menschen, für eine Weile ihre Sorgen zu vergessen, und bringt Aufregung in ihr Leben. Die togolesische Öffentlichkeit interessiert sich für das Spiel – aber sie will, dass fair gespielt wird. Ein Vorzug der Fernsehübertragung von Sportereignissen ist, dass Betrug schwierig wird. Jeder Zuschauer kann sehen, was auf dem Fußballfeld passiert.

Jeder Sieg unserer Mannschaft war ein froher Anlass zum Feiern. Die Menschen waren bereit, die Dinge zu vergessen, die sie zu einem anderen Zeitpunkt trennen mögen. Sie sangen und feierten gemeinsam. In Deutschland nimmt die togolesische Mannschaft zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft teil. Die Qualifikation ist ihr bislang größter Erfolg, und die Nation ist stolz darauf. Kaum ein Togolese wird die Spiele vergessen, die auf dem Weg dorthin zu bestreiten waren.

Der Enthusiasmus hat auch eine kommerzielle Dimension. Gelbe Fanartikel mit dem Symbol der Nationalmannschaft liegen voll im Trend. Der nationale Fußballverband Fédération Togolaise de Football (FTF) versucht andere daran zu hindern, das inzwischen sehr profitable Logo zu nutzen. Allerdings ist es ziemlich schwierig, die geistigen Eigentumsrechte der FTF durchzusetzen. Schließlich wollen viele ihre Unterstützung für die Nationalmannschaft bekunden. Es gibt denn auch viele Unternehmer, die daraus Profit schlagen wollen – und das nicht unbedingt mit einer offiziellen Lizenz.

Die Medien berichten umfassend über die Weltmeisterschaft und alle Begleitveranstaltungen. Die diesjährigen Afrikameisterschaften in Ägypten erregten ähnlich große Aufmerksamkeit in Togo. Der private Radiosender Sport FM und andere Medien gaben ihr Bestes, die Falken zu unterstützen. Diese intensive Art der Berichterstattung wirkt nebenbei automatisch auch als Werbung für gelbe Sportbekleidung.

Der Fußballverband wurde im Jahr 1960 gegründet. Rock Gnassingbe, der Bruder von Präsident Faure Gnassingbe, leitet ihn. Beide sind Söhne von Eyadéma Gnassingbe, der viele Jahre Togos Präsident war. Die Wahl von Faure Gnassingbe im April 2005 führte zu Unruhen, da die Fairness des Urnengangs angezweifelt wurde und die Sicherheitskräfte die Proteste zerschlugen.

Heute sorgt sich die Regierung nicht übermäßig um das Copyright der FTF. Sie will, dass die Mannschaft erfolgreich ist, und begrüßt die von den Spielern erzeugte Begeisterung. Die Regierung unterstützt das Team deshalb auch offiziell und hat wohlhabende Persönlichkeiten und Unternehmen darum gebeten, sich als Sponsoren zu engagieren.

Das war nötig geworden, weil unsere Kicker vor einigen Monaten mehr Bezahlung forderten. Andernfalls, so ihre Drohung, würden sie nicht mehr spielen. Sie bewiesen mit dieser Aktion, dass Sportstars große Verhandlungsmacht haben – nicht nur in wohlhabenden Ländern, sondern auch gegenüber dem togolesischen Establishment.
Mehr Geld im Ausland

Viele Menschen identifizieren sich mit den Spitzenstars, die in Europa spielen. Erfolgreiche Athleten sind Vorbilder. Viele arme Kinder träumen davon, ihre Familien aus der Armut zu befreien. Jeder kennt die Namen der vielen erfolgreichen Spieler aus Afrika: Jay Jay Okocha aus Nigeria, Khalilou Fadiga aus Senegal, Samuel Eto’o aus Kamerun und Didier Drogba von der Elfenbeinküste. In Togo sind die Menschen natürlich besonders stolz auf ihren Landsmann Adebayor Sheyi, der für Arsenal London spielt. Gemeinsam mit seinen Kameraden in der Nationalmannschaft hat er mit der Weltmeisterschaftsqualifizierung einen Traum wahr werden lassen. Die Togolesen empfinden diesen Sportlern gegenüber Dankbarkeit und betrachten sie als eine Quelle gemeinsamen Glücks.

Afrikaner registrieren jedoch auch die – sowohl in sportlicher als auch finanzieller Hinsicht – spektakulären Leistungen brasilianischer Spieler in reichen Ländern. Gerne wären sie wie Ronaldo oder Ronaldinho und andere, die ihren Weg vom Straßenfußball in die berühmtesten Stadien der Welt fanden und zu Stars wurden.

Fußballidole sind übrigens nicht die einzigen Sportler, die aus Afrika auswandern. Der togolesische – und afrikanische – Meister im Tischtennis, Agbetoglo Mawussi, spielt beispielsweise für eine französische Mannschaft im Elsass. Sportler wie er sind Vorbilder und motivieren Menschen dazu, in reiche Länder auszuwandern – und nicht nur im Sport zu konkurrieren. Für viele erscheint jede Art von Arbeit, selbst illegale, verheißungsvoll.

Die Sportleidenschaft führt aber auch zu Migration in die andere Richtung. Der Trainer der Falken ist Otto Pfister, ein Deutscher, der an der Sporthochschule seiner Heimatstadt Köln studiert hat. Er hat schon in anderen afrikanischen Ländern gearbeitet – als Trainer für die Nationalmannschaften von Senegal, Elfenbeinküste und Ghana. 1992 wurde ihm in Afrika der Titel „Trainer des Jahres“ verliehen.

Alles in allem bleibt Fußball in Togo jedoch eine nationale Angelegenheit. Die Spitzenliga besteht aus fünfzehn Mannschaften. Nur wenige von ihnen bestehen aus Profis, wie zum Beispiel der diesjährige togolesische Meister Maranatha FC. Diese Mannschaft hat sogar zwei Spieler aus Ghana, Leonard Adjima und Pierre Kpesse. Auch einige andere Mannschaften stützen sich auf ein oder zwei bezahlte Sportler aus dem Ausland. Den meisten Vereinen jedoch fehlt das Geld für solche Investitionen – und entsprechend gering ist die sportliche Qualität von Togos erster Liga. Aber natürlich werden die meisten Fußballfans Maranatha unterstützen, wenn der Verein im nächsten Jahr in der afrikanischen Champions League antritt. Und sie werden dem AC Togo Port die Daumen drücken, dem diesjährigen Gewinner des Landespokals, der im nächsten Jahr im CAF-Cup spielt.

Von großer Bedeutung sind die Clubpräsidenten, die mit ihrem eigenen Geld hinter den Clubs stehen. Gabriel Ameyi, der Präsident von Maranatha, zahlt sogar für die Busse, die die Fans zu Vereinsspielen in weit entfernte Städte mitnehmen. Aber nicht nur die Finanzen eines Clubs sind wichtig, sondern auch seine Weltanschauung. Das Motto von Maranatha FC ist beispielsweise „Komm bald zurück, Jesus“. Alle Spieler akzeptieren die Team-Regel und beten täglich – in der Gruppe.

Einige Fans – und auch einige Athleten – hoffen, Zauberkraft möge ihren Teams zum Gewinn verhelfen. Die meisten Togolesen würden aber vermutlich sagen, dass Training mehr bringt. Oder auch, wie manche betrübt hinzufügen würden, ein beträchtliches Schmiergeld an den Gegner.



Joseph Müller Afanyagbe
ist Programmdirektor von Sport FM in der togolesischen Hauptstadt Lomé.
jmasfm@yahoo.fr