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 06/2006
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Die Mosambikaner lieben Theater
Henning Mankell hat das Teatro Avenida über Mosambik hinaus bekannt gemacht.
Der schwedische Krimiautor arbeitet seit zwanzig Jahren als Autor und Regisseur für die Bühne in der Avenida 25 de Setembro in Maputo. Gegründet hat das Theater aber Manuela Soeiro. Seit 1984 leitet sie das kleine Ensemble, das zurzeit aus fünf Profis besteht und je nach Bedarf durch Laienschauspieler ergänzt wird.
[ Interview mit Manuela Soeiro ]
Welches Publikum wollen Sie mit Ihrem Theater erreichen? Aus welcher gesellschaftlichen Schicht kommen die Zuschauer?
Eigentlich aus allen Schichten. Die Mosambikaner lieben das Theater . . .
Das heißt, Ihr Haus ist immer gut gefüllt . . .
Nicht immer. Unser Eintrittspreis ist mit ungefähr zwei Dollar zwar ziemlich niedrig, aber die Leute haben nun einmal nicht viel Geld.
Die ganz arme Bevölkerung erreichen Sie also nicht?
Doch. Wir gehen auch in die Stadtviertel, wo die Ärmsten leben, die es sich nicht leisten können, zu uns zu kommen und den Eintritt zu bezahlen. Dort spielen wir dann Stücke, die sich mit bestimmten Problemen befassen, zum Beispiel AIDS.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Stücke, die Sie aufführen?
Das hängt davon ab, welche gesellschaftlichen und politischen Themen in unserem Land aktuell sind.
Als es zum Beispiel vor einigen Jahren die großen Überschwemmungen gab, haben wir uns damit beschäftigt. AIDS ist ein anderes Thema. Wir schauen, was die Leute bewegt, und überlegen uns dann, wie wir das Thema aufgreifen können. Viele Stücke schreibe ich selbst oder zusammen mit Henning.
Sie spielen zurzeit ein Stück für Kinder in Zusammenarbeit mit dem Berliner Grips-Theater. Kooperieren Sie noch mit anderen ausländischen Theatern?
Ja, wir haben Kontakte zu Bühnen unter anderem in der Schweiz, Deutschland, Portugal und Frankreich.
Woher kommen die Laienschauspieler, mit denen Sie arbeiten?
Aus den vielen Theatergruppen in Maputo, die ihre Wurzeln in den einzelnen Stadtteilen haben. Dort werde ich auf die Schauspieler aufmerksam. Wenn ich sie dann für das Teatro Avenida engagiere, veranstalte ich zunächst einige Workshops, um ihr Spiel noch zu verbessern.
Wie wichtig sind Theater, Kino, Musik und andere kulturelle Ausdrucksformen in Mosambik, um in der Gesellschaft Werte zu verbreiten?
Unser Land hat eine hohe Rate an Analphabeten. Viele Menschen haben keinen Zugang zu Medien wie Radio oder Fernsehen. Deshalb sind solche Ausdrucksformen, und vor allem das Theater, sehr wichtig, um Informationen zu verbreiten. Auch die Regierung und internationale Entwicklungsorganisationen kommen immer mal wieder zu uns und bitten uns, in Projekten mitzuarbeiten.
In Deutschland spricht das Theater vorrangig wohlhabendere Leute mit höherer Bildung an, während ärmere Schichten eher ins Kino gehen . . .
Ich denke, bei uns in Mosambik ist es genau umgekehrt.
Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?
Theater ist überall populär, auch auf dem Land. Wir übersetzen viele unserer Stücke in lokale Sprachen, so dass auch die ländliche Bevölkerung sie verstehen kann.
Was hat Sie dazu gebracht, ein Theater zu eröffnen?
Davon habe ich schon als Kind geträumt. Wir haben im Norden Mosambiks gewohnt, auf der Insel Ibo. Mein Vater hat mir immer viele Geschichten erzählt, als ich ein Kind war. Das hat den Wunsch in mir geweckt, Theater zu machen.
Woher hatten Sie das Geld für das Theater?
Das Gebäude war völlig ruiniert. Es gab kein Wasser und keinen Strom. Aber ich hatte eine Gruppe junger engagierter Leute, mit denen zusammen ich das Haus neu aufgebaut habe. Das war 1982. Das Geld dafür haben wir uns durch Theateraufführungen in Schulen und an anderen Orten verdient.
Wie hat der Bürgerkrieg damals Ihre Arbeit beeinflusst?
Das war eine schwierige Zeit. Es war schwer, an Material heranzukommen, zum Beispiel für die Kulissen. Es war gefährlich, irgendwo hinzufahren, um etwas einzukaufen. Und wir mussten uns um Spenden kümmern. Heute unterstützen uns zum Beispiel die norwegische Regierung und die deutsche Botschaft.
Kriegen Sie auch Unterstützung von der mosambikanischen Regierung?
Ende März war der Kulturminister bei uns und hat sein großes Interesse an unserer Arbeit bekundet. Aber eine finanzielle Förderung haben wir bislang nicht bekommen. Deshalb betreiben wir ja die Bäckerei neben dem Theater, um zusätzlich etwas Geld einzunehmen.
Sollte die Regierung Kultur stärker finanziell fördern?
Ja, ich finde schon, auch wenn die Mittel knapp sind. Wir als Theater haben viel erreicht für die Entwicklung Mosambiks. Und immer wenn ich die Gelegenheit dazu habe, bitte ich unsere Regierung, dazu einen Beitrag zu leisten.
Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.
Enorme Begeisterung
Zum Abschied am Flughafen machten die Schauspieler des Teatro Avenida Wolfgang Kolneder ein Geständnis. Sie seien es eigentlich gewohnt, höchstens zwei Stunden am Tag zu proben. Kolneder aber hatte ihnen täglich fünf Stunden aufgebrummt. Da wurde mir klar, warum die während der Proben immer eingeschlafen sind, sobald sie Pause hatten, sagt der Österreicher, der seit drei Jahren an der Universität Mozarteum in Salzburg musikdramatische Darstellung lehrt. Ansonsten aber habe er selten mit derart engagierten und begabten Laiendarstellern gearbeitet wie in Maputo.
Als das Deutsch-Mosambikanische Kulturinstitut ihn gefragt habe, ob er am Teatro Avenida ein Theaterstück für Kinder aufführen wolle, habe er nicht lang gezögert, erzählt Kolneder. Seit fast dreißig Jahren reist der 63-Jährige um die Welt und inszeniert Stücke aus dem Programm des Berliner Grips-Theaters, für das er bis 1978 selbst gearbeitet hat. Stücke für kleinere Kinder ab fünf Jahren lassen sich gut in andere kulturelle Kontexte übertragen. Bei Stücken für ältere Kinder wird es schwierig, weil der gesellschaftliche Hintergrund wie zum Beispiel das Schulsystem an Bedeutung gewinnt, zugleich aber von Land zu Land sehr unterschiedlich ist.
Das Stück Mugnog-Kinder, das seit April unter Kolneders Regie am Teatro Avenida läuft, ist im antiautoritär bewegten Berlin der frühen siebziger Jahre entstanden. Es handelt von Kindern, die mit List und Selbstbewusstsein erwachsene Engstirnigkeit und Herrschsucht überwinden so wie die meisten anderen Stücke des Grips-Theaters auch. Es sei das erste Mal, das in Maputo ein realistisches Stück für Kinder auf eine Theaterbühne komme, habe ihm die Leiterin des Teatro Avenida, Manuela Soeiro, gesagt, erzählt Kolneder. In dieser Hinsicht ähnelt das heutige Maputo dem Berlin des Jahres 1969.
In nur 20 Tagen haben Kolneder und das Ensemble das Stück eingeübt. Das war eine ziemliche Strapaze. Es war Februar und wir hatten 45 Grad auf der Bühne. Das war selbst für die Schauspieler ungewöhnlich anstrengend. Leider sei die Zeit zu knapp gewesen, die Rollen einzeln mit den Darstellern zu erarbeiten. Stattdessen hätten sie eine ältere Inszenierung kopiert, sagt Kolneder. Die Begeisterung des Ensembles sei aber enorm gewesen.
Für einen Regisseur seien die Bedingungen am Teatro Avenida eine Herausforderung. Es ist eben alles sehr amateurhaft. Es gibt kein Personal für bestimmte Aufgaben, zum Beispiel einen Requisiteur, sagt Kolneder. Manuela Soeiro kümmere sich um alles persönlich. Ohne sie laufe an dem Theater nichts. (ell)
Manuela Soeiro
leitet das Teatro Avenida in Maputo.
teatroavenida@tvcabo.co.mz
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