Beiträge aus dem
Schwerpunkt


Fußballbegeisterung in Lateinamerika

Fußball-WM: Togos Spitzenathleten

Warum afrikanische Museen überfordert sind

Mosambikaner lieben Theater

Visuelle Medien und Sport in Indien


06/2006
 

Bunte Bilder von überallher

Indien ist keine Fußballnation – aber die Weltmeisterschaft wird aufmerksam verfolgt werden. Die visuellen Medien spielen südlich des Himalaja eine große Rolle, Fernsehen erreicht eine wachsende Zahl von Dörfern. Die Mattscheibe dient allerdings fast ausschließlich der Unterhaltung – Bildungschancen bleiben ungenutzt.


[ Von Martin Kämpchen ]

Genau erinnere ich mich an die Fußballweltmeisterschaft von 2002, als die Jungen des Adivasi-Dorfes Ghosaldanga spätabends ins wohlhabende Nachbardorf liefen, um die Fernsehübertragungen der Spiele anzuschauen. Die Menschen in den Dörfern sind gastfreundlich und lassen alle Kinder zuschauen. Doch die Kinder eines ganzen Dorfes haben natürlich vor einem Fernseher nicht Platz, also drückte und drängte sich der große Rest vor den Fenstern, glücklich einen Ausschnitt der Mattscheibe zu erblicken, und schrie hurra!, wenn die anderen schrieen. Als Deutschland Vizeweltmeister wurde, kamen die Jungen freudestrahlend herbei, um mir zu gratulieren: „Du hast gewonnen!… Naja, bis auf das Endspiel.“

Inder sind Augenmenschen. Mit Blicken einen Gegenstand zu berühren bedeutet, an der Kraft und Eigenschaft dieses Gegenstandes zu partizipieren. Wer beobachtet, wie Kinder und Erwachsene auf den Straßen einen (für uns Europäer) alltäglichen und unaufregenden Vorgang mit größter Intensität verfolgen, der ahnt die Macht der Bilder. Der Alltag ist vor allem in den Dörfern ereignislos und eintönig. Darum muß nur eine Krähe vom Dach fallen und schon bildet sich eine Traube von Menschen um das „Ereignis“.


Kein Lebenszusammenhang

Man stelle sich vor: In diese Ereignislosigkeit des indischen Dorfalltags wird ein Fernsehapparat gestellt. Plötzlich erscheinen auf dem Schirm Bilder, die total verschieden von allen Bildern sind, die die Wirklichkeit im Dorf ausmachen. Die Frauen sind geschminkt, die Männer fahren mächtige, röhrende Motorräder oder Autos, es gibt Hochhäuser und Flugzeuge. Leben in diesen übereinander gestapelten Wohnquadraten Menschen? Müssen sie etwa nach unten steigen, um im Teich ein Bad zu nehmen oder hinterm Busch ihre Notdurft zu verrichten? Die Bilder zeigen viel, aber sie stellen für die Dorfbewohner keine Lebenszusammenhänge her und, noch wesentlicher, keine Verbindung zu ihrem eigenen Leben. Die Bilder im Fernsehen bleiben vielfach ein aufreizender Bilderteppich. Nur die schulisch Gebildeten vermögen diese Fernseh-Bilderwelt vielleicht annähernd einzuordnen, besonders wenn sie schon einmal einen Ausflug in die nächste große Stadt gemacht haben.

Nehmen wir ein beliebiges indisches Dorf: Bevor Strom gelegt worden war, hat die Gemeinschaft von Zeit zu Zeit in jeder Hütte gesammelt, um mit den Einnahmen Videoshows zu veranstalten. Sie finden vor allem in den Monaten nach der Erntezeit statt, wenn die Bauern etwas Geld in der Tasche haben. Aus der Stadt wurden der Monitor und das Videogerät mit Verstärkerboxen angemietet und per Rikscha oder Taxi ins Dorf gebracht. Man lieh sich im Geschäft eine Handvoll Bollywood-Filme aus. Dann saßen Jung und Alt, die Männer und auch die Frauen (mit ihren schlafenenden Babys im Arm) von abends neun Uhr bis zum Morgengrauen auf dem Dorfplatz und schauten sich einen Film nach dem anderen an. Der Bildhunger übertrumpfte die Müdigkeit! Die Zuschauer mochten die Storys, obwohl primitiv genug, oft nicht verstehen. Doch da war action auf der Scheibe: bunte Tänze und tolle Kämpfe und überirdisch anmutende Landschaften, in denen Autos einander verfolgen. Das genügt, um anspruchslose Menschen die eine ganze Nacht hindurch bei Stimmung zu halten.

Kommt Strom in solche Dörfer, folgt das Fernsehen als erstes hinterher. Und dieser eine Fernsehapparat verwandelt meist das soziale Verhalten der gesamten Gemeinschaft. Oft legen die Bewohner Geld zusammen, um sich gemeinsam einen Fernseher leisten zu können, der dann im Gemeinschaftshaus (dem „Club-Haus“) oder auf einer Veranda aufgestellt wird und jeden Abend laut läuft. Vorbei die abendlichen Zusammenkünfte, bei denen gesungen oder Karten gespielt, gelacht und getanzt wurde. Oft waren es religiöse Litaneien, die die Bauern stundenlang gesungen hatten. Schulaufgaben werden vernachlässigt – wenn denn Kinder und Jugendliche überhaupt in die Schule gehen.

Vorbei die Konzentration der Schülerinnen und Schüler, die abends ihre Hausaufgaben machen sollen. Mir ist ein Dorf bekannt, das schon recht gut entwickelt ist: Es besitzt eine Schule und mehrere Familienoberhäupter haben eine Anstellung bei der Regierung, ein Dutzend Familien besitzt genügend Felder, um Tagelöhner aus benachbarten armen Dörfern einzustellen. Die meisten Häuser sind aus Ziegelsteinen gebaut, nicht aus Lehmwänden und Stroh- oder Wellblechdächern. Ein reiches Dorf, könnte man sagen. Doch wohnt kein Arzt am Ort, nur einige Höfe haben eine Toilette, die Wege sind während der Regenzeit verschlammt. Viele junge Männer sind arbeitslos… In vielen Familien läuft abends der Fernseher. Nun taten sich die Familien zusammen, um gemeinsam eine Satelliten-Antenne zu kaufen! Das war für sie Fortschritt! Nicht Arzt, nicht Hygiene, nicht gute Straßen, sondern zusätzliche – ausländische – Fernsehkanäle waren ihnen wichtig.

Man kann es nicht anders als tragisch nennen, daß eine indische Regierung nach der anderen und die gebildete Mittelschicht, von jeher der entscheidende Meinungsmacher der Nation, nicht das enorm große Potential der visuellen Medien für die Volkserziehung erkannt haben. Ein zur Hälfte analphabetisches Volk hat eben nur die Bilder und die Geschichten, die diese Bilder aneinandergereiht erzeugen, um zu lernen. Jahrzehntelang war das Fernsehen das Monopol der Regierung. Was hätte man dem bilderhungrigen Volk durch pädagogisch gestaltete Fernsehprogramme nicht alles erklären können. Doch wurde Fernsehen eher als politisches Instrument benutzt, weniger als erzieherisches.


Masala-Filme und Kunstanspruch

Das Genre der Kinofilme, das Indien produziert, ist meist noch weiter von Erziehung und Aufklärung entfernt als das Fernsehen. Der Sammelbegriff Bollywood-Film ist in der ganzen Welt bekannt geworden. Darunter versteht man Filme, die in Hindi in den Studios rund um Bombay produziert werden. Es heißt, rund eintausend Filme würden pro Jahr gedreht – es ist die größte Filmproduktion der Welt. Auch in Südindien, vor allem in Madras, in Bangalore und Hyderabad, entstehen zahlreiche Filme in den südindischen Sprachen. Das Gros sind die sogenannten Masala-Filme – Filme, die nach einem stereotypen Schema strukturiert sind, deren wichtigste Elemente erotische Tänze, sentimentale Lieder und Gewalt sind. Die männlichen wie weiblichen Filmstars entwickeln sich typischerweise aus der Szene von Schönheitswettbewerben, Modeschaus und dem Fernsehreklame-Geschäft. Sie beginnen als Models, lernen tanzen und singen und gerieren sich als Filmstars. Mit anderen Worten, sie stammen aus der Sphäre des Körperkults, nicht aus Theaterkreisen, nicht aus der Bemühung um das gesprochene Wort und den körperlichen Ausdruck. Nur wenige bekannte Filmschauspieler sind darum bedeutende Charakterdarsteller.

Neben dem massenweise produzierenden Bollywood behauptet sich der sogenannte indische Art Film (Kunstfilm), der sich als Alternative zu Bollywood versteht. Er findet aber allenfalls auf Filmfestivals und unter dem intellektuellen Publikum in den Großstädten Zuschauer. Eine geschmacksbildende Breitenwirkung hat er wohl noch nicht, wenn er auch in den letzten Jahren an Bedeutung stark zugenommen hat. Viele dieser Kunstfilme benutzen inzwischen Englisch und können darum, anders als Hindi-Filme, im gesamten Land verstanden und auch in der indischen Diaspora in Europa und Amerika vermarktet werden. Als neustes Phänomen entsteht zur Zeit der sogenannte cross-over film, der Bollywood und den Kunstfilm vereint.

Ein solcher Film war „Lagaan“ mit Amir Khan. Von Bollywood gedreht, mit einem seiner besten Stars in der männlichen Hauptrolle, vertrat er dennoch nicht nur Massengeschmack, sondern auch einen gehobenen Anspruch. Als einer der wenigen indischen Filme brach „Lagaan“ aus der Bollywood-Ästhetik aus und fand im westlichen Publikum herzliche Anerkennung; er wurde für einen Oscar als bester ausländischer Film nominiert.

„Lagaan“ ist ein historischer Film. Er erzählt die Auflehnung eines Dorfes in Nordindien gegen die britische Kolonialregierung. Von gelangweilten britischen Soldaten zu einem Kricketspiel herausgefordert, erlernen die Dorfjungen dieses ausländische Spiel innerhalb weniger Wochen. Der Spielpreis ist die Tilgung der Steuerschulden des Dorfes. Natürlich gewinnen die Dorfjungen das Match, wenn auch mit Müh und Not. Über eine Stunde des Films zeigt den Verlauf des Kricketspiels bis zum knappen Sieg. Der Film hatte einen beispiellosen Erfolg in Indien, aber eben auch im Ausland. Kricket war die Klammer, die die Zuschauer in den Städten und Dörfern, in den gebildeten und schulisch ungebildeten Schichten verband. Denn Kricket versteht heute jeder, auch der Hütejunge auf der Wiese, der Bauer hinter dem Pfahlpflug, der Rikschafahrer aus dem städtischen Slum. Das war nicht immer so.


Triumphzug des Krickets

Erst vor etwas mehr als zehn Jahren hat Kricket seine gegenwärtige Bedeutung erlangt. Bis dahin war der Fußball der unangefochtene Herrscher der Spielplätze. Kricket war zuvor ein Spiel für die obere Klasse, die genug Muße fand, um mehrere Tage am Rand des Spielplatzes zuzuschauen. Denn Kricket dauert und dauert. Es ist ein zerebrales Spiel, das mehr auf Strategie und Taktik setzt, weniger auf Geschwindigkeit und kontinuierliche Interaktion des Teams. Als Deutscher, der ohne Kricket aufgewachsen ist, sage ich: Beim Kricketspiel ist nichts los. Dem würden Inder heftig widersprechen und versuchen, mir die Feinheiten des Spiels zu erläutern.

Tatsache ist, daß man heutzutage sogar auf den abgeernteten Feldern der Dörfer Jungen mit Kricketschlägern und Ball beobachten kann. Bedeutende Kricket-spiele laufen den ganzen Tag im Fernsehen und im Radio. Oft stockt das städtische Leben, wenn Indien gegen eine andere bedeutende Kricketnation spielt. In den Büros werden Fernsehapparate aufgestellt, und allenfalls in den spannungsarmen Phasen und während der Pausen betätigt sich die Belegschaft an ihren Schreibtischen. Oder ein Angestellter läßt sein Radio laufen und schreit die Ergebnisse mit dem passenden Ton der Freude, Entrüstung oder Trauer in die umliegenden Bürozimmer hinein.

An Krickettagen wird also kaum ernsthaft gearbeitet, und kein Boss wird seine Untergebenen zur Rechenschaft ziehen, denn Patriotismus muß Spaß machen. Sogar auf den Straßen habe ich die Kricketfans, mit dem Transistorradio am Ohr, wie Schlafwandler durch Menschengewühl und Autokolonnen laufen sehen. Die Zeitungen machen danach eine Rechnung auf, wieviel Sozialprodukt der Nation pro Krickettag verloren geht, aber niemanden scheint daraufhin die Reue zu packen. Kein Politiker wird so unbedacht sein und ein Ende der ganztägigen Kricketspiele fordern.

Daneben führt Fußball zwar kein Schattendasein, doch beansprucht er längst keinen so großen öffentlichen Raum. Indisches Kricket wird glänzend von einem politisch mächtigen und mit hohem gesellschaftlichen Prestige ausgestatteten nationalen Dachverband organisiert. Inder spielen Kricket auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Fußball kommt dagegen nur auf lokaler Ebene zur Geltung. Zum Beispiel gibt es in Kalkutta zwei starke Fußballklubs, die sich seit jeher befehden. Wenn sie in Spielen aufeinanderprallen, schlagen die Emotionen hoch. Die Stadt spaltet sich gewissermaßen in zwei Lager. Solche Fußballspiele finden im allgemeinen an Wochenenden statt, wenn sie keine Arbeitszeit stehlen. Natürlich werden solche Spiele im Fernsehen übertragen, aber sie sind nicht die großen nationalen Straßenfeger wie Kricketspiele.

Im nationalen Rahmen hat sich der indische Fußball noch nicht durchgesetzt. Ein wesentlicher Grund ist, daß dieses Spiel nicht über einen politisch machtvollen und zahlenmäßig starken Verband verfügt wie das Kricket. Das nationale Team und die großen lokalen Kricketteams bestehen aus Berufssportlern. Die besten verdienen so viel wie Filmidole, weil sie im Fernsehen und in den Printmedien für Produkte werben.

Doch im Fußball sind selbst die Spieler in den erfolgreichsten Clubs bestenfalls halbprofessionell. Sie haben im allgemeinen eine Anstellung und spielen in ihrer Freizeit. Große Firmen sponsern die erfolgreichsten Fußballspieler, sie geben ihnen Arbeit und stellen sie zum Spielen frei. Ziel der Sportler ist zunächst stets die Sicherung ihrer Zukunft: Sie suchen eine Daueranstellung in der Firma, die sie sponsert. Erst dann sind sie bereit, für den Sport ihr Bestes zu geben.

Es versteht sich, daß sich nur einige Teams im ganzen Land solche großzügigen Sponsoren leisten können. Die Folge ist eben, daß Fußball auf nationaler Ebene beinahe nicht existiert. Der Medienaufwand bleibt gering, die Leidenschaften bei nationalen Begegnungen gedämpft. International hat der indische Fußball niemals von sich reden gemacht. Die indische Nationalelf sieht man nie in Zeitungen und Zeitschriften abgebildet. Sie hat auch diesmal die Ausscheidungskämpfe für einen Platz unter den Teams, die zur Weltmeisterschaft reisen, nicht gewonnen.

Daumendrücken für Underdogs

Das heißt jedoch nicht, dass das breite Medienpublikum am internationalen Fußball uninteressiert wäre. Das Privatfernsehen hat mehrere Sportkanäle, die das Geschehen weltweit verfolgen. Fast täglich können Inder in den Städten, die mit Kabelfernsehen ausgerüstet sind, die Spiele zwischen europäischen Spitzenclubs oder Länderspiele verfolgen. Das schafft ein anspruchsvolles Urteilsvermögen, das schafft auch Vorlieben für bestimmte Spielstile und Teams. Obwohl Indien nicht mitspielt, also die TV-Zuschauer kein Patriotismus mitreißen kann, werden wie vor vier Jahren die Menschen in Dörfern wie in den Städten die Spiele in Deutschland mit kenntnisreicher Leidenschaft verfolgen.

Ein „erweiterter Patriotismus“ lässt sich übrigens nicht ausschließen. Im Jahr 2002 hielten indische Zuschauer zunächst zu den afrikanischen Teams, den Underdogs der Weltmeisterschaft. Als diese Mannschaften ausgeschieden waren, stürzte sich das Identifikationsbedürfnis auf andere Teams der Dritten Welt, und man war zuletzt unendlich stolz, daß Brasilien, ein Land der Dritten Welt – ihrer Dritten Welt –, den Pokal gewann.



Dr. Martin Kämpchen
ist Germanist und Religionswissenschaftler. Er lebt als Schriftsteller und Feuilleton-Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in der westbengalischen Universitätsstadt Santiniketan. Von dort aus gründete er ein Entwicklungsprojekt in den nahe gelegenen Adivasi-Dörfern Ghosaldanga und Bishnubati. Sein Buch „Ghosaldanga. Geschichten aus dem indischen Alltag“ erscheinen demnächst im Wallstein Verlag, Göttingen.
m.kaempchen@gmx.de