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Tribüne


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06/2006
 

[ Digitale Kluft ]

Unerkannte Wissensfalle

Erkenntniszuwachs bedeutet immer auch ein Mehr an Nichtwissen. Jedes neue Forschungsergebnis wirft neue Fragen und Probleme auf. Nur die Kenntnis solcher Kontexte versetzt eine Wissensökonomie in die Lage, mittels Forschung und Entwicklung weiter zu expandieren. Die internationale Diskussion über die digitale Kluft berücksichtigt diesen Aspekt nicht – folglich führen viele der derzeit propagierten Strategien in die Irre.


[ Von Hans-Dieter Evers, Solvay Gerke und Thomas Menkhoff ]

Die Bedeutung von „Wissen“ zum Erreichen der Millenniums-Entwicklungsziele (MDG) wird auf drei Bereiche reduziert: Schulbildung, Internetzugang und Wassermanagement (BMZ 2005). Es ist jedoch schon seit langem bekannt, dass Wissen zu einem wesentlichen, wenn nicht dem wesentlichsten Entwicklungsfaktor geworden ist. In einer wissensbasierten Wirtschaft übersteigt die Wertschöpfung der immateriellen Produktion (Dienstleistungen, computergesteuerte Produktion et cetera) die der materiellen Produktion (manufacturing). In einer Wissensgesellschaft ist der Bildungsgrad relativ hoch, ein großer Teil der Beschäftigten sind Wissensarbeiter und ein erheblicher Teil des Bruttoinlandsprodukts wird in Ausbildung, Forschung und Entwicklung investiert. Darauf hat der Weltentwicklungsbericht 1998–99 aufmerksam gemacht (World Bank 1999).

Vermeintlich kann Wissen mit der neuesten Informationstechnologie sehr schnell und zu geringen Transaktionskosten importiert werden. Regierungen in Ländern mit geringer Ausstattung an natürlichen Ressourcen sind versucht, auf diesem Weg schnell den Sprung in das post-industrielle Zeitalter zu schaffen. Das könnte auch tatsächlich gelingen, wäre da nicht die „Wissensfalle“.

Wissen wird in immer größerem Umfang produziert. Es wird geschätzt, dass sich das Volumen von Wissen (einschließlich „Wissensschrott“) alle fünf Jahre verdoppelt (Stehr 2001). Die Produktion von neuem Wissen schafft aber noch schneller Nichtwissen, auf das es ebenfalls ankommt. Jeder Erkenntniszuwachs wirft nämlich neue Probleme und Fragen auf. Anders formuliert: Jedes neue Forschungsergebnis macht deutlich, was wir (noch) nicht wissen. Solches „Nichtwissen“ ist wichtig, weil es zur Suche nach weiteren Lösungen anspornt.

Die Wissensfalle besteht nun darin, dass Daten, Informationen und Wissen oft ohne jedes Verständnis des dazugehörigen Nichtwissens übernommen werden. Das gilt besonders, wenn die Akquisiteure Lösungen nur kopieren. Mangelnder Import von Nichtwissen – also der Kenntnis dessen, was noch unbekannt ist – führt folglich zu Fehlinvestitionen, zu Stagnation und erzielt nicht die erwünschten Ergebnisse. Eine „Wissensgesellschaft“ im ökonomischen Sinn kann so nicht entstehen.

Seit Ende der 90er Jahre wird darüber diskutiert, wie der digitale Graben zu überbrücken sei – im nationalen wie im internationalen Rahmen. Die Debatte läuft in der Regel auf Strategien der nachholenden Entwicklung hinaus. Entwicklungsländer sollen den entwickelten Wissensgesellschaften nacheifern, für Computer-literacy, technische Infrastrukturen und Ausstattungen sorgen und den Anteil der Hochschulabgänger pro Alterskohorte steigern.

Konventionelle entwicklungspolitische Strategien sind dabei
– Interventionen in Grund- und Sekundärschulen,
– die Förderung von Hard- und Softwareinfrastrukturen,
– die Digitalisierung von Verwaltungen
(E-Government) und
– Rechtsreformen (des Urheberschutzes, beispielsweise).
Darüber hinaus gibt es auch Versuche, moderne Informationstechnik beispielsweise in der Landwirtschaft zu nutzen.

Problematisch ist, dass solche Ansätze die Bedeutung des Nichtwissens nicht berücksichtigen. Zumindest anfangs werden sie also dazu beitragen, dass die Kluft zwischen den Wissensgesellschaften und den aufholenden Gesellschaften größer und nicht kleiner wird. Denn die Anwender in armen Ländern verstehen immer weniger, wie die Technik funktioniert und wie sie in ihrem Interesse fortentwickelt werden könnte.

Nötig wäre stattdessen eine Strategie, die Nichtwissen angemessen berücksichtigt. Sie würde auf mehrere Dinge abzielen müssen, nämlich:
– „Wissenszentren“ (knowledge hubs), Kompetenzzentren, Exzellenzzentren,
– „Wissensregionen“ (Knowledge Clusters) als „lernende Regionen“,
– Wissenstransfer durch „Globale Produktions-Netzwerke“ und
– die Nutzung komparativer Vorteile von lokalem Wissen.


Die Punkte wollen wir kurz erläutern.

Wissenszentren:
Verschiedene Entwicklungsländer haben versucht, eine Strategie der Konzentration von Wissen zu verfolgen. Indonesien hat bereits Anfang der 1980er Jahre vier seiner Universitäten zu „Centres of Excellence“ erklärt und finanziell besonders gefördert. Die Ergebnisse überzeugten nicht. Es wurden lediglich isolierte Kompetenzzentren aufgebaut, die mit anderen Wissens- und Produktionszentren ungenügend vernetzt waren. Es entstanden keine Wissensregionen (Knowledge Cluster).

Wissensregionen:
Vorbilder für die Clusterbildung sind das Silicon Valley bei San Francisco oder das Silicon Plateau bei Bangalore. Zu nennen wären auch die Münchener Wissensregion oder in Ansätzen der Multimedia Super Corridor in Malaysia. Die wirtschaftswissenschaftliche Forschung betont den engen Zusammenhang zwischen Innovation, lokalem Wirtschaftswachstum und der Clusterbildung (Porter 2000). Unter Cluster versteht man eine regionale Konzentration von Firmen, Zulieferern, Forschungsinstituten und Hochschulen sowie anderen wissensrelevanten Institutionen. Wichtig dabei ist die Vielfalt der Akteure, die sich ergänzen, in Konkurrenz zueinander stehen oder kooperieren. Unsere Untersuchungen in Singapur haben die Relevanz solcher Strukturen ebenfalls aufgewiesen (Menkhoff and Gerke 2002; Menkhoff, Evers et al. 2005).

Globale Produktionsnetzwerke:
Wissensproduktion und Wissenstransfer finden heute unter den Bedingungen der Globalisierung statt. Produktions-Netzwerke (GPN) dehnen sich international rapide aus und sorgen unter bestimmten Bedingungen für Wissenstransfer. Typischerweise sind Wissensregionen mit hoher Diversität in solche Netzwerke besonders eng eingebunden. Allerdings ist der Trend zu GPNs nicht ohne Probleme. Während größere Zulieferer mit Wissen beliefert werden, allein schon um die Qualitätsstandards der Nachfrager zu befriedigen, sind kleinere Unternehmen (SMEs) am Ende der Wissenskette benachteiligt. Oft fehlt ihnen auch die Kompetenz und das Wissen, um globales Wissen aufnehmen zu können. Bei der Schnelligkeit, mit der Wissen in den bereits bestehenden Wissensgesellschaften produziert wird, ist eine nachholenden Entwicklung durch Schließen der „Wissenslücke“ kaum noch möglich. Obendrein vermitteln transnationale Konzerne hauptsächlich „packaged knowledge“, eine Art von „fast food“ für den schnellen Konsum, losgelöst von jeglichem relevanten Nichtwissen, was zur Entwicklung lokaler Kompetenzen nötig wäre.

Lokales Wissen:
Die Übertragung von globalem Wissen in lokale Kontexte erfordert immer den Einsatz von lokalem Wissen. Entwicklungsländer, die sich im Zuge der Globalisierung freiwillig oder erzwungenermaßen dem Weltmarkt öffnen, haben deshalb besondere Chancen. Globalisierung lokalen Wissens und Lokalisierung globalen Wissens sind die Voraussetzung für den Einsatz von Wissen als Wachstumsmotor.

Die deutsche Entwicklungspolitik sollte deshalb erwägen, den Aufbau von Wissensregionen stärker ins Blickfeld zu nehmen. Hierzu wäre allerdings der ausschließliche Blick auf die Wirtschaft zugunsten einer weitergefassten Strategie aufzugeben, da ein komplexes Umfeld mit Regierungsinstitutionen, wissenschaftlichen Einrichtungen und Civil-Society-Organisationen notwendig ist, um lokale Entwicklung erfolgreich zu gestalten. Vor allem müsste Entwicklungspolitik sich dann auch wieder stärker mit Hochschulen, Forschung und verwandten Angelegenheiten befassen.





Prof. Dr. Hans-Dieter Evers
ist Senior Fellow am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn.
hdevers@uni-bonn.de

Prof. Dr. Solvay Gerke
ist Direktorin am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn.
solvay.gerke@uni-bonn.de

Prof. Dr. Thomas Menkhoff
lehrt an der Lee Kong Chian School of Business, Singapore Management University.
thomasm@smu.edu.sg




Literatur:
BMZ (2005):
Der Beitrag Deutschlands zur Umsetzung der
Millenniums-Entwicklungsziele. Bonn, BMZ, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Materialien Nr. 140.
Ernst, D. (2003): Placing the Networks on the Internet: Challenges and Opportunities for Knowledge Creation in Developing Asia. Knowledge Creation in the Learning Economy,. B. A. Lundvall and K. Smith. Cheltenham, Edward Elgar
Evers, H.-D. and S. Gerke (2005): Closing the Digital Divide: Southeast Asia's Path towards a Knowledge Society. Working Paper No 1. Bonn, Center for Development Research, University of Bonn.
Menkhoff, T., H.-D. Evers, et al., Eds., (2005): Governing and Managing Knowledge in Asia. Series on Innovation and Knowledge Management Vol. 3. Singapore and London, World Scientific Publishing.
Menkhoff, T. and S. Gerke, Eds., (2002): Chinese Entreprenership and Asian Business Networks. London and New York, RoutledgeCurzon.
Porter, M., (2000): "Location, Competition, and Economic Development: Local Clusters in a Global Economy." Economic Development Quarterly 14: 15-34.
Stehr, N., (2001): "A World Made of Knowledge." Society 39(1): 89-92.
World Bank (1999): World Development Report 1998–99: Knowledge for Development. New York, Oxford University Press.