Beiträge aus der Rubrik
Analysen und Berichte


Arabisches und europäisches Misstrauen gegenüber US-Initiativen

Dissens über die Bedeutung der Religion

Maßstab für erfolgreiche Demokratisierung

Eine neue Arbeitsteilung zwischen
Entwicklungs- und Sicherheitspolitik


Auf Stärken konzentrieren


07/2004
 

[ Frauen im Islam ]

Dissens über die Bedeutung der Religion

Nicht nur in Europa, auch in islamischen Ländern wird die Diskussion um die Gleichstellung der muslimischen Frau häufig mit der Frage des Kopftuchtragens assoziiert. Das größte Problem der muslimischen Frauen sei aber nicht das Kopftuch, sondern das Fehlen der Demokratie, beklagt Khadija Ben Gana, algerische Anchorwoman beim katarischen Satellitenfernsehen Al-Jazeera. Frauengleichstellung sei nur möglich, wenn die rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen als Ganzes reformiert würden.

Die zentrale Frage für die arabisch-islamische Welt ist, wie demokratische Reformen zu erreichen sind und ob internationale Akteure diesen Wandel beeinflussen können und dürfen. Viele arabische und muslimische Frauen stehen der „Broader Middle East Initiative“, in deren Rahmen die USA und Europa die arabischen Regime zu Reformen bewegen wollen, skeptisch gegenüber. Firdous Al-Moussawi, Ökonomin und Leiterin eines Frauenzentrums in Bagdad, erklärt: „Wir brauchen keine Frauenrechtsreformen ,made in USA‘. Die Frau hat im Islam eine Menge Rechte, sie muss sie nur kennen.“ Die Aufklärung der muslimischen Frauen über ihre Rechte müsse aus den Gesellschaften selbst kommen.

Der „wahre Islam“ sei nicht frauenfeindlich. Diese Position vertraten die meisten der zwanzig muslimischen Karrierefrauen, die Ende Mai auf Einladung des Auswärtigen Amts und des Instituts für Auslandsbeziehungen zum „Kulturdialog mit dem Islam“ in Berlin zusammentrafen. Dass in vielen islamisch geprägten Ländern beruflicher Erfolg für Frauen kaum möglich ist, liegt für Marzia Basel aus Afghanistan an „Traditionen und Bräuchen“. Diese würden „mit den Vorschriften des islamischen Rechts verwechselt“, sagt die Leiterin des Kabuler Büros von UNIFEM (UN-Entwicklungsfonds für Frauen).

Unberücksichtigt bleibt dabei, dass in vielen Ländern sowohl die Scharia als auch die Tradition Frauen behindern und dass deshalb viele muslimische Frauen sich dafür aussprechen, die Scharia ganz abzuschaffen. Diese nicht unerhebliche säkulare Strömung war beim Berliner Kulturdialog klar unterrepräsentiert. Da stellt sich die Frage: Dialog mit wem?

Die Geologin, Buchautorin und Frauenrechtsaktivistin Nejia Boudali aus Marokko zum Beispiel sieht die jüngsten Frauenrechtsreformen positiv, aber letztlich nur als einen Schritt auf dem Weg zur notwendigen Trennung von Religion und Staat. Denn Reformen im islamischen Rahmen hätten den Nachteil, dass man sie – ebenfalls im Namen des Islams – wieder rückgängig machen könne. Boudali ist auch skeptisch, ob ein Instrument wie Quotierung den Frauen grundsätzlich zu mehr Macht und Einfluss verhilft.

Nach der letzten Parlamentswahl im Herbst 2002 seien dank der neueingeführten Frauenquote auch mehrere konservative Nationalistinnen und Islamistinnen ins marokkanische Parlament eingezogen, die die Anfang 2004 in Kraft getretenen frauenfreundlichen Reformen von König Mohammed VI. (siehe E+Z 2004:2, Seite 68) am liebsten verhindert hätten. In gewisser Weise wirkt hier die quasi absolute Machtstellung des Königs positiv: Seine Gesetzesvorhaben können im Parlament nicht wirklich scheitern.

Klar ist: Die Demokratisierung muslimischer Gesellschaften und die Gleichstellung der Frau kommen nur sehr langsam voran. Khadija Ben Gana von Al-Jazeera mahnt die Araberinnen und Musliminnen, die Schuld daran nicht nur beim Westen zu suchen: „Es scheint, dass überfällige Reformen nicht ohne Druck von außen zustande kommen. Wenn das so ist, sollten wir uns selbstkritisch fragen, warum das so ist.“ Ben Ganas Fazit: Mehr Dialog sei notwendig – auch unter den Musliminnen selbst.

Martina Sabra