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07/2004
 

Staatszerfall: Beiträge zur Debatte


Robert I. Rotberg (Hg.):
State Failure and State Weakness in a Time of Terror.
Washington D.C., World Peace Foundation and Brookings Institution 2003, 354 Seiten, 24,95 Dollar, ISBN 0-8157-7573-3

Werner Ruf (Hg.):
Politische Ökonomie der Gewalt. Staatszerfall und die Privatisierung von Gewalt und Krieg.
Opladen, Leske + Budrich 2003, 388 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 3-8100-3747-8


Robert Rotberg ist Präsident der „World Peace Foundation" und seit längerem mit dem Thema des Staatszerfalls befasst. Im Zentrum seines Buches steht die Entwicklung einer Systematik der verschiedenen Stadien des Zerfalls. Die sich daran anschließenden elf Länderbeispiele illustrieren diese Systematik. Zu den kollabierten Staaten werden die Demokratische Republik Kongo, Sierra Leone, Sudan und Somalia gezählt, zu den gefährdeten Kolumbien, Indonesien, Sri Lanka und Tadschikistan. Als schwache, aber stabile Staaten gelten die Fidschi-Inseln, Haiti und Libanon.

Starke Staaten definiert Rotberg als Staaten, die erfolgreich der Bevölkerung „politische Güter“ zur Verfügung stellen. Dazu zählen neben Sicherheit und demokratischer Partizipation auch Gesundheit, Bildung und andere infrastrukturelle Leistungen. Die Bevölkerung in schwachen Staaten verfügt nur sehr begrenzt über diese „Güter“, und das Gewaltpotential ist sehr hoch – insbesondere in den Großstädten. Wo Gewaltmonopole zerfallen, entstehen „gewaltoffene Hohlräume staatlicher Macht“, „parastaatliche Autoritäten“ und „politische Anarchie“. Zu den Akteuren zählen politische Abenteurer, rebellische Armee-Einheiten, Warlords und ethnische Milizen.

Die zwölf Aufsätze des von Werner Ruf herausgegebenen Buches untersuchen ökonomische Aspekte des Staatszerfalls und von Bürgerkriegen. Das Fehlen einer nationalen Bourgeoisie in Ländern der Peripherie führe häufig dazu, dass die Staatsapparate zum bloßen Instrument der Bereicherung unproduktiver Eliten werden. Den Aufbau und die Auswirkungen dieser Rentenökonomien untersuchen die Autoren anhand von Fallbeispielen.

Trutz von Trotha sieht im Staatszerfall eine Wiederkehr historischer Epochen vor der Neuzeit: Gesellschaftliche Ordnungen eigneten sich die Herrschaftsaufgaben des politischen Zentrums an. Peter Lock spricht davon, dass Gewaltunternehmer der Logik transnationaler Netzwerke folgten und sich gelöst hätten von territorialbasierter Staatlichkeit. Da sich eine weitgehende „Diffusion kriegerischer Gewalt“ im Rahmen der Schattenglobalisierung abzeichne, sei die Verwendung des Begriffspaares von Krieg und Nicht-Krieg nicht mehr länger sinnvoll. Lock schlägt vor, stattdessen von „regulativer Gewalt“ zu sprechen. Klaus Schlichte beschäftigt sich unter soziologischen Aspekten mit den Gewinnern und Verlieren von Bürgerkriegen.

Rotberg versucht eine Typologie des Staatszerfalls zu entwickeln. Dies gelingt jedoch nur sehr begrenzt. Der von Ruf herausgegebene Sammelband macht in überzeugender Art und Weise den Begriff der Rentenökonomie für die Analyse des Staatszerfalls fruchtbar. Eine reduzierte Auswahl der Beiträge wäre allerdings von Vorteil gewesen. Beide Bücher stellen jedoch einen wichtigen Beitrag in der laufenden Debatte über den Staatszerfall dar.

Dieter Reinhardt