Editorial


07/2004
 

Die vierte Gewalt

Differenzierte, leistungsfähige Gesellschaften brauchen glaubwürdige Medien. Die Pressefreiheit ist nur das Fundament. Selbstverständlich sind Auflagenhöhen, Einschaltquoten, Anklick-Statistiken und Werbeerlöse wichtig – nicht zuletzt aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Hinzukommen müssen aber auch professionelle Standards und eine Kultur, die Differenzen zulässt und Wert auf sorgfältigen Umgang mit Wissen legt. Sonst dominieren die populistischen Prinzipien des Boulevards – mit destruktiven Folgen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Defizite der Berichterstattung bedeuten, dass Regierungshandeln nicht wirkungsvoll kontrolliert wird. Die Folge sind nicht nur Amtsmissbrauch und Korruption. Inadäquate Meinungsbildung über komplexe Problemlagen führt zu unzureichender Gesetzgebung (Reinold E. Thiel, S. 286). Mangelhafte Marktberichterstattung zieht hohe Preise und ineffiziente ökonomische Entscheidungen nach sich (Jenny Luesby, S. 276). Wenn zivilgesellschaftliche Organisationen nicht als wichtige Akteure wahrgenommen werden, beeinträchtigt das ihre Handlungsfähigkeit zusätzlich (Noha El-Mikawy, S. 282).

Doch leider haben Journalisten ein Imageproblem. Typische Vorwürfe lauten Sensationalismus und Oberflächlichkeit. Eine wichtige Ursache ist der Zeitdruck. Bis Redaktionsschluss reicht es selten, ein Produkt zu perfektionieren. Das war schon immer so – doch der Druck steigt. Weltweite Vernetzung bedeutet weltweite Datenflut. Presseagenturen haben mittels digitaler Technik ihr Output enorm gesteigert, auch Parteien, Unternehmen und Interessengruppen verbreiten mehr Material. Hinzu kommen der rasante Zuwachs wissenschaftlicher Erkenntnis und die Entstehung immer neuer Wirtschaftsbranchen.

Für die Praxis bedeutet das: Es ist unmöglich, alle Fragen zu klären. „Gut genug“ muss reichen. „Beschränkung auf das Wesentliche“ lautet die Devise, „Mut zur Lücke“ die Konsequenz. Im Redaktionsgeschäft ist es schon ein hoher Anspruch, widerstreitende Perspektiven ernst zu nehmen und Fakten korrekt wiederzugeben. Journalisten, die in diesem Sinne objektiv arbeiten, helfen, die Eskalation von Konflikten zu vermeiden. Es senkt nämlich das Potenzial von Wut und Gewalt, wenn alle relevanten Positionen zumindest nachvollziehbar dargestellt werden. Die Pflege von Feindbildern ist dagegen gefährlich – innen- wie außenpolitisch.

Wer dem gewachsen sein will, braucht ein solides Urteilsvermögen. Das wird auf drei Faktoren beruhen: vernünftigen Arbeitsbedingungen, einem klaren Verständnis der eigenen Rolle und Grundkenntnissen des Themenfeldes, über das berichtet werden soll. Derlei gewährleisten nur professionelle Standards und eine politisch-gesellschaftliche Kultur, die offene Debatten schätzt und Redaktionen die dafür nötige Unabhängigkeit gewährt.
Selbstverständlich sind Medienhäuser Einflüssen ausgesetzt. Sie brauchen Geld – ob aus Verkauf, Werbung oder öffentlich-rechtlichen Zuwendungen. Ebenso selbstverständlich findet Journalismus nicht in einem machtfreien Raum statt. Deshalb hat auch Unabhängigkeit eine branchenspezifische Bedeutung. Die Glaubwürdigkeit eines Mediums hängt aber davon ab, dass die Redaktion die nötige Autonomie genießt, um im obigen Sinne objektiv zu arbeiten. Sie muss aktuelle Entwicklungen schnell einschätzen, um entsprechend Stimmen einzuholen, Daten zu prüfen und kontroverse Ansichten zu veröffentlichen. Wer Einzelinteressen dient und wichtige Fakten unterschlägt, wird nicht dauerhaft ernst genommen.

Der angeschlagene Ruf der Profession beweist, dass Journalisten die Ansprüche, die an sie gestellt werden, nicht immer überzeugend erfüllen. Fälschungsskandale plagten in jüngerer Vergangenheit selbst angesehene Blätter wie die New York Times oder die Süddeutsche Zeitung. Und dennoch ist die Aufgabe der Medien unverzichtbar. Deshalb gelten Presse, Funk und Fernsehen als „vierte Gewalt“. Sie genießen sogar den Schutz demokratischer Verfassungen. Das Internet ändert all das nicht grundsätzlich – es erweitert aber auch in armen Ländern die Möglichkeiten, Informationen zu verbreiten und Meinungen auszutauschen (Werner Eggert, S. 284).

Wie anfällig das Medienwesen sein kann, hat in den reichen Ländern die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre gezeigt, weil sie Qualitätszeitungen zu schmerzhaften Einsparungen zwang. Dennoch ist der Mangel in Entwicklungsländern noch deutlicher. Capacity Building ist deshalb sinnvoll – nicht nur im Kontext internationaler Konferenzen (Annette Kaiser, S. 258). Medienförderung verspricht Breitenwirkung. Die Erfolgsaussichten von Projekten steigen, wenn sie mit systematischen Kommunikationsstrategien unterstützt werden. Das wiederum gelingt auf der Basis eines möglichst professionell ausdifferenzierten Journalismus am Besten. (Manfred Oepen, S. 279). Entwicklungspolitik unterstützt auf diesem Feld nicht einen einzelnen Wirtschaftszweig, sie dient dem Fortschritt der ganzen Gesellschaft.





Dr. Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z
euz.editor.@fsd.de