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 07/2004
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[ Armutsbekämpfung ]
Nur Erfolg ist sexy
Wie lassen sich Armut verringern und Wachstum fördern? Welche Modelle könnten anderswo nachgeahmt werden? Auf Einladung der Weltbank kamen Ende Mai Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Entwicklungsländern in Shanghai zusammen, um Projekte der Armutsbekämpfung zu diskutieren. Es sollte ein Ideentransfer von Süd nach Süd stattfinden. Die Idee klingt gut. Doch was bringen solche Großveranstaltungen wirklich? Teilnehmer eines InWEnt-Fortbildungsseminars für Journalisten berichten.
[ Von Annette Kaiser ]
Bauer Haresh Devrajan (33) aus Indien hat den Weg aus der Armut gefunden. Wenn er einen guten Preis für seine Sojabohnen erzielen will, geht er zum Internet-Café um die Ecke und loggt sich ins Web ein. Dort kann Haresh den aktuellen Marktwert prüfen, Preise für Düngemittel vergleichen und seine Produkte gleich im Netz anbieten ohne Zwischenhändler. Ein neues Geschäftsmodell: Früher hatten die meisten Farmer in Indien keinen Zugang zu Marktinformationen und waren deshalb gezwungen, ihre Produkte an einen Mittelsmann zu verkaufen. Der zahlte ihnen gerade mal 20 Prozent des wirklichen Warenwertes. Die Folge: Die Bauern verdienten so wenig, dass sie immer am Rande des Existenzminimums ums Überleben kämpfen mussten.
Direkter Zugang lokaler Produzenten zu Marktinformationen durch Internet-Kioske ist die erfolgreiche Idee des größten indischen Software-Dienstleisters ITC. Seit ihrem Start im Jahr 2000 hat die Firma in zirka 3000 Dörfern Internet-Kioske errichtet. Inzwischen erreicht ITC etwa eine Million Farmer. Dabei sind die E-Choupals nur eine von vielen Initiativen, die bei einer internationalen Konferenz der Weltbank in Shanghai vorgestellt wurden. Unter dem Motto Armut verringern Wachstum fördern tauschten Ende Mai etwa 1000 Experten und 80 Politiker anhand von vorgestellten Projekten aus mehr als 100 Ländern Erfahrungen und Methoden aus, mit denen die Armut in den Entwicklungsländern reduziert werden kann. Soll bis 2015 die Zahl der Armen halbiert werden, wie das die Millennium Development Goals vorsehen, muss das Problem auf breiter Front angegangen werden.
Die indische Idee, Produzenten und Käufer direkt zusammenzubringen, finde ich gut. So etwas könnte auch in Kenia funktionieren, sagt Edward Muchai (39) aus Nairobi. Bei uns bekommen die Bauern von dem Agenten höchstens 300 Schilling für einen Sack Kartoffeln. Aber in den Supermärkten der Hauptstadt kostet ein Sack 1200 Schilling und Nairobi ist gerade mal 80 km weit entfernt. Der Journalist arbeitet für The Nation, Kenias führende Tageszeitung mit 300 000 Lesern. Im Rahmen eines Fortbildungsprogramms des InWEnt-angegliederten Internationalen Institutes für Journalismus (IIJ) beobachtete er zusammen mit acht weiteren Journalisten die Konferenz in Shanghai. Nach Meinung von Muchai könnten kenianische Bauern mit Hilfe solcher E-Choupals ihren Gewinn verdreifachen.
Andere Präsentationen kamen bei dem Journalisten kritischer an. Mikrofinanzierung wird hier als Erfolgsmodell gefeiert, weil man damit den Armen durch zinsgünstige Kleinkredite zu einem eigenen Geschäft verhilft. Grundsätzlich stimmt das auch. Aber ausgerechnet die kenianische Bank K-Rep, die hier vorgestellt wurde, fordert höhere Zinsen als kommerzielle Banken. Ich weiß nicht, was daran für die Armen hilfreich sein soll. Dass sich die Weltbank ihre Partner nicht genauer ansieht, wundert Muchai. Wichtig ist zudem immer, nachzufragen, wie der Erfolg zustande gekommen ist. Viele Präsentationen seien wenig konkret, kaum jemand stelle kritische Nachfragen, findet der Journalist.
Positiv: der Süd-Süd-(Wissens-)Transfer
Das gelte auch für das Modell der kenianischen Blumenindustrie. Es ist richtig, dass so in Kenia viele Arbeitsplätze entstanden sind. Aber was keiner gesagt hat: Die Beschäftigten werden durch Niedrigstlöhne ausgebeutet. Die Blumen werden mit gefährlichen Pestiziden gespritzt, mit denen sich die Arbeiter vergiften können. Denn Schutzmaßnahmen existieren nicht. Und: Die Chemikalien aus den Blumenfarmen gelangen ins Grundwasser und ruinieren die bäuerlichen Kleinbetriebe in der Umgebung. Positiv an der Konferenz findet Muchai, dass zum ersten Mal lokale Experten aus Entwicklungländern zusammenkommen, um sich auszutauschen. Früher haben sich Experten der Weltbank in Washington die Projekte ausgedacht.
Austausch auf NRO-Ebene über das neue Konzept der Weltbank gehen die Meinungen der Medienvertreter auseinander. Im Publikum sind kaum politische Entscheidungsträger, kritisiert Candice Zachariahs (25) aus Bombay, Reporterin bei der angesehenen Times of India. Ohne politische Unterstützung kommen die NRO nicht vom Fleck. Sie brauchen ein Umfeld, dass ihre Aktivitäten fördert. Außerdem sind nicht alle Modelle übertragbar. Eine Aktivistin aus dem Jemen, die sich täglich mit islamischen Fundamentalisten auseinandersetzen muss, kann mit Frauenförderungsprogrammen aus Uganda nichts anfangen. Zwei Tage hält sie prinzipiell zu kurz für einen wirklichen Meinungsaustausch. Die Modelle würden im Schnelldurchlauf abgehakt, findet sie.
Nimmt sie für Indien etwas mit? Auf jeden Fall. Armut spielt in den indischen Medien keine Rolle. Sie ist einfach etwas, was schon immer da war. Nur Erfolg ist sexy. Wenn ich also erfolgreiche Modelle zur Armutsbekämpfung vorstelle, kommt das beim indischen Leser gut an. Eine Bildungskampagne Oportunidades aus Mexiko wäre auch hilfreich für ihr Land, meint die Reporterin. Die Regierung übernimmt die Grundschulgebühren für arme Kinder, verteilt Gutscheine an die Eltern. Außerdem dürfen die Kids ihre Schule frei wählen. Das wäre eine gute Idee in Indien, denn wir haben 400 Millionen Analphabeten. Spannend fand sie auch die Erfahrungen des brasilianischen Favela Bairro-Programms mit der Urbanisierung von Slums. Wie sorgt man dafür, dass Slumbewohner in Rio oder Bombay Wohnungen, Schulbildung, Arbeitsplätze bekommen? Da ist es interessant, die Lösungen unserer beiden Länder zu vergleichen.
Aber nicht immer ist der Vergleich mit anderen Ländern am wichtigsten. Für die 26-jährige Juliana Radler (São Paulo) ist die Konferenz eine willkommene Gelegenheit, mit Experten aus dem eigenen Land zu diskutieren. Etwa 100 Fachleute aus der mittleren Führungsebene Brasiliens sind hier. Die wissen viel besser Bescheid als unsere hochrangigen Politiker, sagt die Reporterin, die im Auftrag der zweitgrößten Tageszeitung von Rio, Journal do Brasil, und dem Umwelt-Magazin Journal de Meio Ambiente die Shanghaier Konferenz beobachtet. So habe Präsident Lula bei der Eröffnung eine leidenschaftliche Ansprache über Wege aus der Armut gehalten, kritisiert die Reporterin. Aber bisher hat er seinen Reden kaum Taten folgen lassen.
Gerade Frauen sind von Armut besonders betroffen, weiß Ramata Diaouré (45). Die Journalistin ist Chefredakteurin von Nyéléni(Die moderne Frau), der einzigen Frauenzeitschrift in Mali. 500 bis 700 Leserinnen zählt das Monatsmagazin. Nicht wenig in einem Land, in dem gerade mal jeden fünfte Frau lesen und schreiben kann. Sie sieht die Veranstaltung kritisch. Bei uns leben zwei Drittel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, kämpfen täglich um ihr Überleben. Gleichzeitig werden Experten per Business Class in Chinas Boomtown eingeflogen, um über Armut zu diskutieren.
Ursache für die Armut der Frauen ist Diaouré zufolge besonders das Aids-Virus, mit dem in Mali 6,8 Millionen Menschen infiziert seien. Meistens stecken sich die Männer zuerst an, weil sie mehrere Frauen haben oder fremdgehen. Traditionell ist der Mann für die Versorgung von Frau und Kindern zuständig. Stirbt der Ehepartner, bleibe die Frau auf sich allein gestellt. Sein gesamtes Vermögen und sein Haus kassiert nach islamischem Recht die Familie des Mannes. Außerdem machen die meisten Afrikaner die Frauen für die Übertragung des Aids-Virus verantwortlich und meiden sie wie Aussätzige. Die Frauen müssen auf der Straße betteln, um zu überleben. Deswegen sei es zu begrüßen, dass Aids auf der Weltbank-Tagung thematisiert werde.
Negativ: fehlende Kohärenz der Weltbank-Politik
Von einer Alibi-Veranstaltung spricht Liliana Franco (50), Chefreporterin des Wirtschaftsmagazins Ambito Financiero (80 000 Leser), aus Buenos Aires. Weltbank und IWF waren mitverantwortlich für die Finanzkrise, die tausende Argentinier in den Ruin getrieben hat. Von einem Tag auf den anderen standen Menschen, die ihr ganzes Leben lang gespart und ihr Geld zur Bank getragen hatten, vor dem Nichts. Trotzdem hätten beide Finanzinstitutionen der Regierung immer weiter Geld geliehen und damit die Inflation auf 30 Prozent hochgetrieben. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt stoppte die Weltbank sämtliche sozialen Projekte in Argentinien und drehte uns die Wasserversorgung ab. Millionen von Euro würden für eine Mega-Konferenz ausgegeben. Dabei seien die Probleme in den einzelnen Ländern völlig unterschiedlich. Francos Vorschlag: Im Vorfeld analysieren, welche Staaten ähnliche Strukturen und Probleme haben, und dann eine zweiwöchige Zusammenkunft dieser Länder in einem überschaubaren Rahmen organisieren, mit Zeit und Ruhe zum Diskutieren. Das wäre sicher ein Erfolgsprojekt.
Annette Kaiser
ist Journalistin, Sinologin und freie Mitarbeiterin beim Internationalen Institut für Journalismus von InWEnt. Sie hat die Journalistenreise nach Shanghai betreut. annette_kaiser@hotmail.com
Weitere Informationen:
Die Berichte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der
Journalistenreise zur Shanghaier Konferenz finden sich unter http://www.dse.de/iij/wb-shang.htm
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