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 07/2004
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Information lässt Märkte gedeihen
Die Durchschnittseinkommen in vielen Entwicklungsländern stagnieren trotz Jahrzehnten der Strukturanpassung zur Liberalisierung von Märkten und jahrelanger Politik der Förderung kleiner Unternehmen. Ökonomischer Fortschritt ist ohne kompetente Wirtschaftsmedien nicht zu erwarten. Journalisten dienen nicht nur in der Politik als öffentliche Wächter. Ihre Arbeit ist auch für die Effizienz von Märkten wesentlich.
[ Von Jenny Luesby ]
In Ghana starben 1995 fünf Menschen bei Unruhen, die ausgelöst wurden, als die Regierung eine Mehrwertsteuer einführen wollte. Diese sollte eine Verkaufssteuer ersetzen. Der Steuersatz wären gleich geblieben. Eigentlich sind solch kleine Reformen kein Grund für Straßenkämpfe. Leider hatten Journalisten aber etwas falsch verstanden. In ihren Berichten hieß es, die Steuer werde Verbraucherpreise drastisch in die Höhe treiben. In einem Land, in dem die Menschen schmerzhafte Strukturanpassungen leid waren, reichte das, um Gewalt auszulösen.
Die Nachricht entsprach nur nicht der Realität. Die Journalisten hatten die neue Steuer nicht richtig verstanden und nahmen Interessensgruppen eine Falschmeldung ab. Diese Leute wären Verlierer gewesen, wenn die Steuerunregelmäßigkeiten, auf die die Reform abzielte, beendet worden wären. Angesichts der Sturm laufenden Öffentlichkeit sah die Regierung von der Reform ab. Fehlende journalistische Kompetenz, wie sie in vielen Entwicklungsländern üblich ist, löste dieses Drama aus. Das belegt die Bedeutung von Marktberichterstattung. Dieser Fall und viele weitere veranlassten die Weltbank 2002 dazu, die Ausbildung von Wirtschaftsjournalisten aufzunehmen.
Brückenschlag für das öffentliche Verständnis
Während die Wächterrolle von politischem Journalismus allgemein anerkannt ist, hat die ähnliche Funktion der Wirtschaftsmedien in den Entwicklungsländern bisher wenig Beachtung gefunden. Betont wird zwar immer wieder, finanzielle Entscheidungen und Transaktionen müssten transparent gemacht werden. Aber es muss eben auch jemanden geben, der aufpasst, damit Fehlverhalten auffällt. Wenn nur Berichte für einen kleinen Kreis eingeweihter Experten entstehen, dient Transparenz im besten Fall der Rechenschaft gegenüber mächtigen ökonomischen Akteuren. Es käme stattdessen auf einen Brückenschlag für das öffentliche Verständnis an.
Ein passendes Beispiel bietet Südafrika, wo black economic empowerment (BEE, Förderung der Teilhabe schwarzer Bürger an der Wirtschaft) eine massive Umverteilung antreibt. Die Wirtschaftspresse unterstützt diesen Trend, er gilt als politisch korrekt. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass etwas ernsthaft schief läuft. Finanzexperten kamen zu diesem Ergebnis und arbeiteten das in datenreichen Pressemitteilungen deutlich heraus. Dennoch ignorieren die Massenmedien das weitgehend.
Im vergangenen Jahr schob BEE eine Welle Fusionen und Übernahmen an. Das gesamte Handelsvolumen betrug bis zu 42,2 Milliarden Rand. Die Wirtschaftsmedien berichteten über diesen Anstieg sehr positiv. Die Untersuchung, der diese schlagzeilenträchtige Wachstumszahl entstammt, betonte aber auch, dass die Mehrheit der BEE-Abschlüsse ehemals weißes Kapital in den Besitz der schwarzen politischen Elite brachte. 60 Prozent der Geschäfte im Jahr 2003 gingen dabei zugunsten der Unternehmen von nur zwei schwarzen Politikern: Patrice Motsepe und Tokyo Sexwale.
Die Bereicherung zweier Männern hat wenig mit dem ursprünglichen Ideal von black empowerment zu tun. Eher gleicht sie der Perversion von Privatisierung wie man sie in fast allen aufstrebenden Ökonomien angefangen bei Russland beobachten kann. Doch die Wirtschaftsmedien in Südafrika schweigen anstatt über solche Zahlen Zeter und Mordio zu schreien. Die Journalisten berichten nicht einmal neutral über diese Fakten, damit sich Leser ihr eigenes Urteil darüber bilden könnten, worum es bei black empowerment geht. In Fällen wie diesem bringen Transparenz-Vorschriften nicht viel, weil Medien nicht als aktive Wächter die Öffentlichkeit alarmieren.
Das ist aber nicht der schlimmste Schaden, der durch schlechte Medienberichterstattung entsteht. Der Output der Wirtschaftsmedien ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten überall stark gewachsen. Es ist in allen Ländern schwierig, dafür kompetente Leute zu finden. Sie müssen sich mit einem relativ moderaten Einkommen zufrieden geben, obwohl sie über ökonomische Kompetenzen verfügen, die Unternehmen stark nachfragen.
Die Qualifikationslücke ist in Entwicklungsländern aber größer als in Nordamerika, Westeuropa oder Japan. Überall haben Einsteiger in den Wirtschaftsjournalismus keine Grundkenntnisse von Buchhaltung, Finanzmärkten oder Wirtschaftsbeziehungen. Aber in armen Volkswirtschaften ist solches Wissen auf allen Hierarchieebenen des Berufstands selten. Das führt zu einer Berichterstattung, die Schlagzeilen über Wachstumszahlen veröffentlichte, aber nur wenig erklärt. Die Medien vermeiden Details, machen Fehler und sind anfällig für Manipulation.
Die Wirtschaftspublizistik versagt darin, für Wachstum und Erfolg zentrale Funktionen zu erfüllen. Leicht zugängliche Daten führen normalerweise zu niedrigeren Verbraucherpreisen und fördern die Effizienz der Unternehmen. Kompetente Berichterstattung hilft, kluge Entscheidungen zu treffen und Konkurse zu vermeiden. All das führt zu mehr Arbeitsplätzen und höherer Jobsicherheit.
Die Bedeutung von Vergleichszahlen
In Kenia tat sich 1996 eine Gruppe von Journalisten zusammen. In dreißig Arbeitsstunden erstellte sie eine Rangliste der Kreditzinsen, die verschiedene Banken forderten. Zuvor waren deren Konditionen nie zusammengestellt und veröffentlicht worden. Folglich reichte die Bandbreite der Zinssätze von 13 Prozent bis zu über 30 Prozent. Ohne öffentliche Vergleichszahlen standen die Institute nicht wirklich unter Wettbewerbsdruck. Kenianische Kreditnehmer spielten quasi Lotterie. Meist wählten sie eine Bank, die Verwandte oder Nachbarn empfohlen hatten oder die zufällig an einer Durchgangsstraße lag. Wer zufällig über einen 13-Prozent-Kredit stolperte, war gut dran. Für alle, die 25 oder gar 33 Prozent bezahlten, war das Desaster absehbar. Solch eine Last kann kaum ein neu gegründetes Unternehmen tragen.
Der Mangel an Wettbewerb, verursacht durch ein ineffizientes Informationsangebot, hat die Entwicklung von kleinen und mittelgroßen Unternehmen (SME) in Kenia stark behindert. Das veranlasste die Wirtschaftspresse aber nicht dazu, regelmäßig die Kreditzinsen zu publizieren. Erst Jahre später sprang die Zentralbank mit einer regelmäßigen Veröffentlichung von Zinssätzen ein, seither verbreitet auch die Wirtschaftspresse diese Daten. In den meisten reichen Ländern hätten Medienhäuser nicht auf solch eine offizielle Initiative gewartet, sondern hätten von sich aus Vergleichszahlen recherchiert und veröffentlicht.
Solche Informationsmöglichkeiten sind für große Firmen oft nebensächlich. Sie haben Spezialisten für Datenbeschaffung und Entscheidungsfindung. Großkonzerne beschäftigen Juristen, Marketingleute, technische und andere Experten. Sie zahlen auch für Wirtschaftsinformationen, wie sie Marktforscher oder Unternehmensberater anbieten. Kleine Unternehmen dagegen können sich kaum leisten, ihr Unternehmensumfeld genau zu untersuchen.
Dabei ist aber der Erfolg der kleinen Unternehmen eine Voraussetzung für den Aufschwung einer Volkswirtschaft. In den USA produzieren kleine Unternehmen mehr als die Hälfte des gesamten Outputs. Sie beschäftigen die Mehrheit der Arbeitskräfte und schaffen fast alle echten neuen Arbeitsplätze. In Europa sieht es ähnlich aus: Ein Drittel der westeuropäischen Arbeitnehmer (außerhalb der Landwirtschaft) arbeiten in Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten.
Nichts kann die ökonomische Lücke füllen, die ein untätiger oder leistungsschwacher Sektor von kleinen und mittleren Unternehmen reißt. Damit solche Firmen florieren, müssen zwei Hürden genommen werden. Einerseits müssen viele neue Unternehmen gegründet werden, und davon muss eine bedeutende Anzahl erfolgreich sein. Bei beidem spielen Wirtschaftsmedien eine Schlüsselrolle.
Unterstützung kleiner Unternehmen
Damit neue Unternehmen gegründet werden, müssen Leute mit Geschäftsideen Selbständigkeit für eine realistische Option halten. In den USA widmet sich ein großer Teil der Wirtschaftspresse der Situation kleiner Unternehmen. Sie druckt Fallstudien, Geschichten und Erfahrungen. Folglich ist die Idee, sich selbständig zu machen, immer präsent.
Wer dann tatsächlich eine eigene Firma gründet, ist wieder auf Wirtschaftsberichterstattung angewiesen. Journalisten zeigen Chancen und Risiken auf. Im britischen Königreich gibt es 10 000 Wirtschaftszeitschriften und -magazine, die zusammen schätzungsweise 3,3 Milliarden Pfund Umsatz machen. In allen Branchen und Unter-Branchen dienen die Publikationen dem Informationsaustausch. Sie kommunizieren Markttrends ebenso wie technische Daten, Jobangebote und Informationen über die Konkurrenz.
Geschäftsentscheidungen ohne diese Art von Informationen treffen zu müssen, ist ein großes Handicap. In Britannien ergab eine Agridata-Umfrage 2002, dass 95 Prozent der Landwirte mindestens eine Fachzeitschrift lesen. Die Mehrheit hatte auch Zugang zum Internet und konnte relevante Informationen direkt abrufen. Die Vorstellung, dass die Mehrheit der Bauern in Ghana im Internet US-Agrarzahlen überprüft oder sich Informationen über die Kaffeeernte in Brasilien holt, scheint geradezu absurd. Es würde aber ihre Geschäftsaussichten verbessern. Realistischer erscheint dagegen eine fachkundige Agrarpublikation mit relevanten Informationen in Ghana. Sie sollte Konferenzen und Messen ankündigen und über die Bedürfnisse/Anforderungen von Käufern und Verkäufern informieren. Eine große Zahl von Lesern würde einen niedrigen Verkaufspreis ermöglichen und der wiederum eine große Zahl von Lesern.
Ebenso bietet Radio in Entwicklungsländern Möglichkeiten, die fast nie dazu genutzt werden, relevante Wirtschaftsnachrichten zu verbreiten. Nur wenige Journalisten realisieren die Wichtigkeit von Liquidität. Aber zwei Drittel bis 90 Prozent aller neuen Unternehmen scheitern an möglicherweise vermeidbarer Zahlungsunfähigkeit. Das sollte eigentlich Anlass genug sein, um auch in Lokalradios über Liquiditätsmanagement zu berichten.
Grundsätzlich kommt kein Wirtschaftszweig ohne Forum für Stellenanzeigen aus, um effizient geeignete Arbeitskräfte zu finden. Kleine Unternehmen ohne funktionierende, auf Zielgruppen zugeschnittene Wirtschaftspresse haben wenig Möglichkeiten, potentiellen Kunden ihre Existenz mitzuteilen. Ein Blumenproduzent kann dann beispielsweise nicht einfach eine relativ preiswerte Anzeige im richtigen Medium schalten und damit Einkäufer erreichen. Zutaten-Hersteller finden keine Nahrungsmittelhersteller, Korbflechter keine Beschaffer aus dem Einrichtungshandel.
Folglich haben multinationale Konzerne oft bessere Marktchancen. Sie können sich aufwendige Werbekampagnen auf Plakatwänden, in nationalen Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen leisten. Afrikanische Bauern würden eventuell ihre Ausrüstung lokal beziehen, wenn sie vom entsprechenden Angebot wüssten. Stattdessen kennen sie nur Marken mit großen Marketingkampagnen im Rücken.
Ohne eine kompetente Wirtschaftspresse bleiben kleine und mittlere Unternehmen gelähmt. Ihr Sektor wird nicht zur Zugmaschine für die Volkswirtschaft. Aber während die Verbindung von Pressefreiheit und Demokratie ein anerkannter Grundsatz ist, herrscht nur wenig Verständnis für die Beziehung zwischen Wirtschaftsmedien und ökonomischem Erfolg.
Jenny Luesby
leitet das Journalisten-Trainingscenter Cayssials in Frankreich. Sie arbeitet außerdem im Auftrag von InWEnts Internationalem Institut für Journalismus und andere Anbieter. Ihr Buch The Word on Business erschien 2000 bei Financial Times Prentice Hall. Bevor sie sich der Ausbildung zuwandte, arbeitete sie als Industrie-Korrespondentin für die Londoner Financial Times. info@cayssials.com
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