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 07/2004
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Stolze Tradition, mangelnde Pflege, verschlafene Trends
Deutsche Institutionen verfügen über reichhaltige Erfahrungen in der entwicklungspolitischen Medienförderung. Allerdings bräuchten sie ein übergreifendes Konzept und bessere Mittelausstattung. Den Niedergang dieses Arbeitsfeldes in der Bundesrepublik bezeichnen Fachleute als hausgemacht. Dabei helfen systematische Kommunikationsstrategien, den Erfolg von Entwicklungsprojekten zu sichern.
[ Von Manfred Oepen ]
Eigentlich müsste es um die Förderung von Journalisten, Medien und Kommunikation als Teil deutscher Entwicklungszusammenarbeit (EZ) wohl bestallt sein. Denn für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sind Medien und Entwicklung, Medienförderung und Entwicklungsbemühungen nicht voneinander zu trennen. So formulierte es jedenfalls Staatsekretär Erich Stather 2001. Zudem ist die deutsche Medienzusammenarbeit durch die Pluralität ihrer Ansätze und Akteure reich an Erfahrungen. Leider driftet die Medienförderung aber unkoordiniert dahin und die Mittel sind in den vergangenen 15 Jahren dramatisch gesunken.
Die Journalistenfortbildung in der Bundesrepublik stellt derzeit das wesentliche Standbein der deutschen Medienförderung dar. Die Zentren für Hörfunk- und Fernsehfortbildung der Deutschen Welle sowie das Internationale Institut für Journalismus von InWEnt genießen weltweit einen guten Ruf. Die Professionalität der Kursteilnehmer und ihre Position in führenden Massenmedien ihrer Herkunftsländer unterscheiden die drei Fortbildungszentren von vielen Konkurrenzorganisationen. Sie werden selbst in autoritären Ländern als neutrale, nicht-staatliche Einrichtungen angesehen.
Die spezifischen Stärken der politischen Stiftungen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) oder der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) liegen in der Zusammenarbeit mit journalistischen Interessenverbänden, der politischen Lobbyarbeit und der Mediengesetzgebung. Die Kirchen sehen ihre Potenziale vor allem in der Basisorientierung und der Armutsbekämpfung. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem Hörfunk. Mittler der katholischen Hilfswerke sind unter anderen Netzwerke wie der lateinamerikanische Verband für Rundfunkerziehung ALLER. Der legte Ende 2003 eine Studie über die Erfolgsgeschichte von 32 Basisradiostationen in Lateinamerika vor. Der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) stellt den Aufbau unabhängiger Medien in den Zusammenhang der Förderung von mehr Mitsprache in der Zivilgesellschaft. Er war an der Entwicklung von Radionovelas über Katastrophenprävention und Gesundheit bei 50 Kommunalradios in Mittelamerika beteiligt. Die Kirchen organisierten 2003 das Community Media Forum beim Genfer World Summit on the Information Society (WSIS) als kreative Schnittstelle von Medienförderung und Entwicklungskommunikation.
Die Kommunikationsstrategien der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) genießen als integrale Bestandteile von Umwelt-, Gesundheits-, armutsbezogenen und ländlichen Projekten weltweites Ansehen. So nutzen die Fachdienste der OECD-Staaten den GTZ-Handlungsleitfaden&Mac226; Communicating the Environment. Mit ähnlichen Mitteln hat sich die KfW bei der Finanzierung von Telekommunikations-Infrastruktur einen Namen gemacht.
Solche Beispiele zeigen, dass es neben der Kontinuität professioneller Journalistenfortbildung eine Reihe neuer Aufgaben gibt. Dazu zählt die Förderung von zivilgesellschaftlichen Strukturen in jungen Demokratien oder auch der Einsatz von social marketing, Basismedien und aufklärerischer Erwachsenenbildung. Deutsche Institutionen hätten das Potenzial, international sinnvoll zu wirken. Doch trotz ihrer beachtlichen Tradition werden die Kompetenzen kaum genutzt und gepflegt.
Verlust von Erfahrungswissen
Das BMZ beansprucht hinsichtlich Umfang und Qualität seiner Medienarbeit den ersten Platz unter allen Industrieländern. Diese Messlatte datiert jedoch aus den 80er Jahren. Heute korrespondiert laut zuständigem BMZ-Referat die postulierte Bedeutung unabhängiger Medien mit einem relativ geringen Fördervolumen. Bis Anfang der 1990er Jahre blieb Deutschland einer der gewichtigsten global player der Medienförderung. Doch seit dem Höchststand mit knapp 105 Millionen Mark 1981 sind die staatlichen Zuwendungen auf 20 Millionen Euro im Jahr 2001 kontinuierlich gesunken. GTZ und FES haben ihre Fachabteilungen für Medienarbeit in den 90er Jahren aufgelöst. Entgegen offiziellen Beteuerungen sind Kommunikation und Medien kein Förderschwerpunkt der Entwicklungszusammenarbeit mehr. Beim Genfer WSIS 2003 spielte das BMZ keine aktive Rolle.
Zu beklagen ist der Verlust von wertvollem Erfahrungswissen im BMZ und bei den Vorfeldorganisationen. Die letzte vom BMZ getragene Fachtagung zum Thema datiert aus 1985, die letzte Querschnittsevaluierung aus 1988, das letztgültige Positionspapier aus 1987 ist im zuständigen BMZ-Referat nicht greifbar. Damals waren Medien das direkte Ziel von Projekten. Sie und die Journalistenausbildung wurden institutionell und infrastrukturell unterstützt in der Hoffnung, dass sie ihre Potentiale als vierte Gewalt entwicklungspolitisch realisieren.
2002 wurde die Diskussion über die Rolle der Medien für Entwicklung und Demokratie neu belebt. Die Weltbank beleuchtete in ihrem Weltentwicklungsbericht den potenziellen Beitrag der Medien zu good governance, Korruptionsbekämpfung, wirtschaftlicher Entwicklung und Armutsbekämpfung. Unter Leitung des Catholic Media Council organisierten kirchliche Einrichtungen die Tagung Praxis und Perspektiven der deutschen Medien- und Journalistenförderung. Parallel dazu ließ das BMZ eine Designstudie zur Vorbereitung einer Querschnittsevaluierung seiner Medienförderung erstellen. Die Ergebnisse sollten helfen, auf aktuellem Stand von Theorie und Praxis eine schlüssige Position zu formulieren. Doch die angekündigte Evaluierung steht bis heute aus.
Kenner bezeichnen den Niedergang der Medienförderung als hausgemacht. Die politische Ebene, so urteilte der kürzlich verstorbene Doyen der deutschen Medienzusammenarbeit, Reinhard Keune von der FES, verschenke das Vertrauens- und Kompetenzpotential, weil sie die von 1970 bis 1990 erzielten Erfolge und Erkenntnisse konzeptionell nicht weiter entwickle und pflege. Stefan Brüne, Verfasser der 88er Querschnittsanalyse, spricht von politischen Versäumnissen im BMZ, das eine Politik der Selbst-Provinzialisierung betreibe und in den letzten zehn Jahren alle Trends verschlafen habe vor allem den zur Entwicklungskommunikation. Hier unterstützen Medien und Kommunikation Querschnitts- und Managementaufgaben als Ergebnisse von sektorspezifischen Projekten.
Der Blick über den Atlantik weckt Neid. USAID rückte 1997 mit einem Strategiepapier die Medien als Teil der Zivilgesellschaftsförderung ins Blickfeld. Gezielt werden günstige legale und politische Rahmenbedingungen geschaffen, unterstützende Organisationen gestärkt und Medienschaffende fortgebildet. Neben der klassischen Medienförderung hält USAID über die Communication Initiative der Agency for Education in Development (AED) aber auch das gesamte Kompetenzspektrum der Entwicklungskommunikation nach Ländern, Medien und Sektoren, lessons learned und best practices systematisch vor. Ähnliches gilt für GreenCom, wo mehr als 50 Fachkräfte Umweltkommunikation als Unterstützung für USAID-Projekte in über 30 Ländern anbieten.
Strategie Entwicklungskommunikation
Das neu erwachte Interesse an der Rolle von Medien und Kommunikation in der EZ hat auch mit dem Scheitern vieler Projekte und Politikansätze zu tun. Massenmediale Berichterstattung allein das lehrt die Wirkungsforschung überall führt nicht von Problemen zu Lösungen. Entwicklungskommunikation dagegen zielt auf Dialog im Dienst des geplanten sozialen Wandels. Jede AIDS- oder Umwelt-Kampagne weiß zu berichten, dass selbst die Einsicht in die Ursachen und Folgen der angesprochenen Probleme nicht von selbst Verhaltensänderungen bewirkt. Die Überwindung von Barrieren setzt die aktive Beteiligung und die kommunikative Kompetenz der betroffenen Menschen voraus.
So wurden in der ersten Phase eines GTZ-Projekts in Indonesien in den 90er Jahren zunächst Theater und Video einsetzt, um Bewusstsein für die Lebenssituation von Müllsammlern zu wecken. Hier machten oft die Betroffenen ihre community media selbst, um ihre Anliegen und Themen zu befördern. Die Integration ihrer Recyclingtätigkeit in die Abfallwirtschaft erforderte später eine komplexere Kommunikationsstrategie im Zusammenwirken mit Radiosendern, Zeitungen, Schulen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Solch mehrstufig abgestimmtes Vorgehen ist auch gängige Projektpraxis von Kirchen oder politischen Stiftungen, die Kommunikationsstrategien und Medien nicht nur für, sondern auch von und mit den betroffenen Akteuren realisieren.
Wie im letzten Jahr wieder beim WSIS in Genf zu beobachten, orientieren sich leider viele Länder und Organisationen nach wie vor an hohen, oft unrealistischen Zielen einer massenmedialen Versorgung im gesamten Entwicklungsprozess. Stattdessen sollte sich die Planung strategisch auf einzelne Akteure bei der Lösung spezieller öffentlichkeitswirksamer Aufgaben konzentrieren. Jedes Projekt sollte von Beginn an definieren, wer zu welchem Zweck angesprochen werden soll, welche Kommunikationskanäle und Medien dafür gruppenspezifisch am besten geeignet sind und wie deren Nutznießer sie in Kommunikation und Aktion umsetzen sollen. Eine solche Planung bezieht gesellschaftlich relevante Gruppen wie Kirchen, regierungsunabhängige Organisationen, Verbände, Kooperativen oder Bürgerbewegungen mit ein.
Community communication als Bindeglied zwischen Massenmedien und Basiskommunikation bieten anwendungs- und akteursorientierte Perspektiven bei dezentralen, problemorientierten Projekten. So beweisen Fallstudien der FAO und der Kirchen über community radios, multimedia center und Internetcafés in Lateinamerika und Afrika, dass innovative Unterhaltungselemente (edutainment) und neue Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), Dezentralisierung der Medien und Eigenverantwortung von Lokalgemeinden sich gegenseitig ergänzen und befruchten. Hilfreich ist dabei freilich möglichst hohe mediale Kompetenz auf allen Ebenen einschließlich eines professionell betriebenen Journalismus in den Massenmedien.
Diese Beispiele zeigen, dass Medienförderung, Journalistenfortbildung und Entwicklungskommunikation für entwicklungspolitische Ziele sinnvoll sind. Leider finden Steuerung, Bündelung und Weiterentwicklung der in Deutschland zweifelsohne vorhandenen Kompetenzen weder im BMZ statt noch in einer der Durchführungsorganisationen.
Literatur
Brüne, S.: Medien und Entwicklung Zum Stand der deutschen Forschung, in: CAMECO/EED/Eine Welt Medien (Hrsg.): Arbeitsmappe Praxis und
Perspektiven der deutschen Medienförderung, Bonn 2002
Oepen, M./Abele, C.: Medienförderung im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, Designstudie im Auftrag des BMZ, Februar 2003
Oepen, M.: Rubbish, Recycling and the Role of Media, in: Oepen, M./Hamacher, W. (Hrsgg): Communicating the Environment. Environmental Communication for Sustainable Development, Frankfurt/London/New York 2000, S. 188-204
Oepen, M. (Hrsg.): Media Support and Development Communication in a World of Change, Bad Honnef 1995
Weltbank: World Development Report 2002 Building Institutions for Markets
Websites
http://www.comminit.com/commbiblio/sld-1860.html
Entwicklungskommunikation der Agency for Education in Development, USA
http://www.greencom.org
Umweltkommunikation von USAID
http://www.worldbank.org/developmentcommunications
Entwicklungskommunikation der Weltbank
Manfred Oepen
ist der Entwicklungskommunikation seit 1983 als Autor, Lehrbeauftragter und Berater deutscher und internationaler Institutionen in mehr als 20 Ländern verbunden. Als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft ACT Appropriate Communication
in Development erstellt er Kommunikationsstrategien und Medienplanungen für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit. m.oepen@act3.de
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