| |
Beiträge aus dem Schwerpunkt
Information lässt Märkte gedeihen
Deutsche EZ: Stolze Tradition, mangelnde Pflege, verschlafene Trends
Zivilgesellschaft und Medien in Ägypten
Internet in der Dritten Welt: Elitäre Reichweiten, hohe Wachstumsraten
Demokratie braucht Öffentlichkeit
 07/2004
|
|
Elitäre Reichweiten, hohe Wachstumsraten
Das Internet verändert den Journalismus. In Asien, Afrika und Lateinamerika setzen Medienunternehmen in wachsendem Maße auf Online-Angebote. Die professionellen Standards steigen nicht zuletzt, weil per Mausklick internationaler Vergleich möglich geworden ist. Auch die Bedeutung von Web-Auftritten für zivilgesellschaftliche Organisationen nimmt zu. Das Internet dient dem demokratischen Diskurs.
[ Von Werner Eggert ]
Loan Khong steht vor einem Karrierespurng. Seit sechs Jahre arbeitet die studierte Sprachwissenschaftlerin bei der Regionalzeitung Ba Ria Vung Tau in Vietnam. Das kleine Blatt hat eine kleine Auflage von 12 000 Exemplaren und versorgt die Gegend südöstlich von Ho-Chi-Minh-Stadt. Bislang war Loan Khong für die Service-Redaktion zuständig. Ab August arbeitet sie in der neuen Onlineredaktion und wird dort für die englischsprachige Ausgabe verantwortlich sein.
Sicherlich ist der Zugang zum Web in vielen Entwicklungsländern immer noch sehr beschränkt. Auch in Vietnam hängt noch längst nicht jedes Dorf am Netz. Doch die Expansionsgeschwindigkeit ist enorm. Loan Khong berichtet, in ihrem Verbreitungsgebiet gebe es in nahezu jedem Dorf ISDN-Leitungen. Öffentliche Internetcafés seien zwar ein Phänomen der Stadt dort allerdings ein zunehmend erschwingliches. Eine Stunde Surfen koste umgerechnet nur noch 20 Cent, knapp doppelt so viel wie eine Tageszeitung. Tendenz: weiter fallend.
Viele Medienhäuser in Entwicklungsländern sind schon im Netz oder arbeiten zumindest an ihrem Web-Auftritt. Eine www-Adresse gilt als Beleg für Modernität und Weltoffenheit. Raymond Archer, 28jähriger Redakteur beim Ghanaian Chronicle sieht das Onlineangebot als etwas, das seiner Zeitung und damit auch ihm selbst zusätzliches Prestige verleiht: Mit der Website können wir unseren professionellen Anspruch untermauern. Er fügt hinzu: Ohne Website wird man als Zeitung gar nicht für voll genommen.
Zwar sind die Internet-Angebote teuer und rechnen sich streng betriebswirtschaftlich meist nicht. Doch den Machern geht es um den Imagegewinn. Das ist in Düsseldorf nicht anders als in Dhaka oder Dar-Es-Salaam. Vielen Medienmachern in armen Ländern ist dabei gar nicht bewusst, dass auch in OECD-Staaten die meisten journalistischen Web-Sites keinen Profit abwerfen. Sie existieren, weil sie für das Profil der Anbieter unverzichtbar geworden sind.
Teilweise finden Verlage aus Entwicklungsländern sogar leichter Anzeigenkunden als Medienfirmen in den reichen Metropolen. Wer etwa die Online-Ausgaben der Qualitätszeitung The Hindu aus Madras Anfang Jumi anklickt, wird mit einer Werbeflut konfrontiert, von der die Geschäftsführung der Frankfurter Rundschau für ihre Website allenfalls träumen kann. Angeboten wurden Anfang Juni unter anderem Discount-Flüge von Chicago nach Bombay, günstige Telekom-Verbindungen aus den USA nach Indien und Bankdienstleistungen für Migranten. Websites wie hinduonnet.com sind nun mal das geeignete Medium, um die Zielgruppe der auch nach US-Maßstäben zahlungskräftigen Auslandsinder zu erreichen.
In der Tat spielt das Internet für Exilgemeinschaften eine besondere Rolle. Es bietet die Möglichkeit, sich tagesaktuell und gründlich über die Geschehnisse in der Heimat zu informieren. Im Umkehrschluss bedeutet das freilich auch, dass die publizistischen Anforderungen steigen. Journalisten bedienen nun online eine Leserschaft, die professionelle Standards der Industrieländer gewohnt ist. Diese Klientel verfügt über viele Quellen, aus denen sie sich bedient. Unrecherchierte, faktenarme Stimmungsmache fällt da schwer. Derlei ist eher möglich, wenn ein Pressetitel nur regional vertrieben wird und dort ein Publikum mit geringen Vergleichsmöglichkeiten erreicht.
Kontakt zur Diaspora
Journalistische Qualitätskriterien werden freilich auch für die Eliten der Entwicklungsländer selbstverständlicher, wenn sie sich mittels Internet die großen Weltblätter auf den Bildschirm holen. Das lehrt dann schnell, dass Reporter und Kommentatoren mit den Mächtigen in Washington, London oder Paris längst nicht so handzahm umgehen, wie das in vielen Hauptstädten armer Staaten mit autoritärer Vergangenheit (oder gar Gegenwart) üblich ist. Beides der stetige Kontakt zu den Diaspora-Landsleuten und die Lektüre international angesehener Blätter tragen dazu bei, demokratische Partizipationsansprüche selbstverständlich zu machen.
Welche Möglichkeiten das Internet bietet, demonstrierten im Frühjahr ehemalige Redakteure der Daily News aus Simbabwe. Nachdem die einzige unabhängige Tageszeitung des Landes von der Regierung Robert Mugabes geschlossen worden war, setzten sich einige Journalisten nach Südafrika ab. Dort starteten sie zeitweise einen Onlinedienst mit Nachrichten aus Simbabwe, die sie gedruckt nicht mehr veröffentlichen konnten.
Der Guardian aus Lagos, vermutlich die angesehenste Tageszeitung Nigerias, stellt seit 1999 eine Online-Ausgabe ins Netz, inklusive einer sehr beliebten Online-Umfrage. Jede Woche können die User ihr Meinung zu einer aktuellen Frage äußern. Anfang Mai stand zur Debatte, ob ein gewisser Politiker ohne jede Erfahrung im Bankwesen eine gute Besetzung für das Amt des Zentralbankgouverneurs sei. Fast sechstausend Stimmen wurden innerhalb einer Woche abgegeben. Interessanterweise beanstandeten nur 30 Prozent davon die fehlende Erfahrung als Banker. 70 Prozent meinten, der Kandidat sei trotzdem eine gute Besetzung. Vox Populi im Netz das ist spielerischer Umgang mit demokratischen Prinzipien. In einem Land, dessen Diktaturerfahrung noch kein Jahrzehnt zurückliegt, darf der Wert solcher Symbolik nicht unterschätzt werden.
Eine Reihe von Einwänden sind verbreitet, denen zufolge das Internet in armen Ländern keine breite gesellschaftliche Relevanz hat. Sie sind berechtigt, stechen aber letztlich nicht. Sicherlich handelt es sich um ein Medium für Eliten, dessen Nutzung über eine gewisse Finanzkraft hinaus in der Regel auch Fremdsprachenkenntnisse voraussetzt. Es trifft auch zu, dass das Medium Städter begünstigt. Allerdings ist der Preisverfall in Sachen Datendienstleistungen und Hardware weltweit zu beobachten. Entsprechend hoch sind die Wachstumsraten bei der Netznutzung. Und in Ländern mit schlechten Straßen und schwacher Vertriebslogistik sind auch Zeitungen ein überwiegend urbanes Medium.
Vor allem aber sind Angehörige der gebildeten städtischen Mittelschichten häuig die entscheidenden Akteure von zivilgesellschaftlichen Organisationen. Instrumente, die ihnen nutzen, sich wirkungsvoll zu vernetzen, sind gesellschaftspolitisch deshalb von großer Bedeutung. Dies gilt für das Internet umso mehr, als die ökonomischen wie juristischen Markteintrittsbarrieren für Anbieter viel niedriger sind als bei konventionellen Medien. Ein Radiosender oder gar eine Presserotation erfordern aufwendigere Investitionen als ein passabler Netz-Auftritt. Websites von unabhängigen Organisationen werden so denn auch zu zunehmend wichtigen Informationsquellen, die Journalisten bei der Recherche helfen deren Links aber auch den Nutzwert von konventionellen Medienprodukten erhöhen können.
Von den Medienmachern werden freilich zusätzliche Kompetenzen verlangt. Dabei geht es nicht nur um diverse Computerprogramme. Mittelfristig müssen sie auch Web-gerechte Präsentationsformen erlernen. Wer mit der Maus in der Hand am Bildschirm sitzt, entwickelt andere Lesegewohnheiten als der Zeitungskonsument im Lehnstuhl. Ob Text, Bild oder Ton: Optimaler Online-Journalismus verwendet eigene Stilmittel wie beispielsweise die sinnvoll platzierte interaktive Meinungsumfrage. All das will souverän beherrscht werden.
Websites
Ghanaian Chronicle: http://db.ghanaian-chronicle.com
The Hindu: http://www.hinduonnet.com
The Guardian, Nigeria: http://www.ngrguardiannews.com
Werner Eggert
ist Projektleiter beim
Internationalen Institut für
Journalismus von InWEnt. Er konzipiert und leitet Kurse zum Training von Web-Kompetenz.
Werner.eggert@inwent.org
|