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Tribüne


Drogen hemmen Entwicklung

Ethnische Politik eskaliert

Europa muss mit einer Stimme sprechen

Systemisches Unvermögen


7/2004
 

[ Aids ]

Drogen hemmen Entwicklung

Die Mehrzahl aller Drogenabhängigen lebt heute in Entwicklungsländern. Steigender Gebrauch harter Rauschmittel zieht Armut und Unterentwicklung nach sich – etwa weil er die Verbreitung von Aids fördert. Gleichwohl ist die Suchtproblematik bislang kaum Thema internationaler Zusammenarbeit. Sie konzentrierte sich lange Zeit fast ausschließlich darauf, das Angebot an Drogen zu reduzieren. Strategien, die den Schaden zu begrenzen suchen, bringen mehr. als ohnmächtige Repression.


[ Von Susanne Schardt ]

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der intravenöse Drogenkonsum in allen Regionen der Erde teilweise dramatisch ausgeweitet. Drogenkonsum mittels Spritzbestecken gilt als eine der bedeutendsten Ursachen für Infektionen. Bis Ende 1999 hatten 114 Länder und Regionen der Weltgesundheitsorganisation WHO über HIV- Ansteckungen auf diesem Weg berichtet. Mit dem Konsum harter Drogen steigt zudem das Risiko, das sich das Aids-Virus durch ungeschützten Geschlechtsverkehr ausbreitet. Einerseits wegen der „Beschaffungsprostitution“. Zum anderen wächst im Gefolge des Drogenkonsums die sexuelle Risikobereitschaft.

Der Schwerpunkt bei der Eindämmung von HIV/AIDS liegt deshalb auf der Prävention und dem Versuch, Neuinfektionen möglichst zu verhindern. An der Schnittstelle zwischen Drogenkonsum und HIV hat sich inzwischen der Harm-Reduction-Ansatz (HR) etabliert. Er versucht, Drogenabhängige mit sogenannten akzeptierenden und konsumbegleitenden Maßnahmen Schritt für Schritt an weitergehende Hilfe heranzuführen. So sollen der Tod durch Drogen verhindert und sekundäre gesundheitliche Schäden – insbesondere eine HIV/AIDS-Infektion – vermieden werden.

Zentrale politische Forderung des HR-Ansatzes ist es, die Repression gegenüber Drogenabhängigen zu beenden und ihnen in allen Phasen des Konsums den Zugang zu unvoreingenommener, gesundheitsorientierter Hilfe zu gewähren. Ein pragmatisches Set an Strategien soll dabei die negativen individuellen und gesellschaftlichen Folgen des Drogenkonsums reduzieren helfen. So will man sicherstellen, dass Drogenkontrolle den Drogenkonsumenten und der Gesellschaft generell nicht mehr Schaden zufügen als der Drogengebrauch selbst.

Der Begriff „Harm Reduction“ (Schadensminderung) stammt aus den späten 80er Jahren. Damals stieg vor allem in Westeuropa die Zahl der Drogentoten enorm an. Zusammen mit dem Erscheinen von HIV/AIDS bei Süchtigen, die Drogen intravenös konsumierten, stellte das den traditionellen, auf Abstinenz ausgerichteten Ansatz der Drogenhilfe in Frage. Drogenhilfe – und später auch die Drogenpolitik – versuchte daher, hilfsbedürftige Drogenkonsumenten „dort abzuholen, wo sie standen“. Denn immer deutlicher wurde, dass viele Abhängige mit Angeboten, die Abstinenz zur Voraussetzung von Hilfe machten, unerreichbar blieben. Dagegen konnten insbesondere stark marginalisierte und gefährdete Süchtige mit Hilfe des niedrigschwelligen HR-Ansatzes angesprochen sowie gesundheitlich und sozial stabilisiert und in weiterführende Angebote der Drogenhilfe eingebunden werden. HR versteht sich als partizipativer Ansatz, bei dem die Zielgruppe selbst aktiv an der Erweiterung und Vermittlung von HR-Maßnahmen teilnehmen kann.


„Harm Reduction“

Indem Harm Reduction die Situation von marginalisierten und durch gängige Programme der Suchthilfe schwer erreichbaren Drogenkonsumenten zu verbessern sucht, wirkt der Ansatz einem Abgleiten in Armut, Kriminalität und soziale Verelendung entgegen und verringert gesundheitliche Risiken bis hin zum Drogentod. Der HR-Ansatz gilt heute als international etablierte Strategie des öffentlichen Gesundheitssektors. Er wird von den Vereinten Nationen und ihren Organisationen und Programmen (WHO, UNODC, UNAIDS), aber auch von der EU unterstützt und gefördert. In Deutschland stellt er eine von vier Säulen der nationalen Drogenpolitik dar. International setzt ihn die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) um.

Zu den wichtigsten Maßnahmen des Harm-Reduction-Konzepts gehören die Abgabe sauberer Spritzen, die Substitution mit Ersatzstoffen wie Methadon, Aufklärung über weniger risikoreiche Konsumformen („safer use“) sowie die Einrichtung von so genannten Konsumräumen, wo Drogen unter weniger gesundheitsgefährdenden Umständen als auf der Straße konsumiert werden können und Soforthilfe bei Überdosierungen geleistet wird.

Dass gehandelt werden muss, zeigen die Zahlen: In Asien und dem Pazifik sind im Laufe der vergangenen Jahre die Zahlen für HIV-Infektionen deutlich gestiegen. Davor waren sie während eines Jahrzehnts in diesen Regionen relativ stabil geblieben. Studien der Vereinten Nationen bringen den Anstieg mit der raschen Zunahme des intravenösen Drogenkonsums in Verbindung. Experten befürchten eine ähnliche Entwicklung für Afrika. Der Kontinent wird zunehmend als Transitregion für Heroin und Kokain genutzt. Auch in Lateinamerika sowie in Osteuropa hat die Übertragung über gemeinsam benutzte Spritzen erheblich zugenommen. Osteuropa erlebt gegenwärtig einen rapiden Anstieg der HIV-Infizierten als Folge des Drogenkonsums. In Russland gehen 90 Prozent der HIV-Infektionen auf intravenösen Drogengebrauch zurück.

Vor zehn Jahren erlebten die Länder im Westen der GUS den ersten massiven Anstieg von HIV-Infektionen. Heute breitet sich die Epidemie weiter nach Osten aus. Südöstliche Länder wie Kasachstan melden eine bedenkliche Zunahme von intravenösem Drogenkonsum bei Jugendlichen. Die Weltbank spricht von der zweiten großen Welle der Epidemie – nach Afrika. Häufig sind die Raten der HIV-Neuinfektionen bereits höher als in einigen afrikanischen Ländern. Experten gehen davon aus, dass bei dieser Steigerungsrate im Jahr 2020 allein in Russland 15 Millionen infizierte Menschen leben werden.

Das Beispiel Russland zeigt deutlich, wie eng soziale und politische Rahmenbedingungen, Drogenkonsum und HIV/AIDS miteinander verwoben sind: HIV-Infizierte wie Drogenabhängige sind soziale Randgruppen. Die gravierenden Folgen der Umwandlungsprozesse der vergangenen Jahrzehnts haben auch einen raschen Anstieg des Drogenkonsums mit sich gebracht. Kinder und Jugendliche haben mit Armut, sozialem Elend und mangelnden Perspektiven zu kämpfen. Oft fehlen ihnen früher über Familie und Staat vermittelte Verhaltensmuster. Die Unsicherheit bildet in vielen Fällen den Nährboden für Drogen- und Alkoholkonsum.


Schutz der Bevölkerung

Zum Zerfall familiärer Bindungen kommt der Rückzug des Staates aus Erziehung und Gesundheitsfürsorge hinzu. Dem wachsenden Drogenproblem begegnet die Regierung mit Leugnen oder Repression anstatt mit Prävention oder Hilfe. Der Gesundheitsetat ist trotz einiger Verbesserungen nach wie vor verschwindend klein. So aber wird kaum zu verhindern sein, dass HIV die Allgemeinbevölkerung erreicht – etwa über die Prostitution junger Frauen und Männer, die ihrerseits wiederum häufig von Drogen abhängen. In nur wenigen Jahren könnte über diese „bridge population“ die heterosexuelle Verbreitung von HIV höher sein wird als durch intravenösen Drogenkonsum, der heute noch die Hauptursache ist.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat den HR-Ansatz integriert und bereits erste positive Erfahrungen in Partnerländern gesammelt. Die GTZ unterstützt im Rahmen ihres Sektorprojektes „Entwicklungsorientierte Drogenkontrolle“ die Integration solcher Maßnahmen in Suchthilfe und Drogenkontrolle. Ihr Programm „Entwicklungsorientierte Drogenkontrolle“ führt HR auf unterschiedlichen Ebenen durch. Ein Beispiel ist das Anfang 2003 angelaufene Projekt „Kommunale Vernetzung zur Verbesserung von Hilfsangeboten für Drogenkonsumenten in New Delhi“. Es verknüpft die Substitution von harten Drogen mit integrierter kommunaler Drogenpolitik. Neue Erkenntnisse können so unmittelbar den politisch Verantwortlichen vermittelt und in neue drogenpolitische Strategien integriert werden.


Politisches Bewusstsein schaffen

Die Erfahrung hat gezeigt, dass Harm Reduction ein kostengünstiges und effizientes Konzept zur HIV-Prävention darstellt – gerade in Ländern mit niedrigen Infektionsraten. Dem steht die geringe Akzeptanz von Drogenabhängigen und HIV-Infizierten gegenüber. Drogen und HIV/AIDS bleiben als politische Themen unattraktiv. Mit ihnen sind kaum Wählerstimmen zu gewinnen. Deshalb sehen viele Regierungen nach wie vor hartes Durchgreifen als einzige politische Option an.

Das Angebot an unsere Partnerländer muss deshalb nicht nur Interventionen umfassen. Politische Bewusstseinsbildung auf der einen, Ausbau von fachlicher Kompetenz und kommunikativen Fähigkeiten bei NRO und Betroffenen auf der anderen Seite müssen gleichzeitig gefördert werden. Nur so lassen sich die nötigen Rahmenbedingungen für einen pragmatischeren, problembewussteren und realistischeren Umgang mit einem Problem schaffen, das in vielen Ländern längst zum Alltag gehört.






Susanne Schardt
arbeitet bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Zu ihrem Aufgabenbereich gehört, die Nachfrage nach harten Drogen zu reduzieren.
Im vorliegenden Artikel vertritt sie ihre private Meinung.
Susanne.Schardt@gtz.de