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Beiträge aus der Rubrik Analysen und Berichte
Afghanistan: Kritik an der internationalen Hilfe
Paradigmenwechsel bei Hungerbekämpfung
Armutsbekämpfung und höhere Bildung
 07/2005
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[ Interview mit Masood Karokhail, Swiss Peace, Afghanistan ]
Wir brauchen mehr Austausch zwischen
Gebern und afghanischer Bevölkerung
Im Juni erschütterten zwei Selbstmordanschläge die südafghanische Stadt Kandahar. Beobachter werten das als neue Eskalation terroristischer Gewalt. Masood Karokhail, ein Paschtune, leitet für die Schweizerische Friedensstiftung und die Heinrich-Böll-Stiftung in Gardez in der Provinz Paktia ein Büro, das die afghanische Regierung sowie Entwicklungsorganisationen mit örtlichen Stammesführern in Kontakt bringen soll. E+Z/D+C sprach mit Karokhail über die Perspektiven seines Landes und die Rolle der internationalen Geber.
Herr Karokhail, befürchten Sie, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtert und möglicherweise so schlimm wird wie im Irak?
Nein. Afghanistan ist mit Irak nicht zu vergleichen. Der Anstieg der Gewalt in den letzten Wochen hat meiner Ansicht nach zwei wesentliche Gründe: Zum einen versuchen die Terroristen die kommenden Parlamentswahlen zu stören. Zum anderen hat die Regierung ihr Programm zur Drogenbekämpfung gestartet. Ich sehe nicht, dass Afghanistan in Anarchie versinkt wie Irak.
Was muss getan werden, dass sich die Lage nicht verschlechtert?
Vor allem müssen wir landesweit alle nicht registrierten Milizen und ehemaligen Soldaten entwaffnen. Außerdem sollten Beamte, die für Sicherheitsfragen zuständig sind, nicht in ihren Heimatprovinzen Dienst tun. Der Polizeichef von Kandahar zum Beispiel sollte aus einer anderen Stadt kommen, aus Herat etwa. Solche Maßnahmen wären hilfreich.
Die Vereinten Nationen sagen, die Demobilisierung der Milizen sei fast abgeschlossen . . .
Für schwere Waffen mag das stimmen, jedoch bestimmt nicht für leichte und mittelschwere Waffen. Dazu kommt, dass es in manchen Gebieten nicht genug Projekte mit Alternativangeboten für demobilisierte Soldaten gibt. So gesehen sind Demobilisierung und Reintegration längst noch nicht abgeschlossen.
Genießen die Terroristen und die Taliban Rückhalt in der Bevölkerung?
Die Mehrheit der Afghanen hat keinerlei Interesse an Gewalt. Im Gegenteil: Das afghanische Volk hat genug vom Krieg. Nur eine kleine Minderheit hilft den Aufständischen. In den letzten drei Jahren gab es mal mehr, mal weniger Gewalt. Natürlich gelten einige Regionen im Süden als unsicher, und meiner Ansicht nach sollten die Regierung und die Vereinten Nationen sich darauf konzentrieren, diese Gebiete zu stabilisieren.
Was sind die größten Erfolge seit der ersten Afghanistan-Konferenz in Bonn im Dezember 2001? Und was sind die größten Aufgaben in nächster Zeit?
Der größte Erfolg ist der politische Prozess von der Übergangsregierung bis zu den Präsidentenwahlen im letzten Jahr. Die Bevölkerung ist sehr interessiert am politischen Prozess und hat sich engagiert daran beteiligt. Die größte Aufgabe besteht darin, dass die Regierung ihren Einfluss ausweitet. Es gibt immer noch viele Gebiete, wo die Regierung praktisch nicht anwesend ist.
Liegt das daran, dass dort die Opposition zu stark ist?
Nein, das ist nicht das Problem. Der Grund ist vielmehr ein Mangel an Kapazitäten. Wenn man Regierungsleute danach fragt, lautet die gängige Antwort, die internationale Gemeinschaft helfe nicht wirklich, die Geber verweigerten die nötigen Mittel für Vorhaben wie das Afghanistan Stabilisation Program ASP, in dessen Rahmen ordentliche Verwaltungsgebäude in den Provinzen und Distrikten gebaut werden sollen. Natürlich ist nicht nur der Mangel an Gebäuden ein Problem. Wir brauchen auch mehr qualifiziertes Personal.
Der Mohnanbau ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Afghanistan. Gleichzeitig gilt er als eines der größten Hindernisse für die Stabilisierung des Landes. Sehen Sie einen Ausweg aus diesem Dilemma?
Wir müssen uns zunächst klarmachen, warum die Bauern Mohn anbauen. Ich habe im Südosten des Landes beobachtet, dass Bauern, die einem Ende des Mohnanbaus zugestimmt haben, erst mit großer Verspätung alternative Pflanzen oder Hilfe von der Regierung oder der internationalen Gemeinschaft erhalten haben. Für einen Bauern, der seine Familie ernähren muss, ist es schwierig, wenn er eine ganze Erntesaison verliert. Der Kampf gegen den Drogenanbau muss besser durchdacht werden: Welche Alternativen bieten wir den Bauern? Die Bauern sind auch nicht für das Sicherheitsproblem verantwortlich, sondern jene Leute in der Drogenmafia oder gar der Regierung, die den Drogenhandel betreiben. Diese Leute sollte die Regierung verhaften, anstatt den armen Bauern nachzustellen. Gegenwärtig versuchen wir lediglich, die internationale Gemeinschaft zufrieden zu stellen, indem wir gegen den Drogenanbau vorgehen. Die afghanische Regierung ist aber primär ihrem Volk gegenüber verantwortlich.
Besteht nicht die Gefahr, dass die Drogenhändler sich gewaltsam wehren gegen den Versuch, sie zu stoppen?
Sicher, für Gewalt in Afghanistan sind nicht nur die Taliban verantwortlich, sondern auch die Rauschgiftindustrie. Andererseits sprechen wir ja von einer eng umgrenzten Gruppe verantwortlicher Personen. Wenn die Regierung mit Hilfe der NATO einmal durchgreifen würde, dann könnte sie diese Leute innerhalb weniger Tage verhaften . . .
Man weiß also, um wen es geht?
Das ist wie ein offenes Geheimnis. Es wäre auch ziemlich gefährlich, wenn die Regierung nicht wüsste, wer die maßgeblichen Leute sind.
Wie bewerten Sie den Beitrag der internationalen Geber zur Stabilisierung und zum Wiederaufbau?
Meiner Ansicht nach war er bislang eher schwach. Wenn Sie die Leute auf der Straße fragen, werden sie Ihnen antworten, dass sie keine Ahnung haben, wohin das ganze Geld fließt. Die Regierung wiederum wird Ihnen sagen, nicht sie erhalte Hilfe, sondern die nichtstaatlichen Organisationen bekämen das Geld. Tatsächlich fließt wohl ein großer Teil der Mittel zurück zu den Angestellten aus den Geberländern. Nach einem in Afghanistan geläufigen Witz schweben die Hilfsflugzeuge ein, berühren kurz die Landebahn von Kabul Airport, starten durch und fliegen wieder davon. Ich kann nicht erkennen, dass die versprochenen Milliarden das Leben in Afghanistan maßgeblich verändert haben. Korruption auf verschiedenen Ebenen ist ein weiteres Problem. Es gibt einfach keine geeigneten Rahmenbedingungen, um die Hilfsgelder auszuzahlen.
Zudem mangelt es an Kohärenz unter den Gebern oder an einer gemeinsamen Strategie. Die Provincial Reconstruction
Teams in den verschiedenen Regionen haben alle ihre eigenen Strategien. Das verwirrt die Bevölkerung.
Sehen Sie bei den Gebern Bereitschaft, das zu ändern?
Nicht wirklich. Ich frage mich, ob die Afghanen wirklich die Richtung bestimmen. Die nichtstaatlichen Organisationen sind ohne Zweifel von den Gebern gesteuert sie machen das, was die Geber ihnen sagen. Das gilt oft sogar für unsere Ministerien: Ich habe von etlichen Gelegenheiten gehört, bei denen die Regierung Projekte vorgeschlagen hat, von den Gebern aber abgewiesen wurde, weil diese nur das fördern wollen, was ihrer Ansicht nach populär ist. Die Geber sollten sich fragen, inwieweit sie Entwicklungsprogramme fördern und nicht nur neue, künstliche Hierarchien aufbauen, hohe Gehälter bezahlen und dadurch neue soziale Probleme schaffen. Niemand will mehr für die Regierung arbeiten, weil er dort weniger bekommt als ein Wärter in einer Geber- oder Nichtregierungsorganisation.
Die afghanische Regierung hat vor allem die nichtstaatlichen Organisationen scharf kritisiert und angekündigt, sie künftig strenger zu kontrollieren. Ist das berechtigt?
Ja, aber gleichzeitig geht die Kritik zu weit. Die Regierung lädt all ihre Frustration bei den NROs ab, und das ist nicht fair. Es gibt eine lange Geschichte von NROs, die in Afghanistan arbeiten und helfen. Auch heute sind es die NROs, die sich in die entlegenen Gebiete wagen und dort von Aufständischen attackiert werden. Wenn sie keine gute Arbeit machten, dann würden die NROs kaum derart zur Zielscheibe.
Andererseits hat die Regierung Recht. Afghanistan hat keinen klaren gesetzlichen Rahmen für NROs. Es gibt keine Vorgaben, die sagen, wie NROs arbeiten sollten. Zurzeit gibt es über 2000 registrierte nichtstaatliche Organisationen in Afghanistan und bei näherer Betrachtung entpuppen sich viele davon als Bauunternehmen. Es ist wichtig, dass die Regierung Gesetze schafft, nach denen NROs nicht gewinnorientiert arbeiten dürfen und ihr Geld auf transparente Weise ausgeben müssen. Die Regierung sollte NROs aber nicht generell als böse Geldraffer hinstellen. Die NROs ihrerseits sollten klarstellen, dass sie die Regierung ergänzen, nicht ersetzen wollen.
Wie sehen Afghanen auf der Straße die Arbeit der Entwicklungsorganisationen?
Vor allem die großen internationalen Organisationen haben wenig Kontakt zu afghanischen Gemeinschaften oder zur Zivilgesellschaft. Ihre Mitarbeiter dürfen Kabul häufig nicht verlassen und kennen nur ihre Büros und Unterkünfte. Ein einziger internationaler Helfer braucht zwei bis drei Polizeibeamte und einen zusätzlichen Wagen, um sich von seiner Unterkunft zum Büro zu bewegen. Ich habe manchmal den Eindruck, die Geber verbringen die Hälfte ihrer Zeit damit, sich um ihre Sicherheit zu kümmern, anstatt Afghanistan zu helfen. Das kann natürlich Unmut bei der Bevölkerung hervorrufen. Hingegen haben Organisationen, die in den ländlichen Gegenden arbeiten, in der Regel einen sehr guten Ruf. Kurz: Zwischen den internationalen Organisationen und der Bevölkerung muss es mehr Austausch geben.
Die Fragen stellten Hans Dembowski
und Tillmann Elliesen.
Masood Karokhail
arbeitet seit 2002 für die Schweizerische Friedensstiftung in Afghanistan, derzeit als Governance Manager für die Tribal Liaison Offices in den Provinzen Paktia, Paktika und Khost, an deren Finanzierung sich die Heinrich-Böll-Stiftung beteiligt. Davor war er Afghanistan Country Manager für Unilever, Pakistan.
masood-tlo@swisspeace.ch
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