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UNEP-Bildatlas

Globalisierung, Destabilisierung und Konflikte

Menschen, Gewalt und Geschäfte

Zukunftsfragen der Entwicklungspolitik


07/2005
 

Schattenökonomien: Interessante Einblicke

Carolyn Nordstrom:
Leben mit dem Krieg. Menschen,
Gewalt und Geschäfte jenseits der Front.
Frankfurt, Campus 2005, 280 Seiten,
24,90 Euro, ISBN 3-593-37722-5

Undokumentierte wirtschaftliche Aktivitäten sind ein bedeutender Bestandteil der internationalen Ökonomie. Schätzungen zufolge lassen sich 90 Prozent der angolanischen und 40 bis 60 Prozent der russischen Wirtschaft in keiner Statistik finden. In Peru, Italien oder Kenia ist der informelle Sektor etwa so groß wie der formelle. In den USA macht er immerhin noch 30 Prozent aus. Öffentliches Interesse erregen von Zeit zu Zeit vor allem jene nicht erfaßten Warenströme, die sich aufgrund ihres illegalen Charakters oder ihrer moralischen Ächtung gut für Skandale ausschlachten lassen: Drogen- und Menschenhandel, Zwangsprostitution, Kleinwaffen, geschützte Arten oder Edelsteine. Doch auch weniger aufregende Artikel wie Nahrungsmittel, Medikamente oder elektronische Geräte zirkulieren außerhalb der offiziellen Ökonomie.

Carolyn Nordstrom, Dozentin für Anthropologie an der Universität Notre Dame, richtet in „Shadows of War“ ihren Blick auf die Verbindungen zwischen dieser grenzüberschreitenden „Wirtschaft im Schatten“ und den sozialen Krisen am Rande der Globalisierung. Informelle Ökonomien, so ihre Ausgangsthese, „sind nicht einfach monetäre Angelegenheiten, sondern soziopolitische Kraftwerke“. Nordstrom greift zum Beweis ihrer These auf ihre Arbeiten zu Angola und Mosambik, Sri Lanka und Südafrika und auf sozialwissenschaftlich-anthropologische Methoden zurück. Das hier ausgebreitete Material gewährt interessante Einblicke in die Funktionsweise und die Strukturen des illegalen grenzüberschreitenden Handels und die damit verbundene Formierung von lokalen Herrschaftsverhältnissen.

Dass transnationale Schattenwirtschaften entlang ausgehandelter Regeln und Gesetze funktionieren, ist keine grundlegend neue Erkenntnis. Dabei spielt gegenseitiges Vertrauen der Akteure zwangsläufig eine große Rolle. In deren Bündnissen und Kompromissen spiegelt sich eine eigene Außenpolitik wider. Im Gegensatz zum entwicklungspolitischen Mainstream begreift Nordstrom diese internationalen Handelsnetze jedoch nicht einfach als Hindernisse auf dem Weg zu einer weniger gewalttätigen gesellschaftlichen Organisation und sozio-ökonomischem Ausgleich.

Sowohl militärische Ausrüstung und mineralische Rohstoffe als auch dringend benötigte Lebensmittel und Kleidung würden über die Kanäle der undokumentierten Wirtschaft bewegt. Diese sind auch deshalb wichtige Strukturen für eine soziale Entwicklung, weil Korruption vor allem im formellen Sektor zu finden ist, argumentiert die Autorin. Internationale Entwicklungszusammenarbeit laufe Gefahr, bestehende Konflikte zu verschärfen, wenn sie ausschließlich auf offizielle Institutionen setze, die unter Umständen selbst für die Krisen verantwortlich sind.

Ruben Eberlein