Editorial


07/2005
 

Ownership – ein vielschichtiges Konzept

Wie jeder Therapeut weiß, ist es schwierig, Problemfamilien zu helfen. Clevere Soziologen kennen auch den Grund: Interventionen in informationsverarbeitenden Systemen sind problematisch. Alle Familienmitglieder haben schließlich eigene Ideen darüber, was vor sich geht, ihre Vorstellungen stimmen wahrscheinlich nicht überein und unterscheiden sich schon gar von therapeutischen Absichten.

Erfolgreiche Entwicklung beruht auf gesellschaftlicher Transformation. Solche Prozesse sind viel komplexer als die Strukturen einer kaputten Familie zu reparieren. Versuche, ganze Länder von außen fernzusteuern, sind denn auch fehlgeschlagen. In den 1980er und 1990er Jahren hat die Gebergemeinschaft – angeführt von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds – Darlehen im Zuge der Strukturanpassungen an strikte Bedingungen geknüpft. Ökonomische Wunder blieben aus. Allzu oft waren Stagnation, Armut und Schulden das Ergebnis.

Die aktuelle Entwicklungsdebatte kreist deshalb um den Begriff Ownership. Die Rede vom Eigner-tum spiegelt die Einsicht wider, dass komplexe Systeme eben nach eigner Logik funktionieren. Nationen und Staaten sind letztlich selbstregulierende Gebilde. Ohne ihre Eigenleistungen gibt es keinen Fortschritt. Das Dilemma der Geber ist deshalb, dass sie zwar Erfolge in den Entwicklungsländern wünschen, dass sie aber trotz ihrer Machtfülle dafür Country Ownership brauchen – so wie Therapeuten auf die Mitarbeit der Klienten angewiesen sind.

Während Therapeuten normalerweise für ihre Arbeit bezahlt werden, überweisen im Entwicklungsgeschäft die Geber die Mittel. Tatsächlich sind viele Klienten sogar davon abhängig. Und dennoch können die Geber ihre Ziele nicht mit Direktiven und Anordnungen erreichen. Solche Methoden versagen bei komplexen Gesellschaftssystemen. Und es ist auch nur begrenzt sinnvoll, Hilfe auf Einzelprojekte zu beschränken, da diese nicht auf das Gesellschaftsgefüge wirken. Wenn Entwicklung Erfolg haben soll, gibt es keine Alternative zur örtlichen Ownership.

Die Geber können ihre Mittel aber nicht bedingungslos verteilen. Sie müssen selbst Rechenschaft gegenüber Öffentlichkeit, Parlamentariern und – im Fall von multilateralen Institutionen – Mitgliedsregierungen ablegen. Die Europäische Kommission hat daher begonnen, die Leistung der Empfängerländer zu messen und einen wachsenden Anteil ihrer Unterstützungsmittel erfolgsabhängig auszuschütten (Petra Schmidt, S. 276). Entsprechend versucht auch die Weltbank nicht länger mit Auflagen, Länder zu weiteren Reformen zu bewegen. Sie beansprucht vielmehr, wenn sie überhaupt Bedingungen stellt, damit Programme zu unterstützen, die von den Ländern selbst ausgehen (Stefan Koeberle, S. 280). Derweil prägt auch eine Hoffnung auf größeren Gebereinfluss die Ownership-Debatte. Wenn ein nationaler Haushalt von außen unterstützt wird, kommen Fragen der Amtsführungsqualität fast automatisch auf die Tagesordnung von Gebern und Empfängern. Das eröffnet bislang ungewohnte Spielräume, sich eingehend den inneren Angelegenheiten armer Länder zu widmen (Jürgen Zattler, S. 283).

Die neuen Strategien sind noch nicht ausgereift. Eine InWEnt-Konferenz in Berlin im April zeigte, dass die Debatte darüber intellektuell fasziniert. Und doch sollte man nicht vergessen, dass reiche und arme Länder nicht nur in Sachen Entwicklungshilfe interagieren. Es gibt noch andere Fragen globaler Relevanz – Handel etwa, Umwelt oder Sicherheit. Hier neigen Geber zu eigennützigem Agieren und unterminieren dabei sogar immer wieder ihre eigenen Entwicklungsanstrengungen. Kritiker aus der Zivilgesellschaft warnen zu Recht, dass es nicht primär auf die technischen Details von Konditionalität ankommt, sondern auf verlässliche internationale Beziehungen (Peter Lanzet, S. 288).

Für Länder mit guter Performance sind Konditionalitäten zudem lästig. Tansanische Spitzenbeamte beschweren sich beispielsweise über die Vielzahl der Gebererwartungen und kündigen an, ihr Land werde noch Mittel akzeptieren, wenn diese auf nationale Prioritäten und Verfahren abzielen (Interview mit Peniel M. Lyimo, S. 286). Viel schwieriger ist aber die Frage, wie mit Ländern umzugehen ist, deren Performance als mittelmäßig oder schlecht eingestuft wird – oder gar mit gescheiterten Staaten. Mit gutem Grund schließt der im vergangenen Monat verkündete neue Schuldenerlass der G8 nur Länder ein, von denen es heißt, sie seien auf einem erfolgversprechenden Weg.

Was soll die internationale Gemeinschaft in den anderen Fällen tun? Empirisch gibt es zwei Optionen: wegschauen oder militärisch eingreifen. Ohne dem Militär das Wort zu reden, sieht Michael Hofmann, Abteilungsleiter im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, die Gefahr, dass Protektorate die dunkle Kehrseite von (fehlgeschlagener) Ownership bilden. In Sachen Entwicklung stellt sich das Grundproblem nach einer Intervention ohnehin ganz von vorn. Wie jeder gute Therapeut weiß, lässt sich ein gestörtes System nicht mit Gewalt reparieren.




Dr. Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit/
D+C Development and Cooperation
euz.editor@fsd.de