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07/2005
 

[ Klimaschutz ]

„Die Reichen müssen die Bürde tragen“

Entwicklungsländer sind bislang nicht dazu verpflichtet, ihre Emissionen von klimaschädlichen Abgasen zu reduzieren. Das Kyoto-Protokoll, das seit Februar in Kraft ist, geht davon aus, dass die armen Länder für den Treibhauseffekt nicht verantwortlich sind. Allerdings steigen die CO2-Emissionen schnell wachsender Entwicklungsländer wie Indien oder China rapide. Bei den in diesem Jahr startenden Verhandlungen über die Fortsetzung des Kyoto-Protokolls ab 2012 werden deshalb auch Reduktionspflichten ausgewählter Entwicklungsländer auf der Tagesordnung stehen.

Für Sunita Narain, die Leiterin des indischen Centre for Science and Environment, müssen diese Verhandlungen zu einer Lösung führen, die die Gefahr des Klimawandels reduziert, ohne den ärmeren Ländern ungerechte Lasten aufzubürden. Der Klimawandel sei nur zu verhindern, wenn sich das globale Wirtschaftswachstum verlangsame – und dieser Preis dürfe nicht von den Entwicklungsländern verlangt, sondern müsse von den Industrieländern beglichen werden, sagte Narain bei einer gemeinsamen Veranstaltung des Wuppertal Instituts und der Heinrich Böll Stiftung Anfang Juni in Berlin.

Für Länder wie Indien stünden bei den Klimaverhandlungen für die Zeit nach 2012 derzeit zwei Wege offen: Sie könnten sich den Vereinigten Staaten anschließen und wie diese jede verbindliche Verpflichtung ablehnen – nach dem Motto „Werdet reich und macht später sauber“. Oder aber sie könnten sich auf Verhandlungen einlassen, die das Ziel haben, die CO2-Emissionen aller Länder auf unterschiedlichen Niveaus einzufrieren. Für Narain sind beide Wege nicht akzeptabel: Der Weg der USA führe in die Klimakatastrophe. Die Begrenzung der Emissionen je nach aktueller Wirtschaftskraft wiederum benachteilige die Armen. Es sei nicht legitim, über Verpflichtungen der Entwicklungsländer zu diskutieren, solange Länder wie die Vereinigten Staaten und Australien sich multilateralen Klimaschutzabkommen verweigerten.

„Wir benötigen ein Emissionsrechte-System, das auf dem Pro-Kopf-Ausstoß eines Landes basiert“, sagt Narain. Ein solches Abkommen gewährte allen Ländern je nach Einwohnerzahl unterschiedlich hohe Verschmutzungsrechte. Entwicklungsländer könnten – ähnlich wie Unternehmen beim Emissionshandel im Rahmen des Kyoto-Protokolls – ungenutzte Rechte an Industrieländer verkaufen und dazu ermutigt werden, die Erlöse in erneuerbare Energien zu investieren.

Narain fordert, die Umweltschutzdebatte müsse wieder stärker von moralischen und weniger von technokratischen Argumenten getragen werden. Die reichen Länder müssten erkennen, dass sie gemessen an ihrer Verantwortung noch nicht genug getan haben, um den Klimawandel zu verhindern. Sunita Narain: „Ihr werdet die Bürde tragen müssen.“

Friederike Wyrwich