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„Der Prophet war für Gleichberechtigung“


07/2005
 

[ Frauen und Islam ]

„Der Prophet war für die Gleichberechtigung“

Extremistische islamistische Ideologien sind auch in Südostasien verbreitet. Nach Ansicht der Soziologin Norani Othman aus Malaysia gibt es durchaus Spielraum für moderate islamische Ansätze. Doch autoritäre politische Strukturen behindern eine Modernisierung des Islams, sagt sie im Gespräch mit E+Z/D+C.


[ Interview mit Norani Othman ]

Sie bezeichnen sich selbst als „akademische Aktivistin“, die für Frauen- und Menschenrechte eintritt. Malaysia stand lange unter semiautoritärer Herrschaft, bis Anfang 2004 Abdullah Ahmad Badawi Premierminister wurde. Wie beurteilen Sie die politische Entwicklung seitdem?
Ich sehe bisher keine bedeutsamen Veränderungen – abgesehen vom neuen Diskurs, den Badawi und seine meist jungen, sehr professionellen Berater pflegen. Ich denke, Badawi wird versuchen, die materiellen und wirtschaftlichen Erfolge seines Vorgängers Mahathir zu festigen. Gleichzeitig wird er ein neues Islam-Verständnis propagieren. Er spricht von „Islam Hadhari“ – einem gemäßigten Islam, der Staatsbürgerlichkeit, Kultur und Demokratie betont, im Gegensatz zu einer rein legalistischen oder auf Strafen ausgerichteten Orientierung.

Laut Verfassung von 1957 ist der Islam die offizielle Staatsreligion in Malaysia. Für muslimische Malaysier, etwa 54 Prozent der Gesamtbevölkerung, gilt in Personenstandsangelegenheiten das islamische Recht (syariah). Der Bundesstaat Kelantan hat 1991 und 1993 einige Strafgesetze islamisiert, doch die umstrittenen „Hadd“-Strafen wie Auspeitschen, Handabhacken und Steinigung werden bisher nicht angewandt. In welchem Verhältnis stehen Religion und Staat in Malaysia?
Historisch galt Südostasien immer als Randgebiet der islamischen Welt. Da der Islam in diese Gegend von Kaufleuten eingeführt wurde, die der islamischen Mystik anhingen, hat er sich ganz anders entwickelt als in der „alten Welt“ des arabischen Nahen Ostens. Das Patriarchat ist in Südostasien nicht so wahrnehmbar, abgesehen vom Wert, den man der Jungfräulichkeit eines Mädchens zuschreibt, deren Bedeutung im Zuge der Islamisierung noch an Bedeutung gewonnen hat. Der Kolonialismus spielt auch eine Rolle. Seit dem 19. Jahrhundert zwangen die Briten uns einerseits ihre weltlichen Gesetze auf, andererseits stärkten sie die traditionellen Führer, indem sie ihnen weit reichende Macht in Religion und Kultur gaben, was die Institutionalisierung der Religion zur Folge hatte.

In den vergangenen Jahren haben mehrere der insgesamt 14 Bundesstaaten Malaysias ihr muslimisches Personenstandsrecht zuungunsten von Frauen geändert. Sie sind eine Mitbegründerin von „Sisters in Islam“, einer Frauenorganisation, die für die Gleichheit von Frauen und Männern wirbt, ohne den islamischen Bezugsrahmen aufzugeben. Welchen Stellenwert hat das umstrittene Thema Polygamie für Sie?
Als Malaysia unabhängig wurde, war Polygamie nicht erwünscht. Der Gesetzgeber machte die Mehrehe sogar ziemlich kompliziert, indem er die Zustimmung der ersten Frau und die gleichwertige Versorgung aller Frauen zur Bedingung machte. Als aber in den 1980er Jahren die Staaten Kelantan und Trengganu ihre islamischen Familienrechtskodizes änderten und die Polygamie erleichterten, weil Polygamie das Recht muslimischer Männer sei, da zogen die anderen Staaten ziemlich schnell nach. Dennoch ist für mich Polygamie strategisch nicht die wichtigste Frage. Ich denke, wir müssen erst einmal die Gleichberechtigung als Grundidee verankern. Danach können wir an die konkreten Fragen gehen.

Überzeugte Islamisten, Frauen wie Männer, lehnen den Begriff Gleichberechtigung ab. Sie sprechen stattdessen von Gleichwertigkeit und von einem Ausbalancieren der unterschiedlichen Rechte von Männern und Frauen, wobei der Islam und der wörtliche Text des Korans die ideologische Grundlage bilden. Ist Gleichberechtigung im Rahmen des Islams tatsächlich möglich?
Ich bin eine asiatische Muslimin des 21. Jahrhunderts. Meine Frage lautet: Wessen Islam und welche Art von Islam? Der Staatsislam wird zur Zeit immer patriarchaler. Wie viele andere zeitgenössische Muslime sähe ich den Islam gern in seinem historischen Zusammenhang. Im sechsten Jahrhundert nach Christus entstand der Islam in einer semi-nomadischen, stark patriarchalen Gesellschaft, die viele Widersprüche aufwies. Khadidja, die Frau des Propheten Muhammad, kam aus der Oberschicht. Sie war es, die dem Propheten Arbeit gab, und sie machte ihm den Heiratsantrag. Trotz der patriarchalischen Ordnung hatten die beiden eine gleichberechtigte Beziehung, weil sie aus einer höheren sozialen Schicht stammte. Es war der Prophet Muhammad, der Frauen das Erbrecht zuerkannte und der sagte, dass Frauen nicht gegen ihren Willen verheiratet werden sollen. Ich meine, der Islam ruft von Anfang an zur Gleichberechtigung muslimischer Frauen auf.

Wie ist Ihr persönlicher Hintergrund? Warum engagieren Sie sich für die Rechte der Frauen?
Ich wurde im Jahr der Unabhängigkeit eingeschult, 1957, und ich komme aus Johor, dem Bundesstaat mit der ersten Mädchenschule in Malaysia. Auch meine Mutter hatte die Schule besucht, aber ihr Vater war sehr traditionell eingestellt und verheiratete sie mit 16 Jahren gegen ihren Willen. Doch meine Mutter hatte Glück im Unglück: Mein Vater, ein Ingenieur und Anhänger moderner islamischer Reformdenker aus Ägypten, ermutigte meine Mutter zu Fortbildungen und zu eigenen unternehmerischen Aktivitäten. Sie machte sogar den Führerschein und fährt heute noch, mit 72 Jahren, am liebsten den Geländewagen meines Bruders. Für die Generation meiner Eltern war es normal, Muslime zu sein und sich gleichzeitig als Individuen zu emanzipieren. Bis heute trägt meine Mutter nicht den „mini-telekung“, das malaysische Gegenstück zum arabischen Schleier. Sie trägt nur den traditionellen „selindang“, den malaysischen Schal für religiöse Feiern – und sie bedeckt damit nicht unbedingt ihren Kopf, weil das der Islam nicht verlangt. Als Mitglied der „Sisters in Islam“ zögere ich manchmal, mit europäischen Medien über das Thema Schleier zu sprechen – einerseits, weil ich überzeugt davon bin, dass der Schleier für Frauen im Islam nicht zwingend ist, andererseits, weil ich der festen Ansicht bin, dass wir nicht fundamentalistisch gegen den Schleier eingestellt sein sollten. Ob eine muslimische Frau den Schleier tragen will, muss ihre ganz persönliche, freie Entscheidung sein.

Als akademische Aktivistin haben Sie die Rolle traditioneller religiöser Führer in Malaysia und Indonesien erforscht. Glauben Sie, dass die islamischen Rechtsgelehrten, die Ulama, in Malaysia für eine neue, emanzipatorische Lesart des Islams offen sind?
Malaysia und Indonesien verbindet eine widersprüchliche, ambivalente Beziehung. Einerseits bewundern die malaysischen Muslime die Indonesier wegen ihrer Fähigkeit, ihre Sprache und Kultur zu bewahren. Andererseits schauen sie auf die Indonesier herab, weil diese ihre politischen Probleme nicht richtig in den Griff bekommen. In Bezug auf das islamische Denken, die intellektuelle Kultur, sind die Indonesier den Malaysiern meiner Meinung nach allerdings um Lichtjahre voraus. Die Internationale Islamische Universität in Kuala Lumpur hat es bisher nicht geschafft, moderne islamische Führer hervorzubringen. Wenn man in den islamischen Rechtsgelehrten nicht nur religiös versierte Gelehrte im engen Sinne sieht, sondern eine kulturelle und soziale Kraft, dann kann ich in Malaysia keinen Modernisierungsimpuls erkennen, dem ich vertrauen würde. In Indonesien dagegen sehe ich solche Ansätze sehr wohl, sogar an der Basis, in den islamischen Dorf- und Gemeindeschulen, den „pesantren“.

Da ich aber Soziologin bin, will ich den ideologischen Kontext nicht isoliert betrachten. Man muss auch die politische Ökonomie und die Entwicklung berücksichtigen. Ein Grund für die Zunahme des Islamismus ist das politische Klima, das der Demokratisierung und Armutsreduzierung nicht förderlich war. Die nachkolonialen Regime waren sehr autoritär, einschließlich der Regierung Mahathir, die modernes, kritisches islamisches Denken unterdrückt hat. Der zweite Grund hat mit der kollektiven Psyche zu tun: Weil der Islam dieser Region lange Zeit als marginal angesehen wurde, mangelt es an Selbstvertrauen gegenüber dem arabisch-islamischen Kernland. Man wagt es nicht, Ideen abzulehnen, die von angesehenen Gelehrten aus der arabischen Region kommen – und seien sie noch so irrational.

Sowohl in Malaysia als auch in Indonesien beschäftigen sich islamistische Bewegungen mit sozialer Ungerechtigkeit und dem Rechtsstaat. Sie verbinden den Begriff „Demokratie“ eng mit „guter Regierungsführung“.
Ja, das ist ein Grund, warum Premierminister Badawi sich besonders auf die Themen nationale Integrität und Korruptionsbekämpfung konzentriert. Ich glaube, er teilt die Ansicht vieler Malaysier, die sich von der Globalisierung und einer globalisierten Ökonomie, die von einem konservativen, autoritären und starken Machtzentrum wie den USA ausgeht, entmutigt fühlen und finden, dass man in dieser Situation sehr bedacht mit den Begriffen Demokratie und Demokratisierung umgehen muss. Echte, substanzielle Demokratie muss von der Basis der Gesellschaft kommen, von den Menschen selbst, und nicht von außen. Diejenigen, die zu Wahlen gehen, müssen das Gefühl haben, dass die demokratischen Prozeduren ihnen und ihrem Staat etwas bringen.

Die Fragen stellte Martina Sabra.



Prof. Dr. Norani Othman
lehrt Soziologie in Kuala Lumpur und ist Mitbegründerin der Sisters in Islam.
http://www.sistersinislam.org.my