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Handelstheorie: Die schärfsten Kritiker der Elche...

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8-9/2004
 

Handelstheorie: Die schärfsten Kritiker der Elche...

Ha-Joon Chang:
Kicking Away the Ladder. Development Strategy in Historical Perspective.
London, Anthem Press 2002, 186 Seiten, 21,95 Dollar, ISBN 1-84331-027-9

„Like most English manufactured goods, English trade theory is for export, not for consumption at home.“ Friedrich List

Zölle senken, Importschranken abschaffen, Patente schützen – so lauten die Forderungen aus dem Norden an die Adresse der Entwicklungsländer. Die Kritik an solchen (neo-)liberalen Standardrezepten stützt sich in der Regel auf die problematischen sozialen Folgen einer solchen Politik. Ha-Joon Chang wählte für seine Kritik am „international development policy establishment“ einen völlig anderen Ansatz. Er geht der Frage nach, ob auch die heutigen Industriestaaten in ihrer eigenen Wirtschaftsgeschichte dem Entwicklungsmodell gefolgt sind, das sie heute predigen.

Changs Buch ist eine Wiederentdeckung des deutschen Nationalökonomen Friedrich List, der bereits 1841 zu dem Schluss gekommen war, der Aufstieg Englands zur industriellen Großmacht sei vor allem seiner gezielten Industriepolitik zu verdanken. Einmal auf dem Gipfel merkantiler Vorherrschaft angekommen, habe England dann aufstrebenden Konkurrenten die Leiter weggekickt, auf der es selbst nach oben geklettert war.

160 Jahre nach List räumt Chang – gestützt auf einen soliden empirischen Unterbau – mit zahlreichen Mythen der liberalen Wirtschaftsgeschichtsschreibung auf, etwa der Annahme, die USA seien auf ihrem Weg zur wirtschaftlichen Weltmacht ein Hort des Freihandels gewesen. Seine Kritik zielt ab auf das ahistorische Ausblenden der tatsächlichen Entwicklungspfade der heutigen Industriestaaten durch die vorherrschende liberale Orthodoxie: Schließlich haben die Industriestaaten auf ihrem Weg nach oben fast durchgängig das Gegenteil von dem praktiziert, was sie heute über die WTO vom Süden verlangen.

Chang, der in Cambridge Entwicklungsstudien lehrt, untersucht in seinem ebenso breit angelegten wie präzis argumentierenden Buch die von den heutigen Industriestaaten verfolgte Wirtschafts- und Industriepolitik. Als Gegencheck dient ihm die Institutionengeschichte. Und auch hier kommt er zu dem Schluss, dass zentrale Bausteine von good governance historisch betrachtet eher Folge denn Ursache des wirtschaftlichen Erfolgs waren.

„Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“ – man mag das ernüchternde Fazit von Changs Buch mit diesem flapsigen Spruch der „Neuen Frankfurter Schule“ ziehen. Dabei ist es eigentlich erschreckend zu sehen, wie wenig die zentralen Lehrsätze der etablierten Entwicklungspolitik der empirischen Überprüfung standzuhalten vermögen.

Carel Mohn