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Experten diskutieren neue Leitbilder

Wiederaufbau soll Katastrophenprävention mitbedenken

Eine afrikanische Perspektive


8-9/2004
 

[ Afghanistan ]

Wiederaufbau soll Katastrophenprävention mitbedenken

Afghanistan zählt zu den von Naturkatastrophen am meisten gefährdeten Ländern der Erde. Erdbeben, Sandstürme, Überschwemmungen, Dürre, Erdrutsche und Schneelawinen stellen eine ständige Bedrohung dar. Möglichst schnell will deshalb die internationale Gemeinschaft funktionsfähige Strukturen des Katastrophenmanagements etablieren. Die United Nations Assistance Mission to Afghanistan (UNAMA) arbeitet dabei mit afghanischen und bilateralen Partnern zusammen.

Als ersten Schritt ließ UNAMA einen National Disaster Management Plan erarbeiten und das Department for Disaster Preparedness stärken. Auf deutscher Seite koordiniert InWEnt ein Partnernetz bestehend aus den Universitäten Bonn und Braunschweig, der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, dem Geoforschungszentrum Potsdam und der Deutschen Luft- und Raumfahrtgesellschaft mit der Konzentration auf Prävention. Das trilaterale Programmdesign (UN-, afghanische und deutsche Beteiligung) wird auf der Worldconference on Disaster Reduction in Kobe (Japan) Anfang 2005 vorgestellt. E+Z sprach mit Dr. Nadjib Yussufi, der seit 2002 das InWEnt-Programm zum Aufbau von Katastrophenhilfe und Katastrophenmanagement in Afghanistan koodiniert.

Was ist Ihr größtes Problem bei der praktischen Arbeit?
Dr. Nadjib Yussufi: Es fehlt in Kabul an allen materiellen Dingen. Die Afghanen messen uns deshalb auch daran, ob wir materiell etwas mitbringen. Als ich das Projekt einmal vorstellte, sagte mir jemand: „Sie wollen meinen Kopf fortbilden, aber ich habe nichts im Magen.“ Ich kann ihn nur fortbilden, ihm aber keine Mahlzeit geben. Das hat mit unserer Arbeitsteilung zu tun: Wir machen Fortbildung, die Deutsche Welthungerhilfe liefert die Nahrungsmittel, die GTZ baut Häuser und Infrastruktur, und das Verteidigungsministerium versucht, die Sicherheit zu garantieren. Jeder hat seine Funktion. Und deshalb habe ich gesagt: „Bitte versteh, ich kann nur deinen Kopf bearbeiten. Aber das heißt nicht, dass ich für deinen Bauch kein Interesse und kein Verständnis habe.“

Können die Teilnehmer Ihrer Kurse das neue Wissen sofort anwenden?
Im Moment denken alle nur an den Wiederaufbau und niemand denkt an Katastrophen. Aber sie können jederzeit kommen. Deswegen sagen wir, dass die Afghanen sich parallel zum Wiederaufbau darauf vorbereiten müssen. Außerdem sollten alle Beteiligten in Gebieten, die von Erdbeben, Überschwemmungen oder Dürre bedroht sind, ein anderes Konzept von Wiederaufbau verfolgen. In Kabul gibt es sehr viele Hochhäuser. Sind sie wirklich erdbebensicher? Wir stellen diese Frage, wenn im Norden, in dem Gebiet, wo es vor zwei Jahren ein schweres Erdbeben gab, jetzt neue Häuser gebaut werden. Das sind zukunftsorientierte Fragen. Aber sie müssen jetzt bedacht werden.

Wann wird Afghanistan über funktionierende Katastrophenschutzeinrichtungen verfügen?
Ich denke, es wird 20 Jahre dauern, bis ein an afghanische Bedürfnisse ausgerichtetes Katastrophenschutznetz existiert.

Und bis dahin?
Ich hoffe, dass die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt werden. Wenn InWEnt die Leute ausbildet, dann sollte die UN eine andere Organisation für die technischen Hilfsmittel finden. Eine afghanische Universität sollte Erdbebenzentrum werden und die Zusammenhänge erforschen. Dann könnten die wissenschaftlichen Ergebnisse in unsere Arbeit einfließen und wir hätten am Ende ein Team von qualifizierten Mitarbeitern mit dem nötigen Fachwissen.

Sie möchten mit dem Projekt auch Afghanen in ihre Heimat zurücklocken. Ist das möglich?
Der Bedarf ist sehr groß. In den vergangenen 20 Jahren hat Afghanistan mehrmals seine gut ausgebildeten Menschen verloren. Ich kenne sehr viele Afghanen, die gern gehen würden. Nur ist für viele dieser Fachleute, die heute im Ausland leben, zunächst die Sicherheit eine offene Frage. Dann kommen die Bezahlung und die Möglichkeit, die Familie mitzunehmen. Wenn jemand aus Deutschland nach Afghanistan geht, dann hat er zunächst hier Ausgaben und dort Ausgaben – ohne gute Bezahlung geht das nicht.

Können Sie sich vorstellen, auf Dauer wieder in Afghanistan zu leben?
Ich bin schon dreimal mit meiner Familie von Deutschland nach Afghanistan umgezogen. Jedes Mal musste ich wieder zurück, weil es Umstürze und Krieg gab. Aber wenn die Rahmenbedingungen stimmen, würde ich jederzeit wieder gehen.

Die Fragen stellte Dirk Asendorpf.






Dr. Nadjib Yussufi
ist 1972 aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Er hat Publizistik und Entwicklungspolitik studiert und in den 80er und 90er Jahren längere Zeit als Programmassistent des Goethe-Instituts und für das Fachkräfteprogramm der GTZ in Kabul gearbeitet.



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