Meinung

Medikamente: Kompromiss ohne Wirkung

Unternehmensverantwortung „lite“


8-9/2004
 

Kommentar

Unternehmensverantwortung „lite“

Erfüllt der Global Compact den Anspruch, der Globalisierung ein menschlicheres Gesicht zu geben, indem er große Unternehmen und ihre Kritiker einander näher bringt? Auf dem letzten Gipfeltreffen Ende Juni waren die Meinungen über die Bilanz der ersten fünf Jahre geteilt. Um den informellen Boykott durch US-Unternehmen zu beenden, legten die Vereinten Nationen und die US-amerikanische Anwaltskammer einen Brief vor, der beitrittswilligen Firmen Schutz vor gerichtlichen Klagen gegen behauptete Verstöße gegen den Global Compact zusagt.

[ Von Dwight W. Justice ]

Der Global Compact gerät zunehmend in die Kritik – und zwar bei Mitgliedern wie bei Nichtmitgliedern. Ein Vorwurf lautet, die Unternehmen profitierten vom positiven Image der Vereinten Nationen, müssten dafür aber keine Gegenleistung bringen. Das hat zu der Forderung geführt, die Unternehmen müssten die Beachtung der Compact-Prinzipen nachweisen und sich unabhängiger Überprüfung und Beschwerdemöglichkeiten stellen.

Der Internationale Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) und die anderen Gewerkschaftsorganisationen, die sich für eine Beteiligung am Global Compact entschieden haben, unterstützen diese Forderung nicht. Im Gegenteil: Sie verlangten vor ihrem Beitritt die Zusage, dass der Global Compact nicht zu einem Verhaltenskodex umfunktioniert wird. Sie wollten verhindern, dass der Global Compact die umfassenderen OECD-Richtlinien für multinationale Unternehmen ersetzt, die gerade überarbeitet wurden, als der Global Compact initiiert wurde. Die Prinzipien des Global Compact basieren zwar auf wichtigen internationalen Instrumenten, doch sie spiegeln nicht die ganze Bandbreite legitimer Erwartungen an sozialverantwortliches Verhalten von Privatunternehmen.

Jeder Verhaltenskodex für die Wirtschaft sollte seine Prinzipien in praktische Richtlinien für Unternehmen übersetzen. Die Erklärung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu multinationalen Unternehmen und Sozialpolitik ist ein solcher Kodex. Tatsächlich bietet die Erklärung gute Leitlinien zu den Global-Compact-Prinzipien, die sich auf Arbeitsstandards beziehen. Für andere Prinzipien des Compact jedoch gibt es solche praktikablen Richtlinien nicht.

Die Erfahrung der Gewerkschaften ist, dass Verhaltenskodizes zu Arbeitsstandards nur ein schlechter Ersatz für verbindliche Gesetze und kollektive Vereinbarungen sind. Wir wollten deshalb verhindern, dass der Pakt der Vorstellung Vorschub leistet, die Ermahnung der Wirtschaft, freiwillig Menschenrechte zu achten, könnte bindende Handels- und Investitionsabkommen zum Schutz von Eigentumsrechten aufwiegen.

Globalisierung braucht globale Regeln, aber sie braucht auch andere globale Institutionen. Der positive Beitrag des Global Compact besteht darin, einen Dialog zwischen der internationalen Wirtschaft, Gewerkschaften, nichtstaatlichen Organisationen und Regierungen zu ermöglichen. Ein solcher Dialog kann Streit beenden und Probleme lösen helfen. Leider erhalten die Selbstvermarktung von Ansätzen „sozialer Unternehmensverantwortung“ (corporate social responsibility), um die sich mittlerweile ein eigener Industriezweig entwickelt hat, und die Selbstdarstellung von unilateralen Unternehmensinitiativen zu viel Aufmerksamkeit, obwohl beides wenig mit Dialog zu tun hat. Echter Dialog auf nationaler Ebene wird oft dadurch vermieden, dass „Netzwerke“ geschaffen werden, ohne Gewerkschaften, repräsentative Arbeitgeberverbände und nichtstaatliche Organisationen daran zu beteiligen.

Mitgliedsorganisationen von internationalen Gewerkschaftsverbänden beschweren sich oft über das Verhalten von Unternehmen, die am Global Compact teilnehmen. Sie unterstützen deshalb die „Integritätsmaßnahmen“ des Compact und deren Ziel, Unternehmen vom Compact auszuschließen, wenn sie dessen Prinzipien grob missachten. Das ist kein Schritt hin zur Umwandlung des Compact in einen Verhaltenskodex, sondern dient dem Anliegen, die Initiative und das Versprechen auf einen globalen Dialog über vereinbarte Prinzipien am Leben zu erhalten.





Dwight W. Justice
arbeitet in der Abteilung für multinationale Unternehmen beim Internationalen Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) in Brüssel.
dwight.justice@icftu.org