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 8-9/2004
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Die Katastrophe von Bhopal
[ 20 Jahre später ]
Weltweit steht der Name der Stadt Bhopal für ein schweres Chemie-Unglück. In Indien werden die Ereignisse um den Chemikalien-Unfall vom Dezember 1984 zusätzlich als ein schwerwiegendes Versagen der Regierungsführung gesehen. Fast 20 Jahre nachdem die Katastrophe in wenigen Tage mindestens 4000 Menschenleben gefordert hatte, ist der Fall rechtlich nicht abgeschlossen. Ende der 1980er Jahre waren mehr als 20 000 vom Giftgas verursachte Todesfälle registriert. Tausende Opfer, von denen viele an Pestizid-verursachten Krankheiten leiden, warten noch immer auf Entschädigung.
Hätten die Behörden im zentralindischen Staat Madhya Pradesh ihre Arbeit ordentlich gemacht, wäre es vielleicht nie zu dem Desaster im Werk von Union Carbide gekommen. Sie ließen beispielsweise zu, dass Slums viel näher an die Fabrik heranwucherten, als Sicherheitsstandards erlaubt hätten. Menschen in diesen Hütten wurden Opfer des Giftgases. Ganze Familien starben.
Union Carbide betrieb die Anlage mit zu wenig Arbeitern, von denen zudem zu viele ungelernt waren. Sicherheitsvorrichtungen, die wären sie aktiviert gewesen die Eskalation der chemischen Reaktionen hätten verhindern können, waren entweder abgeschaltet, schon seit längerer Zeit kaputt oder nie installiert worden. Während das Management des Werks hierfür Verantwortung trägt, gehört die Überwachung der Industrie zu den Regierungsaufgaben. Es ist bezeichnend, dass die Behörden von Madhya Pradesh nach der großen Katastrophe nicht in der Lage waren, Akten über frühere Unfälle bei Union Carbide vorzulegen.
1989 einigte sich die indische Regierung außergerichtlich mit Union Carbide auf eine Gesamtentschädigung von nur 470 Millionen Dollar. Zur gleichen Zeit wurde vor dem Supreme Court ein Fall verhandelt, in dem die Kläger rund 3,2 Milliarden US-Dollar forderten. Diese Klage wurde obsolet. Seither schien das langsame Tempo, mit dem der Staat Geld an die Opfer auszahlte, ein Skandal ohne Ende. Erst in diesem Juli entschied der Supreme Court, die Regierung müsse rund 330 Millionen Dollar, die Zinsen inklusive von der ursprünglichen Summe noch auf ihren Konten lagern, direkt an rund 580 000 Unfallopfer und ihre Familien auszahlen. Betroffene fordern derweil, der Gesamtbetrag müsse vervierfacht werden.
Unterdessen geht das Leiden weiter. Nach Angaben eines Anwalts der Opfer brauchen 4500 Menschen in Bhopal noch immer regelmäßig medizinische Hilfe, die die öffentlichen Krankenhäuser nicht leisten können. Sie sind auf karitative Einrichtungen angewiesen.
Während Union Carbide kaum Mitgefühl für die Opfer des Unfalls zeigte, hat sich auch das Unternehmen niemals völlig davon erholt. Sein tödlicher Ruf stellte sich als schwere Bürde für den Weltkonzern heraus. Jeder Manager in einem multinationalen Unternehmen fürchtet schon den Gedanken, dass etwas Ähnliches in der eigenen Firma passieren könnte. Schließlich wurde Union Carbide vom Industrie-Giganten Dow Chemical geschluckt. Dow wiederum wird jetzt von dem tödlichen Ereignis von Bhopal verfolgt.
Die Pestizid-Produktion wurde nach dem Unfall 1984 gestoppt. Das Werksgelände jedoch wurde nie saniert. Zivilgesellschaftliche Organisationen klagen über verseuchtes Wasser und andere Umweltbelastungen, die von dem ehemaligen Chemiewerk ausgehen. Im Juni dieses Jahres stimmte die indische Regierung zu, dass ein Gericht im Staat New York die Sache verhandelt. Opfer hatten in den USA gegen Dow geklagt. Sie fordern, das Unternehmen solle sich um den Industriemüll kümmern, der im verlassenen Werk lagert.
Nach Darstellung von Union Carbide war der Unfall von 1984 ein Sabotageakt. Das Dow-Management hält an dieser Version fest, für die nie ein Beweis vorgelegt wurde. Fahrlässigkeit scheint als Ursache weitaus wahrscheinlicher. Andererseits wollen indische Anklagevertreter den früheren Union-Carbide-Vorsitzenden Warren Anderson wegen Mordes vor Gericht bringen. Im vergangenen Jahr, fast 19 Jahre nach dem Ereignis, hat die indische Regierung von den USA abermals die Auslieferung verlangt. (dem)
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