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Beiträge aus der Rubrik Tribüne
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Auf Reisen gegen Armut
 08/2004
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[ Tourismus ]
Auf Reisen gegen Armut
Tourismus in Entwicklungsländer hatte lange Zeit einen schlechten Ruf. Er belaste die Umwelt und zerstöre einheimische Kulturen, lautete die Kritik. Doch Fremdenverkehr kann Entwicklung auch fördern. Dazu müssen Tourismusprojekte partizipativ angelegt sein, ökologischen und sozialen Standards genügen und wirtschaftlich rentabel sein. Häufig mangelt es jedoch an qualifiziertem Personal.
[ Von Nicole Häusler ]
In der Entwicklungszusammenarbeit spielte Tourismus bis vor wenigen Jahren praktisch keine Rolle. Der Grund: Vor allem der Ferntourismus in Entwicklungsländer hatte lange Zeit ein schlechtes Image. Seit den 1970er Jahren weisen vor allem nichtstaatliche Organisationen auf die Gefahren hin, die der Tourismus in sich birgt. Sie kritisieren die ökonomische Abhängigkeit von touristischer Monokultur sowie einen häufig anzutreffenden konzeptionslosen Massentourismus, der allein auf Profitmaximierung aus sei.
Eine Folge solcher Tourismuspolitik sind wachsende Umweltprobleme. So verschärft Tourismus in vielen Kommunen das Problem einer unzureichenden Abwasserentsorgung. Nicht selten leiten Hotels ihre Abwässer direkt ins Meer. Fast alle größeren Touristenzentren haben zudem Probleme mit der Müllentsorgung und verbrauchen enorm viel Strom und Wasser. Kritiker weisen außerdem auf den hohen Flächen- und Landschaftsverbrauch (zum Beispiel durch Golfplätze) und die Beeinträchtigung der biologischen Vielfalt hin.
Wichtig sind aber auch soziale und kulturelle Aspekte: Der Tourismus in Entwicklungsländer verstärke den Einfluss fremder Kulturen und Verhaltensweisen und zerstöre dadurch gewachsene soziale und kulturelle Strukturen. Zudem, so die Kritiker, profitiere die lokale Bevölkerung nur unzureichend vom Tourismus, da die Gewinne oft nicht im Land bleiben. Und die zusätzlich eingenommenen Devisen würden benötigt, um den erhöhten Bedarf an Importprodukten zu decken.
Tourismus kann
Entwicklung fördern
Ungeachtet der Kritik steigen die Touristenzahlen stetig, und nicht zuletzt aus diesem Grund erlebte die Diskussion in den vergangenen Jahren einen Richtungswechsel. Entwicklungs- und Tourismusexperten wiesen verstärkt darauf hin, dass Fremdenverkehr auch entwicklungsfördernd sein kann. Voraussetzung dafür ist ein an nachhaltiger Entwicklung orientiertes Gesamtkonzept für Tourismus.
So kann Tourismus beispielsweise auch zum Erhalt von natürlichen Ressourcen beitragen. Zahlreiche Nationalparks und andere Schutzgebiete in Entwicklungsländern wären ohne die Aussicht auf touristische Vermarktung nie eingerichtet worden und ohne die Einnahmen aus dem Tourismus langfristig nicht finanzierbar. Workshops und Kampagnen im Rahmen von Tourismusprojekten können das Bewusstsein in der einheimischen Bevölkerung für umweltverträgliches Verhalten schärfen. Die Menschen lernen, dass ohne eine intakte Umwelt die Touristen und damit wichtige finanzielle Einnahmen ausbleiben.
Beispiel Öko-Lodge Chalalan im Amazonasgebiet von Bolivien: Die Lodge wird von einem Unternehmen der indigenen Gemeinde San José de Uchupiamonas geführt. Die Teilhaber wurden in hygienischem Kochen, Reinigung von Toiletten und Bädern sowie Müllentsorgung und -trennung unterrichtet Maßnahmen, die die Mitarbeiter nun auch im Alltag anwenden. Zudem beteiligen sie sich am Erhalt der Biodiversität im Nationalpark Madidi, in dem sie früher selbst illegal Holz geschlagen haben.
Im ökonomischen Bereich trägt Tourismus häufig zur Verbesserung der Infrastruktur bei, was auch anderen Wirtschaftszweigen nutzt. Zum anderen schafft Tourismus neue Arbeitsplätze direkt, aber auch indirekt, etwa in der Bau-, Land- und Transportwirtschaft. Das hilft Abwanderungsprobleme zu entschärfen, da Tourismuszentren meist in mehreren Regionen angesiedelt sind.
Statt zu einer Schwächung kann es durch Tourismus umgekehrt auch zu einer Wiederbelebung von kulturellen Werten und Gebräuchen kommen, bei denen es sich wie bei der Natur um eine potenzielle touristische Ressource handelt. Indigene und ethnische Dorfgemeinschaften werden dadurch ermutigt, sich verstärkt mit ihrer eigenen Geschichte und ihren Traditionen auseinanderzusetzen. So empfängt das isoliert gelegene nordthailändische Karen-Dorf Baan Huay Hee seit einigen Jahren Touristen, die für einige Tage in den Familien leben. Die Besucher bringen den Kenntnissen der Einheimischen, etwa in der traditionellen Medizin, häufig Achtung und Respekt entgegen. Insbesondere bei Jugendlichen führt das zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins und der kulturellen Identität. Voraussetzung dafür ist freilich, dass sowohl die Touristen als auch die Einheimischen durch Schulungen und Aufklärungsarbeit auf die Begegnung mit den Fremden vorbereitet werden. So gab es für die Dorfbewohner von Baan Huay Hee einführende Seminare, und auch die Touristen erhalten vom lokalen Reiseveranstalter REST (www.ecotour.in.th) ausführliche Informationen für ihren Aufenthalt bei einer Karen-Familie.
Ein Schlüsselelement einer armutsorientierten Tourismusstrategie ist Partizipation. Die Armen müssen am Auf- und Ausbau des Tourismus beteiligt sein. Tourismusplaner müssen die ökonomischen, sozialen und ökologischen Lebensumstände der Armen berücksichtigen kurz- und langfristig. Dafür muss man sich Zeit nehmen: Das schematische Umsetzen von Standardplänen geht an den Bedürfnissen der Armen vorbei, da die Ausgangslage sehr unterschiedlich sein kann. Tourismusplanung muss zudem aus Erfahrung lernen. Erkenntnisse aus Armutsforschung, Umweltmanagement, guter Regierungsführung und der Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmen können eine große Hilfe sein.
Tourismusprojekte
mit Mängeln
Auch in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit gewinnt der Tourismus an Bedeutung. In einer Antwort des Entwicklungsministeriums (BMZ) vom April 2004 auf eine Bundestagsanfrage der CDU/CSU-Fraktion heißt es, sozial- und umweltverträglichem Tourismus komme eine wichtige Rolle im Prozess der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung eines Landes zu. In diesem Jahr hat das BMZ ein Sektorvorhaben der GTZ Tourismus und nachhaltige Entwicklung mit einem Budget von 900 000 Euro genehmigt.
Doch bei der Durchführung von Tourismusprojekten machen Entwicklungsorganisationen immer wieder die folgenden gleichen Fehler:
Fehlende Marktorientierung: Rentabilitätsfragen werden kaum gestellt, Markt- und Infrastrukturanalysen nicht durchgeführt.
Mangelndes Marketing: Während große Tourismusunternehmen Millionen Euro für Werbung ausgeben, kommt der Posten Marketing in manchen Projektanträgen gar nicht erst vor.
Falsche Qualifikation: Häufig haben Tourismusprojekte einheimische oder internationale Berater mit ausgezeichneten Kenntnissen in den Bereichen Regionalentwicklung, Ressourcenschutz oder Kleingewerbeförderung, jedoch nur wenig Fachwissen über Fremdenverkehr und Produktentwicklung. Entwicklungszusammenarbeit im Tourismus kann nur mit entsprechend qualifizierten Fachkräften gelingen.
Unzureichende Weiterbildung: Viele Projekte scheitern bereits in den ersten Jahren, weil die Qualifizierung der lokalen Mitarbeiter durch die Geber ungenügend ist. Die Erfahrung zeigt, dass Projekte mindestens drei Jahre lang durch Training und Workshops begleitet werden müssen, bevor die Partner sie selbstständig weiterführen können.
Kein Monitoring: Viele Projekte scheitern, weil die Durchführung nicht kontrolliert wird und Fehlentwicklungen nicht rechtzeitig erkannt werden.
Tourismus-Projekte, die diese Mängel aufweisen, können nicht erfolgreich sein. Umwelt- und Ressourcenschutz, Monitoring, Sozialverträglichkeit und lokale Partizipation müssen mit Professionalität, unternehmerischem Denken und Marktorientierung einhergehen. Ökologische und soziale Nachhaltigkeit im Fremdenverkehr sind ohne ökonomische Nachhaltigkeit nicht zu erreichen.
Das GTZ-Sektorvorhaben Tourismus und nachhaltige Entwicklung ist ein Schritt in die richtige Richtung. In Zusammenarbeit mit der deutschen Tourismuswirtschaft fördert es den Tourismus in Entwicklungs- und Transformationsländern etwa durch gemeinsame Projekte, den Austausch von Informationen sowie Aus- und Fortbildungsmaßnahmen für Fachkräfte aus Partnerländern. Ziel sind modellhafte Koalitionen zwischen Privatwirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit.
Wünschenswert wäre darüber hinaus eine engere Einbindung von Kulturwissenschaftlern in Tourismusprojekte, um die Partizipation der lokalen Bevölkerung zu verbessern und Konflikten vorzubeugen. Wichtig ist außerdem, Reisende und Reiseveranstalter zu sensibilisieren, Umweltverträglichkeitsprüfungen durchzuführen sowie lokale Strategien zur Armutsbekämpfung im Tourismus auszuarbeiten.
Literatur:
Caroline Ashley, Dilys Roe und Harold Goodwin (2001): Pro-poor Tourism Strategies: Making Tourism Work for the Poor. A review of experience. London, ODI.
http://www.propoortourism.org.uk
Nicole Häusler (2004):
Finanzierung von Community-based Tourism-Projekten. Probleme, Risiken und Anforderungen. In: Kurt Luger, Christian Baumgartner, Karlheinz Wöhler (Hg.): Ferntourismus wohin? Der globale Tourismus erobert den Horizont. Innsbruck, StudienVerlag
Nicole Häusler
ist Ethnologin und Tourismusberaterin. Sie arbeitet derzeit als Integrierte Fachkraft des Centrums für Internationale Migration und Entwicklung (CIM) bei der bolivianischen Schutzgebietsbehörde SERNAP in La Paz, Bolivien.
nicole.haeusler@t-online.de
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