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8-9/2005
 

[ Naher Osten ]

Reformen sichern
Wasserversorgung


Wasser wird vielerorts knapp. Experten zufolge ist die Situation im Nahen Osten und in Nordafrika besonders kritisch. Den Ausweg sehen sie in einer Reform des Wassersektors und einem integrierten Wassermanagement. Je nach den konkreten Problemen vor Ort greifen dabei verschiedene Maßnahmen sinnvoll ineinander. InWEnt vermittelt dafür Fachkompetenz


[ Von Alexandra Pres ]

Nordafrika und der Nahe Osten gehören zu den trockensten Gebieten der Erde. Die dort lebenden fünf Prozent der Weltbevölkerung haben Zugang zu lediglich einem Prozent der Frischwasservorkommen. Fachleute beziffern die durchschnittliche Verfügbarkeit von Wasser in der Region pro Jahr und Kopf auf 1200 Kubikmeter. Die Vergleichszahl für Deutschland liegt bei 2286 Kubikmeter. Zudem sind die Vorkommen im Nahen Osten sehr unterschiedlich verteilt: Stehen jedem Iraner im Schnitt jährlich etwa 1800 Kubikmeter zur Verfügung, sind es im Jemen lediglich 125 Kubikmeter pro Jahr und Kopf. Und die Wasservorkommen nehmen weiter ab: Fachleute rechnen für das Jahr 2025 mit einer jährlich verfügbaren Durchschnittsmenge von maximal 500 Kubikmeter Wasser pro Kopf in der Region.

Wie prekär die Situation ist, zeigt das Beispiel von Jordanien. Es zählt zu den wasserärmsten Ländern der Erde. Die erneuerbaren Wasserressourcen belaufen sich auf 140 Kubikmeter pro Kopf und Jahr. Der Verbrauch liegt bereits heute um 20 Prozent darüber. Ein Teil der Bevölkerung in der Hauptstadt Amman kann deshalb schon jetzt nur zeitweise mit Trinkwasser versorgt werden. Verschiedene Faktoren tragen zu dieser Situation bei: ein dramatisches Bevölkerungswachstum, die Entstehung von städtischen Zentren weit ab der Wasservorkommen, ungelöste Management- und Instandhaltungsprobleme, marode Netzwerke und ein extensiver, ineffizienter Verbrauch in der Landwirtschaft.

Der Kluft von Angebot und Nachfrage entgegenwirken würde ein effektives und effizientes Wassermanagement. Weiterbildungsangebote können dieses fördern. Dazu müssen sie die verschiedenen Dimensionen der Wassernutzung und die damit verbundenen Interessen berücksichtigen sowie die Wirkungszusammenhänge thematisieren. InWEnt hat dazu einen „Baukasten“ entwickelt, der die nötigen Instrumente bereitstellt. Er ist Grundlage eines Weiterbildungsprogramms. Es soll den verantwortlichen Institutionen helfen, professioneller zu wirtschaften, und die Bildung von nationalen und regionalen Netzwerken anregen. Das Angebot richtet sich an junge Führungskräfte und Seniorexperten in Ägypten, Algerien, Jemen, Jordanien, Marokko, Palästina, Tunesien und Syrien.

In Nordafrika und dem Nahen Osten wird deutlich, wie sehr Wasser seinen Charakter als bloßes Geschenk der Natur verloren hat. Die knappen Vorkommen machen das kostbare Nass zum politischen Faktor. Ohne Wasser lässt sich Armut nicht mindern und keine Volkswirtschaft entwickeln. Und nicht nur das: Wasser trägt zur Stabilisierung und Destabilisierung von Staaten und ganzen Regionen bei. Multilaterale und bilaterale Initiativen wollen dem entgegenwirken. Sie zielen auf eine nachhaltige Nutzung der Ressource. Dazu müssen Technologie und Organisationen effizient geführt und eingesetzt werden. Jeder schonende Gebrauch setzt zudem angemessene ordnungspolitische Rahmenbedingungen voraus. Außerdem muss Wasser bzw. dessen Bereitstellung des Knappheitsgrades wegen ökonomisch bewertet werden. Das Nahrungsmittel Nummer eins gewinnt so den Charakter eines ökonomischen Guts.

Wegen des Wasserstresses, unter dem die Region steht, zieht jede Handlung eine Folge von Konsequenzen nach sich. Dabei kommt es schnell zu politischen Spannungen oder gar Konflikten. Das zeigt sich bereits auf der Ebene der verschiedenen Nutzergruppen: Die Bevölkerung des Jemen etwa beutet ihre Grundwasser schon heute im Übermaß aus. Mit der Folge: Wasser wird von Jahr zu Jahr knapper; die Endlichkeit der Ressource zeichnet sich ab. 80 Prozent des verfügbaren Wassers wird in der Landwirtschaft verwandt, oftmals unter Einsatz veralteter, ineffizienter Bewässerungsmethoden und für den Anbau wasserintensiver Kulturen. Andererseits haben nur 32 Prozent der städtischen und 21 Prozent der ländlichen Bevölkerung Zugang zu Trinkwasser.

Jeder neu entstehende Brunnen verschlechtert die Versorgungsgrundlage des Nachbarn. Schnell entsteht da eine Rivalität unter Kommunen. Wasser wird zum Druckmittel, um politische Interessen durchzusetzen. Der Jemen begegnet diesem Spannungsfeld mit einer nationalen Wasserstrategie. Sie greift die Komplexität des Handlungsfeldes auf, etwa indem sie alle Akteure des Wassersektors und ihre unterschiedlichen Interessen berücksichtigt. So koordiniert das Wasserministerium die Strategieentwicklung und ihre Umsetzung mit dem Landwirtschaftsministerium und berücksichtigt die Interessen nachgeordneter Behörden auf nationaler wie lokaler Ebene. Gleichermaßen werden Vertreter der Wissenschaft wie auch der Zivilgesellschaft in die Konsensbildung einbezogen.

Die Verantwortlichen stehen vor der Herausforderung, umzusteuern. Nur so können sie verhindern, dass die Probleme in der Zukunft noch zunehmen. Sie müssen verhindern, dass Grundwasservorkommen übernutzt werden, die Wasserqualität stetig schlechter wird und immer mehr Vorkommen versalzen. Die Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung wären verheerend.

Gerade im Wasserbereich wird deutlich, wie begrenzt der Aktionsradius einer eindimensionalen, zentral gesteuerten Politik ist. Mehr Erfolg verspricht ein Ansatz, bei dem die verschiedenen Subsektoren (Wasserressourcen, städtische Wasserver- und -entsorgung, ländliche Wasserver- und -entsorgung, Bewässerung, industrielle Wassernutzung) gemeinsam mit Vertretern des Umweltbereiches, der betreffenden Ministerien sowie nachgeordneter Behörden gemeinsame Strategien entwickeln und in einen multi-stakeholder-Dialog mit der Zivilgesellschaft eintreten. Dezentrale Strukturen bürgen für eine größere Nähe zu den Wasserquellen und ihren Konsumenten. Sie bilden die Grundlage, um die knappe Ressource effizienter zu nutzen. Eine erfolgreiche Wasserpolitik lässt sich nur etablieren, wenn alle relevanten Akteure sowie Ebenen eingebunden und im Rahmen handlungsorientierter Konzepte und Verfahren stimmige Ziele umgesetzt werden.

InWEnt unterstützt mit dem Weiterbildungsprogramm die Reformbestrebungen im Bereich der Wassersektoren in Nordafrika und dem Nahen Osten. Der „systemische Baukasten“ stellt die nötigen Instrumente für einen nachhaltigeren Umgang mit der Ressource Wasser bereit. Er beinhaltet sechs Bausteine und 36 Einzelmaßnahmen. Sie können je nach Bedarf miteinander verknüpft und so auf die konkrete Situation vor Ort abgestimmt werden. Das Spektrum reicht vom Dialogworkshop mit allen Akteuren bis hin zum Langzeittraining für Nachwuchsführungskräfte. Finanziert wird das Weiterbildungsprojekt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Das Weiterbildungsprogramm vermittelt breites Fachwissen. Es zielt darauf ab, das Management der verschiedenen Wassersektoren zu verbessern. Gleichzeitig lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie sie ihr Wissen in ihren Organisationen weitergeben und so Innovationen und Wandel vorantreiben. Regionale Kooperationen helfen, das Wissen auszutauschen und aktuelle Themen und Trends untereinander zu diskutieren. Regelmäßige Foren unterstützen die Netzwerkbildung. Bewusstseinsbildende Maßnahmen sensibilisieren für die Komplexität und die Knappheit der Ressource Wasser. Das Programm ist flexibel ausgerichtet. Neue Komponenten, etwa Weiterbildungsangebote für eine breitere technische Zielgruppe, können so jederzeit angedockt werden.

Für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist Wasser ein bedeutender Aktionsbereich. Eine nachhaltige Wirkung lässt sich aber nur erreichen, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Deshalb wurden Vertreter aller relevanten Institutionen an der Ausrichtung des Weiterbildungsangebots beteiligt. Die verschiedenen Planungsziele, Budgets, Instrumente, Expertisen zu harmonisieren, war nicht einfach. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen.


Alexandra Pres
ist Projektleiterin „Globale Wasserressourcen“ bei InWEnt in der Abteilung Umwelt, Energie und Wasser.
alexandra.pres@inwent.org