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 8-9/2005
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[ Berufliche Bildung ]
Deutsches Know-how für den Irak
Der zügige Wiederaufbau der irakischen Wirtschaft setzt ein leistungsfähiges Berufsbildungssystem voraus. Die Regierung in Bagdad will deshalb die Kompetenzen von Lehrern und anderen Multiplikatoren in der beruflichen Bildung verbessern und modernen Standards anpassen. InWEnt unterstützt diese Bemühungen im Auftrag der Bundesregierung durch die Qualifizierung von Multiplikatoren wie Lehrern, Instruktoren, Bildungsplanern und Bildungsmanagern.
[ Von Joachim Hagemann ]
Nach wie vor geht der Wiederaufbau der zivilen Infrastruktur nur schleppend voran. Der Krieg der USA und ihrer Verbündeten hat weite Teile der lebenswichtigen Einrichtungen zerstört. Die Versorgung mit Trinkwasser und Strom brach vielerorts zusammen, ebenso die Telekommunikation oder das Gesundheitswesen. Auch zwei Jahre nach dem Ende des Krieges können viele Iraker nur auf unzureichende öffentliche Dienste zurückgreifen. Die wirtschaftliche Lage hat sich seit offiziellem Kriegsende zwar verbessert, ist aber von einer Normalisierung weit entfernt. Laut einer Schätzung des irakischen Erziehungsministeriums sind 80 Prozent der Gebäude, Maschinen, Werkzeuge und Geräte zerstört oder gestohlen. 70 Prozent der Erwerbsbevölkerung gelten als arbeitslos oder unterbeschäftigt. Experten gehen heute davon aus, dass der Wiederaufbau des Irak mindestens zehn Jahre dauern und 200 Milliarden Euro kosten wird.
Beim Wiederaufbau ist das Land auf die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft angewiesen. Eigene Einnahmen wird der Irak erst wieder generieren können, wenn die Ölförder- und Industrieanlagen rehabilitiert sind. Das unveränderte Übergewicht des Ölsektors zeigt sich darin, dass 97 Prozent der Staatseinnahmen aus dem Export von Öl stammen. Mit 2,5 Millionen Barrel pro Tag gefördertem Erdöl hat sich der Irak dem Vorkriegsniveau angenähert. Die Auslastung der Industriekapazitäten beträgt zur Zeit lediglich zwölf Prozent. Etwa jeder zehnte Iraker arbeitet in der Landwirtschaft.
Mittelfristig verfügt der Irak über ein enormes Wachstumspotenzial. Im Falle einer politischen Stabilisierung gilt er als das Land mit dem größten wirtschaftlichen Entwicklungspotenzial in der Region: Mit 112 Milliarden Barrel besitzt der Irak elf Prozent der weltweit bekannten Ölreserven. Eine gut ausgebildete Mittelschicht, ein traditionell aktiver Privatsektor sowie ausreichende Wasservorkommen sind weitere positive Wachstumsfaktoren.
Noch in den 70er Jahren galt der Irak als das am weitesten entwickelte Land in der Region. Seitdem ging es nur noch rückwärts. Zuletzt haben die UN-Sanktionen dazu geführt, dass der Irak und damit auch die Berufsbildung von der übrigen Welt weitestgehend abgeschnitten war. Was technische Entwicklungen und moderne Unterrichtsmittel angeht, stand das Land vor verschlossenen Türen. Deshalb fehlen in vielen Branchen ausgebildete Fachkräfte. Es mangelt an Qualifizierungsangeboten in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Eine Studie der Vereinten Nationen und der Weltbank belegt, dass die irakische Infrastruktur zerstört ist und das Bildungswesen nicht mehr funktioniert. Planungsexperten und die Manager der beruflichen Bildung müssen erst wieder auf den neuesten Stand gebracht und die Bildungseinrichtungen neu ausgestattet werden.
Hunger, Elend und fehlende Perspektiven prägen das Leben vieler Iraker. Unter den sieben Millionen Menschen, die keine Arbeit haben, befinden sich allein eine Million demobilisierte Soldaten. Da es keine staatliche Arbeitslosenunterstützung gibt, versucht der größte Teil der Bevölkerung mittels illegaler Geschäfte oder gespendeter Nahrungsmittel aus dem Austauschprogramm Food for Oil der Vereinten Nationen zu überleben. Fachleute beziffern die Kosten für den Lebensunterhalt einer Familie auf umgerechnet 500 Euro im Monat. Ein neues Programm von InWEnt will Arbeitslosen, entlassenen Soldaten und anderen benachteiligten Gruppen der Bevölkerung helfen. Es soll die irakische Regierung in ihrem Bemühen unterstützen, ein leistungsfähiges und beschäftigungsorientiertes Berufsbildungs- und Trainingssystem zu schaffen.
Deutschland konzentriert seinen Beitrag zum Wiederaufbau des Irak darauf, breite Bevölkerungsschichten zu qualifizieren, die Armut zu mindern und die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Im Rahmen des Programms selbst will InWEnt vor allem Multiplikatoren im Bereich der beruflichen Bildung fortbilden. Doch die eigentlichen Adressaten des deutschen Engagements sind die Endnutzer: Arbeitslose, entlassene Soldaten, Jugendliche. Ihnen soll das Programm ermöglichen, eine dauerhafte Beschäftigung zu finden und sich so ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Um sicherzustellen, dass sich die angebotenen Trainingsinhalte auf die wichtigsten Sektoren der Wirtschaft beziehen, baut das irakische Arbeitsministerium im Rahmen des Qualifizierungsprogramms Skill-Development-Zentren auf. Dort erhalten die Teilnehmer in sechswöchigen Kursen eine an praktischen Fertigkeiten ausgerichtete Kurzzeitausbildung. Sie sollen künftig etwa in der Lage sein, Wasserrohre zu verlegen, Stromkabel zu ziehen oder Häuser zu mauern. Die Regierung in Baghdad will die Menschen so in die Lage versetzen, anschließend eine angelernte Tätigkeit auszuüben. Als Teil eines nationalen Netzwerkes sollen die regionalen Ausbildungszentren die direkte Verbindung zum Arbeitsmarkt sicherstellen.
Enger Kooperationspartner von InWEnt ist das Regionalbüro der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Beirut. Das auf drei Jahre angelegte Projekt zeichnet sich durch einen ganzheitlichen Ansatz aus: alle Ebenen des irakischen Bildungssystems werden in die einzelnen Maßnahmen miteinbezogen. Die Kosten der Planungs-, Dialog- und Fortbildungsmaßnahmen teilen sich ILO und InWEnt. Seminare für Führungskräfte und Entscheidungsträger des Arbeitsministeriums, Direktoren der regionalen Ausbildungszentren, Bildungsplaner und -manager haben bereits stattgefunden, ebenso Seminare für die irakischen Ausbilder. Die Kursteilnehmer lernen, Bildungssysteme zu entwickeln und zu betreiben sowie konkrete Angebote der beruflichen Bildung zu planen und zu steuern. In den Seminaren für Ausbilder spielt der Transfer von technischem Wissen eine wichtige Rolle.
Aufgrund der noch immer unsicheren Situation im Land beschränken sich die Maßnahmen zunächst auf Fortbildungen außerhalb des Irak: in Deutschland, Amman und Kairo. Doch zuvor mussten Kontakte zu den irakischen Entscheidungsträgern geknüpft und der Bedarf ermittelt werden. Mittlerweile wurden auch die ersten Multiplikatoren in den Bereichen moderne Schweißtechniken und Industrieelektronik ausgebildet. In den Schweißkursen lernen bereits mit Elektroschweißen vertraute Teilnehmer neue Techniken wie Schutzgasschweißen und internationale Sicherheitsstandards kennen. Probleme mit Pipelines sind im Irak an der Tagesordnung.
Berufsbildung Made in Germany genießt bei den irakischen Partnerinstitutionen und Ministerien einen guten Ruf. Auch deshalb wurden die bislang angebotenen Trainingsmaßnahmen stark nachgefragt. InWEnt möchte das Programm bis 2008 verlängern und den Katalog der Kurse etwa um Angebote für Meß- und Regeltechnik, Computerwartung, Haushaltselektronik sowie Kälte- und Klimatechnik erweitern. Was der Irak zur Zeit am dringendsten braucht, ist Stabilität. Die erfolgreiche Durchführung dieser Maßnahmen kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten, sagen die Fachleute im irakischen Arbeitsministerium.
Joachim Hagemann
ist Projektleiter in der Abteilung Technologiekooperation, Systementwicklung und Management in der beruflichen Bildung von InWEnt.
joachim.hagemann@inwent.org
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