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 8-9/2005
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Wirtschaftsmythen:
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Joseph E. Stiglitz:
Die Roaring Nineties.
Der entzauberte Boom.
München, Goldmann 2005, 352 Seiten,
9,95 Euro, ISBN 3-442-15341-7
Nein, als Berater von Gerhard Schröder kann man sich Joseph Stiglitz nicht vorstellen. Doch warum eigentlich nicht? Warum fehlen im deutschen Sachverständigenrat für Wirtschaftsfragen Leute vom Kaliber des Wirtschaftsnobelpreisträgers von 2001? Die Frage ist um so berechtigter, als Stiglitz nicht nur Chefvolkswirt der Weltbank, sondern eben auch Mitglied eines Sachverständigenrates war in den USA unter Bill Clinton. Und wie Schröder zu Beginn seiner Amtszeit war auch Bill Clinton überzeugt, eine Wirtschaftspolitik zu betreiben, die das Zeitalter der Ideologien, der Interessengegensätze hinter sich gelassen hatte einer Politik des Konsenses, bei der sich alle Beteiligten über die richtigen Maßnahmen einig wären. Es war eine unsinnige Behauptung aber eine brillante Strategie für diejenigen, deren Interesse sie diente, lautet Stiglitz Fazit.
Stiglitz Kritik fällt vor allem dort schonungslos aus, wo er mit der von ihm mit formulierten Wirtschaftspolitik ins Gericht geht. Sein Buch geht der Frage nach, wie es zum Aktienboom der neunziger Jahre kommen konnte und wo die Ursachen für den anschließenden Crash zu suchen sind. Das Buch ist geprägt von Selbstkritik, geschrieben von einem US-Bürger, der tief besorgt ist über die Richtung, in die sich sein Land bewegt. Stiglitz treibt die Frage um, wie viel oder wie wenig Staat für eine gerechtere Gesellschaft notwendig ist. Er geht ihr nach, weil der intellektuelle Wettstreit hierüber auf immer mehr Länder übergreift. Vor allem aber sind es die Lehren aus der Wirtschaftspolitik der Clinton-Ära, die Stiglitz fruchtbar machen will die Einsicht etwa, dass die dem Boom folgende Wirtschaftskrise besonders jene Märkte heimsuchte, in denen die Deregulierung weit vorangetrieben worden war: den Energiesektor, die Kapitalmärkte, die Telekommunikation.
Ein spannendes und ehrliches Buch, aus einem aufklärerischen Impuls heraus geschrieben. Stiglitz ist der Überzeugung, dass unsere Demokratie nur funktionieren kann, wenn die Bürgerinnen und Bürger die grundlegenden Probleme ihrer Gesellschaften und die Arbeitsweise ihrer Regierungen verstehen. Dazu leistet er einen wichtigen Beitrag.
Es ist ein Vergnügen, Stiglitz zuzusehen, wie er mit wirtschaftspolitischen Mythen aufräumt. Steuersenkungen führen zu Produktivitätszuwächsen? Unsinn, sie wirken nur, wenn sie an tatsächliche Investitionen gekoppelt sind. Der Abbau von Regulierungen bringt mehr Wettbewerb, mehr Wachstum? Ein Irrweg, wenn die Politik vergisst, welches Marktversagen einst Anlass für die Regulierung gewesen ist. Die Privatisierung der Altersvorsorge setzt Produktivkräfte frei? Unfug, da bei einem staatlichen System viel geringere Transaktionskosten für Verwaltung, Vertrieb und Kontoführung anfallen.
Stiglitz argumentiert schlüssig, in einer vorbildlich klaren und präzisen Sprache. Sein Buch wäre noch überzeugender, hätte er den Mut aufgebracht, anhand von Beispielen zu erklären und mehr Belege für seine Aussagen zu liefern. Trotz dieser Einschränkung sind Die Roaring Nineties höchst lesenswert, versuchen sie doch, die Substanz der gängigen wirtschaftspolitischen Lehrsätze zu ergründen wenn es denn eine gibt.
Carel Mohn
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