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Wir sitzen nicht einfach da und warten auf Hilfe
Quadratur des Dreiecks
Wir brauchen konsistente nationale Strategien
Damit Arzneien ihren Zweck erfüllen
 8-9/2005
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Wir sitzen nicht einfach da und warten auf Hilfe
Laut Regierung sind sieben Prozent der erwachsenen Bevölkerung Tansanias mit HIV/Aids infiziert. Die Pandemie fordert die Behörden an mehreren Fronten. Zum einen setzt Prävention ein verändertes Verhalten voraus, zum Beispiel die Akzeptanz von Kondomen. Zum anderen muss der Gesundheitssektor ausgebaut werden, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Herman C. Lupogo, Leiter der tansanischen Aids-Kommission TACAIDS, sprach mit E+Z/D+C über diese Fragen.
[ Interview mit Herman C. Lupogo ]
Wird es Tansania gelingen, die Verbreitung von Aids in den nächsten zehn Jahren zu reduzieren?
Es gehört zu meinem Job, optimistisch zu sein. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir in den nächsten zehn Jahren einen großen Schritt weiterkommen. Ich sage das, weil ich sehe, wie die Menschen in den Städten und auf dem Land den Kampf gegen Aids aufnehmen. Das wird nicht umsonst sein, wir werden auf jeden Fall die Ansteckungsrate reduzieren.
Ist den Menschen in Tansania das Ausmaß der Katastrophe bewusst?
Ja, schon allein wegen der Krankheiten und Todesfälle, die in allen Dörfern vorkommen. Ich weiß von einem kleinen Ort, in dem es innerhalb einer Woche acht Beerdigungen nur wegen Aids gab. Das Problem ist, dass es abergläubische Menschen gibt, die denken, dass diese Krankheit Hexenwerk ist. Sie sind eine Minderheit, aber es gibt sie immer noch. Ein anderes Problem ist, dass viele Menschen aus den Städten in ihre Dörfer zurückkehren, wenn sie erkranken oder wenn sie merken, dass sie sich infiziert haben. Dort sterben sie dann, aber manchmal infizieren sie vorher noch ein paar andere. Die Dörfer tragen daher die Hauptlast sowohl der städtischen Pandemie als auch der lokalen Infektionen. Den Menschen ist das Problem sicher bewusst.
Hilft Ihnen die internationale Debatte über die Millenniumsziele in Ihrem Kampf gegen HIV/Aids?
Ich fürchte, die Debatte selbst hilft uns nicht sehr. Wohl aber die Handlungen, die aus ihr erwachsen. Mit anderen Worten: Wenn die MDG-Agenda dazu führt, dass wir mehr Unterstützung erhalten und wir diese gut nutzen und das werden wir , dann wird unser Volk besser über die Krankheit sowie über Gesundheitsfragen allgemein aufgeklärt. Unser Land muss außerdem mehr über ökonomische Entwicklung, Steigerung der Produktivität, das Funktionieren der Welt allgemein und die Erhöhung des Lebensstandards lernen. Wenn es uns beispielsweise gelingt, die Umwelt sauberer zu halten, dann steigt die Lebensqualität insgesamt. Und wenn die Lebensqualität steigt, dann wird auch die HIV-Infektionsrate sinken.
Aber auch gebildete Leute sind von HIV/Aids betroffen.
Tatsächlich hat eine vor kurzem von uns durchgeführte Umfrage gezeigt, dass die Infektionsrate unter den besser gebildeten Menschen ziemlich hoch ist. Das wirft die Frage auf, ob eine längere Zeit in der Schule tatsächlich mehr Bildung bringt oder lediglich bewirkt, dass man besser lesen und schreiben kann. Wenn Bildung, so wie sie die Millenniumsziele bringen sollen, dazu führt, dass wir mehr über uns selbst lernen, dann werden wir HIV entkommen.
Tun die Geber das, was sie tun sollten? Viele Geber unterstützen Tansania und beurteilen die Arbeit Ihrer Regierung sehr wohlwollend.
Ich finde es schwierig zu sagen, ob die Geber tun, was sie tun sollten. Wir formulieren unsere Pläne und Programme und fordern die Geber dazu auf, mitzumachen und uns zu unterstützen und das tun sie auch weitgehend. Tatsächlich machen immer weniger Geber einfach, was sie wollen. Stattdessen kommen sie zu uns und fragen, was wir erledigt haben wollen, und helfen uns dabei. Wir haben sie davon überzeugt, dass unsere Politik, die wir im November 2001 auf den Weg gebracht haben, sinnvoll ist. Der Schwerpunkt liegt auf Prävention, Versorgung und Behandlung, freiwilliger Beratung und freiwilligen Tests und der Wirkungsanalyse.
In welchem Zusammenhang steht die Aids-Bekämpfung mit anderen MDG-Zielen wie der Bekämpfung von Kinder- und Müttersterblichkeit oder Hunger?
Wenn man das Gesundheitssystem ausbaut, können Kinder besser versorgt werden, Mütter mit ihren Kindern besser versorgt werden, Malaria-Patienten besser versorgt werden und so weiter. Wenn das der Fall ist, passiert zweierlei: Weniger Krankheiten verlaufen tödlich, und weniger Todesfälle bedeuten weniger Waisen. Indem sie zu erhöhter Aufmerksamkeit und verbesserter Aufklärung beitragen, unterstützen die anderen Millenniumsziele auch die HIV/Aids-Prävention. HIV/Aids an sich aber bleibt eine furchtbare Belastung für unser Land und für die gesamte Menschheit.
Die Bekämpfung der Müttersterblichkeit hat viel mit dem weiblichen Körper zu tun und damit, Frauen die Möglichkeit zu geben, für sich selbst zu sorgen. Welche Rolle spielt das Thema HIV/Aids in diesem Zusammenhang?
HIV/Aids stört diesen Prozess. Frauen zögern, Tests zu machen, um herauszufinden, ob sie infiziert sind. Infizierte schwangere Frauen etwa stehen vor großen Problemen. Das Risiko, dass sie ihre Kinder anstecken, liegt bei 30 bis 40 Prozent. Und wahrscheinlich sterben sie früh und lassen kranke Waisen zurück. Wenn unsere Präventivmaßnahmen greifen, lindern wir dieses Problem. Aber um Erfolge zu erzielen, brauchen wir eine bessere medizinische Versorgung, zu der auch antiretrovirale Medikamente (ARVs) gehören. All diese Fragen sind eng miteinander verknüpft; wir können HIV/Aids nicht als isoliertes Problem betrachten. Viele Aids-Fälle gehen mit Tuberkulose oder Malaria einher. Und kranke Eltern können nicht gut für ihre Kinder sorgen manchmal schaffen sie es kaum, ihnen genug zu essen zu geben.
Antiretrovirale Arzneien sind teuer. Die Pillen kosten grob geschätzt einen Dollar pro Patient und Tag selbst wenn relativ preiswerte Generika benutzt werden. Das sind 365 Dollar pro Patient im Jahr. In Tansania liegt das jährliche Pro-Kopf-Einkommen nur bei 290 Dollar.
Aus diesem Grund hat die Regierung beschlossen, die Patienten kostenlos mit ARVs zu versorgen.
Dafür brauchen Sie die Unterstützung von Gebern. Allein können Sie das nicht finanzieren.
Wir nutzen auch unsere eigenen Mittel. Als wir mit ARVs anfingen, erhielten wir zwei Millionen Dollar aus der Staatskasse, um die ersten Medikamente zu kaufen. Das war Geld von der Regierung. Wenn wir unser eigenes Geld für eine bestimmte Maßnahme ausgeben, dann sehen die Geber, dass wir es ernst meinen. Und dann fällt es ihnen leichter, uns zu unterstützen. Wir sitzen nicht einfach da und warten auf Hilfe. Wir tun etwas, um zu zeigen, dass wir Unterstützung verdienen.
Wer finanziert das ARV-Programm?
Unser Gesundheitssektor erhält Unterstützung von der gesamten Gebergemeinschaft. Bei den ARVs helfen uns der Global Fund, die Weltbank, Kanada, skandinavische Länder sowie die Gates- und die Clinton-Foundation. Es hängt jedoch alles von unseren Programmen ab. In den nächsten fünf Jahren wollen wir bis zu 400 000 Menschen mit ARVs versorgen. Die Geber haben sich in der Zusammenarbeit mit uns sehr flexibel gezeigt.
Sie sehen die Finanzierung also nicht als das Hauptproblem obwohl einige Experten schätzen, dass die Versorgung von 400 000 Patienten mit generischen Arzneien soviel kosten wird wie Tansanias gesamtes Gesundheitsbudget für das Jahr 2005.
Die Finanzierung mag schwierig sein, aber wir sind optimistisch, dass wir es mit unseren eigenen Ressourcen und der Unterstützung, die uns zugesagt worden ist, schaffen werden. Es gibt andere Herausforderungen, die mindestens ebenso gewaltig sind: die Ausbildung von ausreichend Gesundheitspersonal zum Beispiel, das die Patienten diagnostisch und unterstützend betreut. Es ist ein harter Kampf, aber wir sind fest entschlossen zu gewinnen.
Die größte Herausforderung ist möglicherweise die Prävention, also echte Verhaltensänderungen zu bewirken. Das ist überall in der Welt eine schwierige Aufgabe. In homosexuellen Kreisen in westlichen Ländern gab es solche Verhaltensänderungen, indem dort der Gebrauch von Kondomen akzeptiert wurde. Sehen Sie Anzeichen für eine ähnliche Verhaltensänderung in Tansania?
Ich sehe einen solchen Wandel und zwar erkenne ich ihn daran, dass wir nicht genügend Kondome importieren. Die Nachfrage nach Kondomen ist sowohl in den Städten als auch auf dem Land sehr groß. Das zeigt, dass den Leuten durchaus bewusst ist, wie man die Verbreitung von HIV verhindern kann. Noch vor fünf Jahren sprach niemand über Aids, heute aber wissen etwa 90 Prozent, wie die Krankheit verbreitet wird.
Der Gebrauch von Kondomen ist also nicht mehr tabu?
Nein.
War es denn ein Tabu?
Nein, war es nicht. Ich kann mich daran erinnern, in den 50er Jahren Kondome gesehen zu haben, die zur Empfängnisverhütung benutzt wurden. Manche Leute nutzten sie auch, um sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis zu schützen. Aber seit HIV ein Thema ist, stehen Kondome höher im Kurs. Sie sind heute viel gefragter als früher.
Tansania ist ein multikulturelles Land mit mehr als 120 verschiedenen ethnischen Traditionen. Das macht es sicher schwer, eine gemeinsame Auffassung zu wünschenswertem Sexualverhalten zu erreichen. Und wahrscheinlich ist diese Frage in den Städten einfacher anzugehen als in den ländlichen Gemeinden.
Das Problem ist uns bewusst, und wir haben daher beschlossen, die lokale Verwaltung stärker einzubeziehen. Ob in städtischen oder ländlichen Gebieten jeder gehört zum Verwaltungsbereich einer lokalen Autorität. Und diese Autoritäten wissen am besten, was gut für ihre Gemeinden ist. Auf dem Land sind sie stark tribal orientiert, weil dort die Stammesgruppen leben. In den Städten sind die Menschen weltoffener. Lokale Autoritäten haben es leichter, mit ihren Gemeinden umzugehen, weil sie normalerweise selbst von dort kommen. Sie haben mehr Verständnis und die Menschen hören eher auf sie als auf einen Fremden, der von weit her kommt. Die politische Dezentralisierung wird ihre Wirkung haben.
Apropos unterschiedliche Traditionen und Werte: Die katholische Kirche ist gegen den Gebrauch von Kondomen. Wie sehen Sie das?
Natürlich hat die katholische Kirche Recht, wenn sie fordert, dass es keinen Sex außerhalb der Ehe geben sollte. Das ist ein moralischer Standpunkt, aber leider ist es auch ein Ideal. Mir ist bewusst, dass sehr viele Leute Katholiken und Menschen anderer Überzeugungen Sex außerhalb der Ehe haben. Deshalb sagen wir hier in Tansania: Wenn sie schon unerlaubten Sex haben, dann können sie ebensogut Kondome benutzen, damit sie sich nicht anstecken. Das Ideal ist: keine Kondome. Aber die Realität fordert: Bitte benutze sie, wenn du sündigst.
Die Fragen stellte Hans Dembowski.
Herman C. Lupogo
ist General a. D. Seit Dezember 2000 ist er Vorsitzender der
Tanzania Commission for AIDS (TACAIDS).
hlupogo@yahoo.com
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