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Editorial
 8-9/2006
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Echtes Leben
Es kommt auf kommunale Angelegenheiten an. All politics is local, lautet ein altbekanntes Politikersprichwort aus den USA. In Deutschland wissen wir, dass politische Parteien Regierungsfähigkeit zunächst in Städten und Gemeinden trainieren und sich dann in den Ländern bewähren müssen, bevor sie reif für die Verantwortung im Bundeskabinett werden.
Auch Entwicklungspolitiker verstehen seit langem, dass Erfolg nicht allein und nicht in erster Linie von nationalen Regierungen abhängt. Spätestens seit die Fachwelt auf die Strategie der integrierten ländlichen Entwicklung setzte, hat sie sich auch ein Stück weit aus den Hauptstädten verabschiedet. Zeitweilig verdrängte ein rural bias den urban bias, der genau besehen freilich zunächst ein postkolonialer capital bias war. Jahrzehnte später steht fest, dass Erfolg in Agrarregionen nicht völlig ausblieb, er aber längst nicht so umfassend ausfiel wie erhofft. Heute ist klar: Ob auf dem Land, in Ballungsräumen oder den Ministerialbezirken der Hauptstädte, Defizite der Amts- und Regierungsführung prägen allzu oft den lokalen Alltag. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit eines Staates nicht nur, aber besonders in Entwicklungsländern.
Viele Journalisten sagen, dass echte Leben finde im Lokalteil statt. Gern erzählen Kollegen mit prestigeträchtigen Posten von ihren Karriereanfängen in einer Provinzredaktion. Sie schwärmen davon, wie sie nach dem Gemeinderatstermin noch zum Schützenfest mussten und dann kurz vor Mitternacht noch angetrunken zu einem Feuerwehreinsatz eilten. In den Lokaljournalismus wollen sie aber nicht zurück. Er ist nämlich ähnlich wie die Lokalpolitik besonders anstrengend.
Über das, was am Heimatort los ist, reden alle mit, ob sie nun eine Ahnung haben oder nicht. Wer vor Ort mitwirken will, ist immer im Dienst und genießt keine Privatsphäre. Nicht geschmeidige Profis sind die wichtigsten Gesprächspartner, nötig ist der Kontakt zu Ehrenamtlern mit ausgeprägten Ticks und Profilneurosen, die erst nach Feierabend zu erreichen sind.
Gewalt und Kriminalität wirken aus der Ferne schaurig-interessant. Vor der eigenen Haustür ist derlei dagegen nur bedrohlich. Über soziale Gerechtigkeit lässt sich trefflich philosophieren, arme Menschen leben aber immer an irgendeinem Ort. Unartikulierter Zorn mag viele Bürger umtreiben, Demonstrationen oder gar aggressiver Protest sind dagegen lokalisiert.
Ob ein Gemeinwesen funktioniert, wissen seine Bürger aus dem Alltag. Lernen die Kinder in der Schule, was sie im Leben brauchen? Stehen Ärzte und Krankenhäuser im Notfall bereit? Klärt die Justiz Streitfälle zügig und fair? Taugt die Polizei wirklich als Freund und Helfer? Fühlen wir uns am Heimatort überall sicher? Fließt trinkbares Wasser aus der Leitung? Sind die Straßen befahrbar, Busse und Bahnen zuverlässig? Wo viele Bürger solche Fragen mit Nein beantworten, herrschen schwere Entwicklungsdefizite vor.
Dennoch kreist der Governance-Diskurs der internationalen Finanzinstitutionen seit einiger Zeit vor allem um Budgetprozesse, Rechnungshöfe und administrativ korrekten Mittelabfluss und zwar überwiegend auf der nationalen Ebene. Derlei ist für Geber vergleichsweise leicht zu beurteilen. Genuin politische Entscheidungen sind in der Tat kniffliger. Aber die Geber riskieren, die entscheidende lokale Dimension wieder aus dem Blick zu verlieren. Es wäre ratsam, auch den Leitsatz all governance is local zu beherzigen.
Dr. Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit/
D+C Development and Cooperation
euz.editor@fsd.de
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