Beiträge aus der Rubrik
Medien


Fantu Cheru, Colin Bradford Jr. (Hg.): Finanzierung der Millenniumsziele

Andreas Mehler, Henning Melber u.a. (Hg.): Afrika-Jahrbuch 2004

Franz Kolland, August Gächter (Hg.): Einführung in die Entwicklungssoziologie

OECD (Hg.): Klimawandel und Entwicklung


8-9/2006
 

Die Millenniumsziele:
Große Rhetorik, aber erreichbar

Fantu Cheru und Colin Bradford Jr. (Hg.):
The Millennium Development Goals:
Raising the Resources to Tackle World Poverty.
Zed Books, London 2005, 238 S., 18,95 Pfund, ISBN 1-84277-735-1

Charles McCreevy kämpft dafür, dass eine Überweisung von München nach Malmö oder Malaga künftig genauso viel kostet wie von München nach Münster, nämlich praktisch nichts. Mit der Schaffung eines schrankenlosen europäischen Zahlungsverkehrs will der EU-Wettbewerbskommissar helfen, die EU weltweit wettbewerbsfähig zu machen. Auf globaler Ebene gibt es keinen Charles McCreevy. Aber zur Verwirklichung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen, wonach bis 2015 die Armut weltweit halbiert und die Lebensbedingungen der Ärmsten nachhaltig verbessert werden sollen, würde der Abbau der enormen Kosten für Überweisungen in die Heimatländer von Migranten durchaus beitragen.

Sind die Millenniums-ziele erreichbar? Und wie lassen sich die erforderlichen Finanzmittel aufbringen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des von Fantu Cheru und Colin Bradford herausgegebenen Sammelbandes. Dafür, dass das Buch die Ergebnisse einer Konferenzreihe zusammenfasst, ist das Resultat überzeugend. Es liest sich nicht wie die übliche dröge Konferenzliteratur, sondern so, als wäre es von Anfang an als Publikation aus einem Guss konzipiert gewesen.

Zu diesem überzeugenden Gesamteindruck trägt die historische Einordnung der Millenniumsziele in den ersten beiden Kapiteln bei. Sie hebt sich wohltuend von jener ausgesprochen ahistorischen Perspektive ab, die rund um den Jahrtausendwechsel auch die entwicklungspolitische Debatte geprägt hat. Und sie ist ermutigend, legt doch die Erfahrung seit Beginn der Industrialisierung in Europa nahe, dass die Millenniumsziele nicht nur ein PR-Begriff, sondern durchaus erreichbar sind. Die einleitenden Kapitel fassen den entwicklungspolitischen Ansatz der Ziele wohltuend nüchtern zusammen, ohne in Banalitäten zu verfallen.

Es folgt eine durchweg fundierte Diskussion darüber, wie sich die Mittel zur Verwirklichung der Millenniumsziele aufbringen lassen. Den skeptisch gestimmten Leser wird die Grundrichtung des Buchs optimistischer machen: Es kann, so die Botschaft, nicht einfach um eine Steigerung der staatlichen Entwicklungshilfe gehen. Ohnehin sind diese Mittel so schwankend und unzuverlässig wie keine andere Einkommensquelle, wie Andrés Solimano aufzeigt. Vielmehr kommt es darauf an, bisher wenig beachtete Potenziale zu erschließen und in die Millenniumsstrategien zu integrieren.

Dazu zählen die erwähnten Zahlungen von Migranten und Gastarbeitern ebenso wie die Mobilisierung vorhandenen Kapitals in den Entwicklungsländern selbst, etwa mittels Steuerreformen. Auch die Entschuldungsdebatte wird in den Blick genommen. So argumentieren Nancy Birdsall und Brian Deese, Schuldenerlassen im Vergleich zu finanzieller oder technischer Hilfe einen deutlich höheren Stellenwert einzuräumen. Schließlich entfallen hier hohe Transaktionskosten und werden Mittel frei, die den Empfängerländern direkt und ohne den immensen Koordinationsaufwand klassischer Entwicklungshilfe zur Verfügung stehen.

Fazit: Die Millenniumsziele mögen von zuweilen überspannter Rhetorik begleitet sein. Doch dass viele zum Teil unspektakuläre, zum Teil noch unerschlossene, in jedem Fall aber gangbare Wege zu diesen Zielen führen, steht für die Autoren außer Frage.

Carel Mohn