Beiträge aus der Rubrik
Medien


Fantu Cheru, Colin Bradford Jr. (Hg.): Finanzierung der Millenniumsziele

Andreas Mehler, Henning Melber u.a. (Hg.): Afrika-Jahrbuch 2004

Franz Kolland, August Gächter (Hg.): Einführung in die Entwicklungssoziologie

OECD (Hg.): Klimawandel und Entwicklung


8-9/2006
 

Mehr Sammelsurium als Einführung

Franz Kolland und August Gächter (Hg):
Einführung in die Entwicklungssoziologie. Strukturen, Prozesse, Methoden.
Wien, Mandelbaum Verlag 2005, 200 S., 14,00 Euro, ISBN 3-85476-138-4

Versprochen war eine Einführung in die Entwicklungssoziologie, in ihre Themen, Methoden und Analysen. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße: Herausgekommen ist ein Sammelband mit elf sehr unterschiedlichen Beiträgen, die von Weltbevölkerung bis Gesundheit, von Bildung bis Sozialkapital, von „Sex-Gender-Development“ bis Vielfalt von Familie und Haushalt reichen. Ein roter Faden ist nicht erkennbar, und es fehlt eine Begründung, warum gerade diese Themen ausgewählt wurden, um „Lesern ohne besondere Vorkenntnisse . . . grundlegende Einblicke in das Forschungsgebiet der Entwicklungssoziologie zu geben“. Die beiden Herausgeber unternehmen im gerade einmal zweiseitigen Vorwort gar nicht den Versuch, Kernthesen, gemeinsame Fragestellungen oder den Zusammenhang der einzelnen Texte zu skizzieren. Das ist ärgerlich, in Sammelbänden jedoch immer öfter anzutreffen und häufig ein Hinweis auf die Zufälligkeit der Beiträge.

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, findet in dem Buch einzelne kenntnisreiche Einführungen. So zeichnet Franz Kolland die Entstehung des umstrittenen Entwicklungsbegriffs nach und führt in die Hauptströmungen des soziologischen Denkens über sozialen Wandel ein. Auch Saskia Sassens Beitrag zu „Global Cities and Survival Circuits“, der einzige in englischer Sprache, ist empfehlenswert. Er gibt Einblicke in das Werk einer der profiliertesten Autorinnen zum Thema Soziologie der Stadtentwicklung.

Margarita Langthaler zeichnet in einem präzisen Überblick über Bildung im Süden die postkoloniale Bildungsdebatte nach. Sie kritisiert Modelle, die Bildung auf Ausbildung reduzieren und Armut allein auf fehlende Bildung zurückführen. Die Abschnitte über Paulo Freires pädagogische Bewegung machen deutlich, dass viele von deren Kernelementen nach 40 Jahren eine Renaissance verdienten – zum Beispiel der Ansatz, die Lebenswelt des Lernenden zum Ausgangspunkt von Lernprozessen zu machen.

Im letzten Beitrag singt Andreas J. Obrecht ein Loblied auf die „partizipative Entwicklungsforschung zwischen Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit“. Auf der Grundlage eines zweimonatigen Einsatzes in Sri Lanka nach dem Tsunami teilt er flott die Entwicklungswelt ein in „einseitige Expertokratie“ auf der einen Seite und die „umso spannendere“ Entwicklungsforschung auf der anderen Seite. Seine Bemerkungen zur Arbeit der „Betonierer-Fraktion“ und der „Idealisten-Fraktion“ in Sri Lanka verdeutlichen manche Dilemmata der Humanitären Hilfe. Aber das kritische Urteil über die Helfer bleibt gewagt. Immerhin betont der letzte Satz des Beitrags und somit des Buches: „Neben all dem akademischen Interesse und neben aller Abenteuerlust ist es zudem nicht nur persönlich bereichernd, sondern tatsächlich sinnvoll, wenn gemeinsames Handeln zur Minderung von Leid, Armut und struktureller Ausbeutung führt.“ Da kann der Leser am Ende erleichtert aufatmen.

Hinrich Mercker