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 8-9/2006
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[ Friedensmissionen ]
Zivil-militärische
Berührungsängste unbegründet
Zivile Hilfsorganisationen in Konfliktregionen sollten enger mit internationalen Militärmissionen zusammenarbeiten. Prinzipielle Berührungsängste gegenüber Soldaten, wie sie vor allem in den Hauptquartieren vieler Organisationen vorherrschten, seien nicht angebracht. An den Einsatzorten seien die Helfer oft viel pragmatischer eingestellt und kooperierten je nach Bedarf und Möglichkeiten mit dem Militär. Die Gefahr für die Helfer, in gewaltsame Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden, erhöhe sich dadurch nicht. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie zur zivil-militärischen Zusammenarbeit in Afghanistan und Liberia, die eine Forschergruppe für die niederländische Hilfsorganisation Cordaid erstellt hat.
Nach Einschätzung von befragten NRO-Mitarbeitern in Afghanistan und in Liberia besteht zwischen der Gefährdung von Hilfsorganisationen und der Zusammenarbeit mit den Militärmissionen ISAF (Afghanistan) und UNMIL (Liberia) kein unmittelbarer Zusammenhang. Es ist zu bezweifeln, dass liberianische Rebellen Buch darüber führen, welche Organisationen mit UNMIL kooperieren und welche nicht, heißt es in der Studie. Bei den Helfern vor Ort überwiege die Ansicht, die Risiken von humanitärer Hilfe in Konfliktgebieten seien abhängig von der allgemeinen Sicherheitslage und hätten wenig damit zu tun, wie nah oder fern man dem Militär stehe.
Insgesamt seien in Afghanistan und Liberia lokale NROs den Soldaten offener gegenüber eingestellt als ausländische Organisationen. Das habe vor allem pragmatische Gründe: Die meisten NROs aus reichen Ländern könnten es sich finanziell eher leisten, auf ihre Unabhängigkeit von den Militärmissionen zu bestehen. Viele lokale Organisationen hätten aber auch ein anderes Verständnis von humanitärer Hilfe: Für sie komme es nicht so sehr darauf an, ob die Hilfe von zivilen Helfern oder von Soldaten kommt. Ausländische Organisationen dagegen halten häufig am Prinzip einer neutralen, unpolitischen Hilfe fest, das ihrer Ansicht nach durch eine zu große Nähe zum Militär gefährdet würde. Die Autoren fragen aber, ob es eine derart unverfälschte Hilfe jemals gegeben hat.
Die Skepsis von Hilfsorganisationen gegenüber dem Militär ruht außerdem auf der Annahme, die Bevölkerung begegne zivilen Helfern grundsätzlich freundlicher als Soldaten. Die Cordaid-Studie kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Insgesamt seien in Afghanistan und Liberia ISAF und UNMIL höher angesehen als die vielen internationalen Hilfsorganisationen, denen häufig mangelnde Transparenz, Verschwendung und die Nichteinlösung von Versprechen vorgeworfen werde. Nicht nur das Militär, auch die NROs müssten die Herzen der Menschen erobern, so die Studie.
Dass es sowohl für Soldaten als auch für zivile Helfer in Afghanistan, vor allem im Süden, gefährlicher sei als in Liberia, spiegelt für die Autoren einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden Missionen. Der Friedensschluss und der folgende UN-Einsatz in Liberia seien von den einheimischen Akteuren weitgehend eigenständig vereinbart worden, wenn auch begleitet von internationaler Diplomatie. Die Afghanistan-Mission dagegen sei das Ergebnis der US-geführten Invasion 2001/2002 und des Siegs bestimmter afghanischer Fraktionen über andere einheimische Kräfte. Deshalb sei die Stimmung gegen die Einmischung von außen feindseliger als in Liberia.
In der Praxis weise die zivil-militärische Zusammenarbeit in beiden Ländern viele Mängel auf. Es gebe insgesamt keine durchdachte Arbeitsteilung, in Afghanistan noch weniger als in Liberia, wo zivile Helfer und Soldaten unter dem gemeinsamen Dach der UN-Mission UNMIL operierten. Problematisch sei zum Beispiel, wenn das Militär auf eigene Faust zivile Hilfsprojekte durchführe, um seinen Status bei der Bevölkerung zu verbessern (hearts-and-minds strategy). Aus entwicklungspolitischer Sicht seien diese Projekte häufig von zweifelhaftem Wert.
Die Autoren empfehlen, zivile Helfer und Soldaten müssten stärker gemeinsam auf Einsätze vorbereitet werden und ihre Kontakte intensivieren, nicht nur in den Einsatzgebieten, sondern auch zu Hause. Das würde Vorurteile und Berührungsängste abbauen und die gemeinsame Arbeit vor Ort verbessern. (ell)
Im Internet:
http://www.cordaid.nl
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