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UNDP-Report: Nicht durchdacht

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10/2004
 

UNDP-Report: Nicht durchdacht

Eine Hauptstärke des Human Development Report war bislang die klare Begrifflichkeit. Entwicklung bedeutet demnach, möglichst viele Menschen in die Lage zu versetzen, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Dafür brauchen Individuen Geld, Wissen, Fitness. Der stimmig konzipierte Human Development Index beruht denn auch auf Kennzahlen für Einkommen, Bildung und Gesundheit. Er hat zum Erfolg des jährlichen Reports des United Nations Development Programme (UNDP) erheblich beigetragen. Allerdings weicht der diesjährige Bericht in seiner Tendenz von der Orientierung an individuellen Rechten ab. Formal geht er zwar von der kulturellen Selbstbestimmung des Einzelnen aus, doch dann verheddert er sich mit seiner Forderung nach Rechten für Gruppen und Gemeinschaften.

Dabei ist der Appell, die Politik müsse sich auf multikulturelle Realitäten einstellen, korrekt. Wie das UNDP richtig betont, schaffen sich Menschen multiple Identitäten. Die exklusive Betonung eines Aspekts (Sprache, Ethnie, Religion, Heimat) bietet keine Grundlage für stabile Staatswesen und inneren Frieden. Die Vorstellung von Staaten als der Organisationsform ethnisch, religiös und kulturell homogener Gesellschaften trügt. Diversität ist der Normalfall – und zwar selbst in Europa, dem Kontinent, in dem Nationalstaaten noch am ehesten ethnisch definiert sind.

Das partnerschaftliche Zusammenleben verschiedener kultureller Gemeinschaften aber wirft Fragen auf, mit deren Beantwortung es sich das UNDP zu leicht macht. Sicherlich stimmt der Hinweis, dass eine bilinguale Schulerziehung die Entwicklung von Kindern fördern kann. Sie bremst Heranwachsende jedoch, wenn das Bildungswesen seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Das aber ist in vielen Ländern der Fall. Deshalb überzeugt die proklamierte Vorbildrolle der indischen Sprachen-politik nicht. Das indische Schulwesen garantiert nicht, dass jedes Kind seine Muttersprache lesen und schreiben lernt. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass neben der Amtssprache Hindi und der Weltsprache Englisch auch die jeweilige Regionalsprache ihren offiziell anerkannten Platz hat.

Noch problematischer ist die Forderung nach juristischem Pluralismus. Sicher ist es möglich, Raum für ethnische oder religiöse Rechtspraktiken zu lassen. Aus pragmatischen Gründen ist das in abgelegenen Regionen mit schwacher staatlicher Infrastruktur sinnvoll. Wo der Staat versagt, gibt es zum traditionellen Recht nur die Alternative der völligen Rechtlosigkeit. Allerdings stehen in dem Bericht zwei Forderungen unvermittelt nebeneinander. Einerseits sollen rechtspluralistisch gruppenspezifische Regeln anerkannt, andererseits Menschenrechte respektiert werden. Dabei zeigt der Alltag vieler Frauen, dass traditionelle Konventionen nicht unbedingt mit modernen Menschenrechtsvorstellungen übereinstimmen. In der UNDP-Studie fehlt jeder Hinweis, wie letztere dann durchgesetzt werden sollen.

Ähnlich fragwürdig ist die Favorisierung von Quoten, um benachteiligte Gruppen zu stärken. Die Erfahrung zeigt, dass affirmative action den Lebensstandard der Gemeinschaft insgesamt nicht verbessert. Wenn die Kinder schwarzer Ärzte dank reservierter Studienplätze leichter als weißer Nachwuchs den elterlichen Beruf ergreifen können, schürt das eine Generation später neue Ressentiments. Langfristig ist es vermutlich klüger, die Förderung an die sozioökonomische Situation der jeweiligen Familie zu knüpfen.

Das UNDP spricht wichtige Fragen an – die Antworten sind aber nicht immer durchdacht. Einige Anregungen sind wertvoll, darunter der Hinweis, dass die staatliche Unterdrückung von religiös, sprachlich oder auf sonstige Art und Weise definierten Gemeinschaften eher hartnäckigen Widerstand weckt als prosperierende Gemeinwesen fördert. Was zu tun ist, wenn Fanatiker auf der Basis von exklusiv verstandenen Identitäten gegen Demokratie und Menschenrechte mobilisieren, vermag auch das UNDP nicht zu sagen. Es baut darauf, dass Radikale, kommen sie einmal an die Macht, zur Mäßigung neigen. Auf Beispiele, in denen das nicht der Fall war (Gujarat, Iran, Hitler-Deutschland) wird nicht eingegangen.

Letztlich lässt der Human Development Report 2004 die zentrale Frage offen: Wie entsteht das Vertrauen, das gemeinsames Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft ermöglicht? Was das UNDP empfiehlt, mag nützlich sein – seine Rezepte greifen aber nur, wenn schon einiges an Kooperationsbereitschaft gegeben ist.

Hans Dembowski





United Nations
Development Programme (Hg.):
Human Development Report 2004.
Kulturelle Freiheit in unserer
Welt der Vielfalt.
Bonn, UNO-Verlag 2004, 318 Seiten,
27,90 Euro, ISBN 3-923904-57-6