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ASA-Projekt fördert EZ-Nachwuchskräfte

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„Das Interesse der meisten Regierungen ist enorm“


10/2004
 

[ EU-Erweiterung ]

ASA-Projekt fördert EZ-Nachwuchskräfte

Die Integration von alten und neuen EU-Mitgliedsstaaten bietet große Chancen für eine in der Zivilgesellschaft verankerte europäische Entwicklungszusammenarbeit. GLEN, das „Global Education Network of Young Europeans“, ein Projekt des ASA-Programms von Inwent, leistet dazu einen praktischen Beitrag. Das gemeinsam mit Partnern aus Mittel- und Osteuropa gestartete Projekt fördert den gemeinsamen entwicklungspolitischen Erfahrungserwerb von NRO-Nachwuchskräften aus Deutschland und den neuen Mitgliedsländern.


[ Von Albrecht Ansohn ]

Kostelecke Horky im Mai 2004. Im alten Schulgebäude des kleinen Dorfes in der Nähe von Brno herrscht reger Seminarbetrieb. Fünf Tage lang bereiten sich 50 junge Europäerinnen und Europäer aus Deutschland, Polen, Tschechien, der Slowakei, Litauen, Lettland und Estland im Quartier der tschechischen Freiwilligenorganisation Inex-SDA gemeinsam auf ihre Aufenthalte in Afrika und Asien vor. Als binationale Zweierteams werden sie drei Monate lang in entwicklungspolitischen Projekten in Asien und Afrika mitarbeiten.

Die jungen Leute gehören zum ersten Jahrgang eines Pilotprojekts mit Namen GLEN („Global Education Network of Young Europeans“), das engagierten Studenten und jungen Berufstätigen aus Deutschland sowie den EU-Beitrittsländern gemeinsame Erfahrungen im Süden ermöglicht. Initiator des Projekts ist das ASA-Programm von InWEnt („Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Lateinamerika, Asien und Südosteuropa“). Seit über 40 Jahren steht ASA für entwicklungspolitischen Erfahrungsgewinn. Traditionell bereiten sich Studierende und nicht-akademische Berufstätige gemeinsam auf Praktika in Entwicklungs- und Schwellenländern vor, die sie stets zu zweit absolvieren.

Die aktuellen entwicklungspolitischen Kontroversen über Personalentsendung und Asymmetrien in der Zusammenarbeit haben ASA dazu bewogen, seinen Fokus zu verlagern. Stand viele Jahre lang die Gewinnung von Nachwuchskräften für die EZ im Mittelpunkt, versteht sich ASA heute als Lernprogramm, das Nachwuchskräfte aus den verschiedensten sozialen und beruflichen Feldern zu global vernetztem und nachhaltigem Denken und Handeln anregt.


EU – weltweit größter Geldgeber

Und das wird vielfach benötigt. Die EU spielt bei der Entwicklungsförderung eine bedeutende Rolle. Sie vergibt mehr als die Hälfte der gesamten öffentlichen Mittel und ist größter Geldgeber weltweit. Andererseits werden entwicklungspolitische Belange immer mehr mit sicherheitspolitischen Aspekten verknüpft. Auch deshalb ist zu begrüßen, wenn Nichtregierungsorganisationen sich verstärkt des Themas Entwicklungspolitik annehmen.

Die neuen EU-Mitgliedsstaaten bringen hier ihre eigenen Erfahrungen in die größer gewordene Gemeinschaft ein. Historisch bedingt, konzentrierte sich diese auf einige wenige Staaten des Südens. Zu realsozialistischer Zeit stand statt der Bekämpfung der Armut oder der Förderung einer nachhaltigen Entwicklung die technische und militärische Kooperation im Vordergrund. Die aktuelle EZ der EU erfordert andere Fertigkeiten.

Als ASA 2002 mit Unterstützung von Trialog (Wien), der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und der Staatskanzlei Hamburg die ersten Kontakte nach Tschechien, Estland und Litauen knüpfte, war dieser Schritt bei den jungen Ehrenamtlichen, die das ASA-Programm mitgestalten, durchaus umstritten. Bedenken, eine Öffnung nach Osten könne zu Lasten der Partner im Süden gehen, vermischten sich mit Unsicherheiten gegenüber einer Region und deren Menschen, die bis dahin nur einem Bruchteil der weitgereisten deutschen ASA-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer bekannt war.

Eine Meinungsumfrage lieferte dazu beunruhigende Begleitdaten. Wenige Deutsche kennen ihr Nachbarland Polen. Und: Die Sympathiewerte sind die geringsten aller Nachbarländer. Vor diesem Hintergrund stellt das gemeinsame Engagement junger Nachwuchskräfte für globale Entwicklungsfragen über die alten west-östlichen Grenzen hinweg ein symbolträchtiges Experiment dar.


Erfahrung verbindet

Menschen wie Anda Vaice und Draginja Nadazdin trugen dazu bei, dass sich die Bedenken seit den ersten gemeinsamen Workshops 2002 in breite Zustimmung verwandelten. Beide gehören zur jungen Generation zivilgesellschaftlicher Aktivisten in den östlichen Beitrittsländern. Mit geringen Mitteln, aber viel professionellem Einsatz, packen sie in ihren Ländern neue Themen an – und schwimmen dabei oftmals gegen den Strom.

Anda Vaice, Studentin in Kommunikation und Projektmanagerin in der NRO Strategy im lettischen Valmiera, sagt dazu: „Viele Menschen leiden noch unter dem raschen Transformationsprozess vom Kommunismus zur Demokratie, von der Plan- zur Marktwirtschaft. Der Begriff Entwicklungszusammenarbeit steht hier noch nicht auf der öffentlichen Agenda. Nach der Unabhängigkeit hatten zunächst die individuellen als auch die nationalen Probleme Vorrang.“

„Das mangelnde Interesse an globalen Fragen ist auch aus der geringen Zahl von Flüchtlingen und Migranten in Polen zu erklären. Außerdem können sich junge Polen in der Regel keine Reisen in Entwicklungsländer leisten. Deswegen gibt es kaum Alltagskontakte zwischen Menschen aus Polen und aus dem Süden“, sagt Draginja Nadazdin. Die junge Sozialwissenschaftlerin arbeitet bei der GLEN-Partnerorganisation PAH („Polska Akcija Humanitarna“). PAH entstand 1995 im Rahmen von Hilfstransporten nach Sarajewo. Heute ist sie die größte und dynamischste entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation Polens.

Die Konstituierung der entwicklungspolitischen Szene verläuft in den neuen EU-Ländern in unterschiedlichen Tempi. In Tschechien und der Slowakei boten sich gut organisierte NRO-Plattformen als Ansprechpartner für das GLEN-Projekt an. In den baltischen Staaten entwickelt sich das Interesse an globalen Fragen dagegen erst langsam aus der Umweltbewegung und Initiativen für die Rechte von MigrantInnen heraus. Viele der neuen NRO haben ihre Wurzeln in der Bürgerbewegung oder den Kirchen. Bewusst grenzen sie sich von den Parteien ab. Die aus der alten realsozialistischen EZ hervorgegangenen Organisationen stehen – soweit sie überlebt haben – am Rande dieses Konstituierungsprozesses zivilgesellschaftlicher EZ. Viele verfügen bis heute aber über gute Kontakte in die alten Partnerländer wie Angola, Kuba oder Vietnam.


Bewusstsein für globale Probleme schaffen

Sämtliche GLEN-Partnerorganisationen leben von Projektgeldern, die sie meist bei internationalen Organisationen akquirieren. Die Mittel für eigenes Capacity Building und entwicklungspolitische Lobbyarbeit müssen sie mit ihren Projekten erwirtschaften. Für „Strategy“ in Lettland, bisher vor allem in sozialen und Minderheitenfragen aktiv, war GLEN eine Art Katalysator: „Durch GLEN gehörten wir zu den ersten in Lettland mit praktischer Erfahrung auf dem Feld der EZ. Das ermöglichte uns, im Juni 2004 an führender Stelle die Gründung einer entwicklungspolitischen NRO-Plattform mit zu betreiben.“

Die Attraktivität von GLEN liegt für die Partner in zwei Kernelementen des Programms. Die gemeinsamen Aufenthalte im Süden ermöglichen raschen Zugang zu ersten praktischen Erfahrungen. Die gemeinsame Vor- und Nachbereitung bietet zudem ein ideales Feld für entwicklungspolitisches Lernen in europäischer Vielfalt.

Draginja Nadazdin gehörte zum ersten gemischten Team aus fünf Ländern, das die GLEN-Vorbereitungsseminare 2004 gestaltete: „Sehr schnell wurde mir bewusst, dass wir nicht nur über den Süden lernen, sondern auch übereinander. GLEN ist ein sehr komplexer Prozess des Lernens über den Süden, über EZ, über Deutschland, über andere europäische Länder und über uns selbst. Wir erörtern so wichtige Themen wie die unterschiedliche Geschichte und Tradition unserer Länder und unsere unterschiedlichen Lernkulturen.“

So empfanden viele Seminarteilnehmer die Deutschen in Diskussionen zunächst als ziemlich einschüchternd und dominant, ihre Fähigkeit zum Zuhören aber entwicklungsbedürftig. Der dezidierte Antikommunismus, die Religiosität und das ungebrochene Verhältnis zur eigenen Nation vieler Teilnehmer aus Mittel- und Osteuropa war wiederum den meisten deutschen Teilnehmern fremd. Doch nach zehn Tagen war die Fremdheit gegenseitiger Wertschätzung gewichen, der Blick aufeinander wesentlich differenzierter geworden.

Ob GLEN sein anspruchsvolles Ziel erreichen wird, ein dauerhaftes Netzwerk europäischer entwicklungspolitischer Nachwuchskräfte zu schaffen, ist offen. Die weitere Finanzierung ist noch ungeklärt. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Mittel- und Osteuropa, die 2004 weitgehend von Trialog und der Hamburger Staatskanzlei gefördert wurden, werden für 2005 noch Financiers gesucht.

Die Zwischenauswertung zum Ende der Anlaufphase jedenfalls verheißt großen wechselseitigen Zugewinn: Das Erlebnis der Vielfalt stellte alle Beteiligten nicht nur vor große Herausforderungen, sondern mobilisierte auch gewaltige Energien, ja Begeisterung.






Albrecht Ansohn
leitet das ASA-Programm (Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Lateinamerika, Asien und Südosteuropa) bei InWEnt. albrecht.ansohn@inwent.org